Morgenrot 25 © by Luke Elljot

Kapitel 6./0

Marcus Christianus

Nach dem Gespräch mit Herrn Woitzek dachte ich eine Zeit lang die Ereignisse würden sich überschlagen, doch geschah vorerst nichts. Der Heimweg an diesem denkwürdigen Sonntag war sehr still. Mutter fragte nichts und sagte nichts. Ich ebenso. Im nach hinein betrachtet war das sehr befremdend. Andererseits war ich froh nicht reden zu müssen. Mein Kopf wäre auch zu voll gewesen. Mutter sprach nie über diesen Moment. Doch ich war mir sicher das sie wusste mit wem ich in der Kammer sprach.

Die Dinge die ich über Marcus und Katharosa, Theodora und die Alverdissens erfuhr schwelten in meinem Inneren weiter und lagen wie ein feiner Nebel über allem. Immer wieder fühlte ich die Anwesenheit dieser beiden. Stellte mir vor wie sie hier lebten. Wenn ich die alte Straße entlangging dachte ich an sie, wie sie diesen Weg vor vielen Jahren auch schon gingen. Ihre Füße berührten den gleichen Boden, den auch ich jetzt berührte. Als Kind fand ich es traurig das von diesen Begebenheiten nichts blieb außer bewegter Luft. Wer weiß wer hier schon entlangging. Ich sah in meiner Vorstellung, ganze Heerscharen hier entlangwandert. Seit den Dinosauriern. Was, fