mit Mai im Extertal © by Luke Elljot

Morgenrot 32

Kapitel 8/1

Damals saßen wir beide an diesem Nachmittag noch eine ganze Zeit zusammen und unterhielten uns. Die Sache mit den wahren Wanderern mieden wir und ließen sie aus. Weil es uns an dem nötigen Wissen fehlte.

Auch Mai stellte sich mehr Fragen, als sie Antworten hatte. Vor allem aber, weil mir selber noch nicht klar war was das alles überhaupt für mich bedeutete. Mai schien das genau zu spüren. Und ich fühlte das es ein Band zwischen uns gab. Ein Band, das schon sehr lange geknüpft wurde.

Wir redeten über alles mögliche. Ihre Familie, den Tod ihrer Mutter und ihr Leben mit einem traurigen Vater. Und über meine Zeit im Waisenhaus. Für mich war dieses Gespräch eine Lektion fürs Leben. Ich selber war ja so sehr in meiner Lebensgeschichte verfangen, das ich eines vergaß; Jeder hat seine eigene Geschichte! Sein eigenes Schicksal. Mai kam mir immer so vollkommen vor. So glücklich. Aber auch sie besaß allen Grund zur Traurigkeit.

Einer plötzlichen Eingebung folgend zeigte ich ihr, das Tagebuch! Sie war natürlich tief ehrfürchtig berührt. Vor allem als sie erfuhr wer es schrieb. Als ich ihr jedoch anbot in diesem zu lesen weigerte sie sich zunächst standhaft.

Nein!“ sagte sie bestimmt. „Ein anständiges Mädchen ließt nicht in dem Tagebuch eine anderen Mädchens. Auch nicht wenn es schon so alt ist!“ Dabei hielt sie das Buch wie den heiligen Gral in ihren Händen, und konnte ihren Blick nicht davon lassen.

Schon so alt.“ flüsterte sie.

Natürlich las sie es später doch noch. Die Neugierde wurde einfach zu groß, und auch der praktische Nutzen den wir noch daraus ziehen sollten. Denn Mädchen verstehen einander eben doch besser. Egal aus welchem Zeitalter. Als sie es wieder weglegte konnte ich sehen wie sehr es ihr widerstrebte es loszulassen.

Für den Moment war jetzt aber alles gesagt. Die Sommersonne sank und die Dämmerung setzte langsam ein. Mai sagte das sie vor dem Dunkel werden zu Hause sein müsse, weswegen ich sie mit tiefem Bedauern zur Tür brachte. Ich vermisste sie schon, bevor sie gegangen war. Nachdem sie winkend, mit ihrem Fahrrad Richtung Fuhlen davonfuhr, ging ich wieder ins Haus, das auf einmal so leer erschien. Ich stand einen Moment in der Eingangshalle atmete einmal tief ein und dachte.

Was für ein Tag!“

Bevor sich nach unserem Gespräch, und diesem wunderschönen Nachmittag, die Gelegenheit ergab zusammen in das Extertal zu den Wackelsteinen zu fahren vergingen noch einige Wochen.

Zum einen lag es daran das Mutter mich und Anton ziemlich auf Trab hielt und zum anderen musste Mai ihrem Vater in der Tischlerei immer wieder zu Hand gehen.

Walter und Thea sah ich in dieser Zeit überhaupt nicht. Mutter war wie immer. gesprächsbereit, aber zugeknöpft „Alles zu seiner Zeit!“ So als ob dieses Gespräch nie stattgefunden hätte. Ebenso wie Anton.

Und auch Anne, mit der ich mehrfach versuchte ein Gespräch zu führen. Zum Beispiel was sie so alles über die Ziehmutter von Adono Dederich von Alverdissen wusste;

Der,im übrigen, nachdem er drei Söhne zeugte, unter mysteriösen Umstanden im Extertal verschollen blieb.

Doch sie sagte auch nicht viel. Entweder stellte sie sich dumm, oder sie wusste tatsächlich nichts. Wie auch immer es sich verhielt, sie wich mir aus.

Mag sein das nur Einbildung war, aber nach dem Gespräch mit Walter und Mutter waren die Leute im Dorf merkwürdig und manchmal sogar befremdlich. Ein Blick von der Seite hier, ein verschämtes den Blick senken da. Immer dann wen der, oder diejenigen dachten ich würde mich anderen Dingen widmen, wurden vielsagende Blicke ausgetauscht. Schnell fühlte ich mich an meine Zeit im Waisenhaus erinnert. Doch im Gegensatz dazu wurde ich jetzt sehr respektvoll behandelt.

Der Spätsommer lag in voller Pracht auf dem Land und es war zudem angenehm warm. Die Vorgärten und Balkone standen voller Blumen. Die zwischenzeitlichen Regentage taten dieser Pracht keinen Abbruch, ganz im Gegenteil Alles stand noch voll im Saft. Die Kastanien blühten und das Jahr schritt voran. Der Herbst klopfte ganz langsam an der Tür der alten vergehenden Jahreszeit. Der Lauf aller Dinge tat somit sein schöpferisches Werk. Bis heute ist diese Zeit des Jahres mir die liebste.

Die vielen Botengänge, die Mutter für mich hatte waren nicht unbedingt angenehm. Fast schien es, das sie mir diese auftrug um mich besonders oft ins Dorf schicken zu können. Einmal sprach mich vor der Kirche sogar eine alte Frau an und sagte laut das alle sehr froh seien das der junge Herr von Alverdissen jetzt hier sei, und die Dinge wieder „ins rechte Lot“ rücken würde. Die umstehenden taten so als ob sie nichts gehört hätten, doch die Anspannung was ich jetzt machen und sagen würde war körperlich zu spüren. Ich antwortete das es mir eine Ehre sei und ging schnell weg.

Ein netter Junge! Aber er ist noch so jung!“

Hörte ich die alte Dame noch sagen.

Mutter meinte nur, das ich darauf nichts geben solle und ich mir das alles sowieso nur einbildete.

Von Herrn Woitzek sah und hörte ich die ganze Zeit nichts.

Tatsächlich wusste ich wirklich nicht, was Einbildung war und was nicht.

Es ist ja immer so, wenn alle Sinne wie zu einem Mikroskop verfeinert werden, sieht und hört man manchmal Dinge nicht so, wie sie wirklich sind, sondern wie man meint sie zusehen. Weitere offenkundige Bezeugungen, wie zum Beispiel die dieser der alten Frau beim Gottesdienst vor der Kirche, gab es nicht. Wenn dann immer nur versteckt und angedeutet. Nein, es blieb so weit alles beim alten. Nur Mai behandelte mich jetzt anders. Wie ihren besten Freund. Sie verbrachte in der Schule viel Zeit mit mir in den Pausen. Da sie in der Schule extrem beliebt war, stand ich jetzt auch in der restlichen Zeit immer seltener alleine auf dem Schulhof. Das Interesse an mir wurde größer. Für wen interessierte Mai Ahnefeld sich denn da? Auf einmal wollten immer mehr andere Schüler/innen genauer wissen wer ich bin. Mir war das unangenehm. Ich empfand es sogar eher als belastend. Je mehr Menschen mir ihre Aufmerksamkeit gaben, um so mehr lastete es auf mir. Es kam mir unnatürlich vor.

Im Grunde genommen war alleine Mais Freundschaft schon mehr, als ich mir je erträumte. Selbst ihr Vater störte mich nicht. Auch wenn er mich immer wieder misstrauisch und knurrig ansah.

Doch dann war es endlich so weit und Anton fuhr uns, mit Mutters Erlaubnis, in das Extertal und setzte uns in der Nähe meiner geliebten Wackelsteinen ab. Der Morgennebel lag noch im Tal und die Gräser, Büsche und Bäume waren Nass vom Tau.

Mai und ich machten eine Zeit mit ihm ab wann wir wieder abgeholt werden wollten und zogen los. Mit festem Schuhwerk und unseren Rucksäcken sahen wir aus wie die lustigen Wandersleut, oder Bergtouristen. Es war Mai die sich nicht davon abbringen lies, das wir uns so ausstaffierten.

Wir wanderten in einem großen Bogen zu der alten Kultstätte und unterhielten uns über Gott und die Welt. Je tiefer wir in den Wald kamen desto trockener wurde es wieder. Immer wieder blieben wir stehen und sinnierten darüber, wer hier wohl schon so alles lebte und sich bewegte. Ob wunderschöne und reich gekleidete Prinzen und Prinzessinnen diesen Weg auf dem wir standen auch schon genommen hatten, Kutten tragende Kelten, Rüstungen tragende Römer oder doch eher bärbeißige und zottelige Germanen mit großen schartigen Äxten, auf der Jagd nach diesen Römern. Oder manche sogar zu gleichen Zeit.

Plötzlich standen wir vor den Felsen der Extersteine wie sie ja auch genannt wurden. Zu dieser Zeit waren diese noch eher unbekannt und es hielten sich kaum Menschen dort auf.

Schon seit langer, langer Zeit vielleicht seit Jahrhunderten wurden sie von verschiedenen Völkern für rituelle Handlungen genutzt. Die Druiden waren bei weitem nicht die einzigen. Oft stellte ich mir die Frage warum ausgerechnet dieser Ort?

Eigentlich, wenn man hier so steht,“ sagte Mai., „Sehen sie aus wie eine riesengroße Pforte, oder ein Tor.“

Ich sah mir die Felsformation noch einmal genauer an und musste ihr Recht geben. Wenn man nicht nur den Fels als solchen sah, sondern ihn mit ein bisschen Fantasie betrachtete, musste es einem eigentlich auffallen Da stellte sich mir natürlich die Frage; Warum mir das nicht schon früher auffiel?

Ein Tor? Wohin? In die Welt von der Walter, Anton und Mutter immer sprachen? In die Geistige Welt? Oder war es eher ein Tor aus dieser Welt hierher. Kam Marcus Christianus durch dieses, wenn ich ihn sah? Ein Tor konnte man immer in zwei Richtungen durchschreiten. Wenn ich das was sie sagten zugrunde legte und ich ein wahrer Wanderer war, dann könnte ich dieses Tor doch auch durchqueren!?

Das war alles einfach zu verrückt. Verrückt? Ver-rückt?

Stimmt.“ sagte ich zu Mai, die immer noch versonnen die Felsen betrachtete. „Sieht wirklich aus wie ein Tor! Is mir noch gar nicht aufgefallen!“

Komm!“ Mai hielt mir die Hand hin. „Komm wir gehen nach oben. Können wir von dort das Tal sehen?“ „Ja! Man hat von dort sogar einen herrlichen Blick ins Tal!“

Dann los.“

Einen Moment.“ antwortete ich. Und ging zu der Stelle die zwischen den beiden Hauptfelsen lag. Doch bevor ich zwischen diese trat, blieb ich einen Moment stehen. Sah von links nach rechts und suchte den imaginären Strich den es zu überschreiten galt. Dann machte ich einen Schritt nach vorne, den Kopf zwischen den Schultern. Doch nichts geschah.

Johannes?“ rief Mai. „Ist alles in Ordnung?“ Verlegen drehte ich mich um und lächelte. Dann ging ich zu ihr.

Wir gingen an den Wohnhöhlen vorbei den gewundenen Weg, der mit Stahlseilen abgesichert war nach oben und sahen hinunter ins Tal. Auch auf der Spitze befand sich so eine Art Schutzzaun. Die zunehmende Kraft der Sonne vertrieb langsam den Nebel unter dem hellblauen Himmel und alles schien irgendwie neu zu erstrahlen. Die Baumwipfel des Waldes sahen aus, als ob ein Maler mit einem dicken Pinsel in verschieden Braun- Grün- und Gelbtönen mal hier mal da getupft hätte.Zwischen diesen zogen sich immer noch, weiße Schwaden des Nebels. Nur dort wo die Fichten die Laubbäume verdrängten herrschte das gleiche Dunkelgrün. Was mochte dieser alte Wald schon alles gesehen haben? Und wer stand schon hier, lange bevor wir auf dieser Welt wandelten und erblickte das gleiche wie wir jetzt?

Bei solchem Anblick und dem stillen Verweilen, senkt sich eine universelle Wahrheit in jedes fühlende Wesen. Natur ist eine Alloffenbarung, der unendlichen immer wiederkehrenden Schöpfung. Kein Mensch könnte solche Wunder erdenken! Alles was der Mensch kann ist, diese Schöpfung wie ein kleines Kind nachzuahmen. Und selbst dann kommen nur verzerrte Abbilder dabei heraus, die oft nichts taugen. Alle die wirklich sehen können, verstehen das.

Hier oben zu stehen und in das Tal zu blicken war, als ob man es aus einer anderen Welt betrachtete. So wie aus einer anderen Zeit! Die Bäume würden sich wandeln, immer neue Menschen standen, stehen hier und werden hier stehen. Wie unsere Gedanken ein fließendes Kommen und Gehen. Der Fels bleibt.

Es war das erste mal, das ich so etwas empfand. War es der Ort, die Begleitung, oder beides?

Du hast recht Johannes. Dies ist ein wirklich besonderer Ort! Irgendwie empfindet man hier alles viel intensiver, oder? Und so vollkommen Zeitlos!“

Ich nickte stumm, ohne den Blick abzuwenden. Zeitlos? Wieso fand sie dauernd solche Worte?

Sag, und hier haben Menschen gelebt?“

Ja! Seit vielen, sehr vielen Jahren ist dies so etwas wie ein Heiliger Ort. Sagt zumindest der Geschichtslehrer. Zuletzt die Druiden. Unten gibt es noch kleine Höhlen in denen sie gewohnt haben sollen.“

Höhlen? Echt, wo?“

Na unten. Sind gerade dran vorbeigegangen.“

Ich weiß nicht warum ich ihr das erzählte. Denn mir war nicht so ganz wohl dabei. Was wenn dort Marcus Christianus auftauchte. Bis jetzt sah ich ihn nur in meinen Träumen. Und bis auf das erste mal immer nur alleine. Was wenn er da war, wenn Mai dabei war? Sie wusste nicht von meinen Visionen! Und irgendwie wäre es mir lieber gewesen wenn dies auch so bliebe! Denn ich wollte mich vor ihr nicht lächerlich machen.

Dass muss ich sehen!“ sagte sie.

Auf dem Weg nach unten erzählte ich ihr von der unglücklichen Liebe zwischen der Urahnin von Mutter, Katharosa Theodora von Alverdissen und dem Druiden Marcus Christianus. Gefesselt hörte Mai mir zu. Denn sie kannte diese Geschichte noch nicht.

Und sie erzählt das alles auch in ihrem Tagebuch?“

Ja. Die ganze Geschichte!“ Ich konnte sehen das sie in diesem Moment dachte…. Und dieses Buch hatte ich in meinen Händen!?

Alea jacta est.

-Luke Elljot-

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Über Luke Elljot - Autor

Bei Beginn des Blogs 2015 war ich um jetzt genau zu sein 53. Ich möchte so über meine persönlichen guten Erfahrungen auf dem Gebiet der Gedankenkraft informieren. Inclusive den natürlichen Rückschlägen. Dazu habe ich auch ein Buch geschrieben: Lutz Jacobs, Gesundheit und Spiritualität. ISBN: 978-3 8442-3669-9 erhältlich beim epubli Verlag. http://www.epubli.de
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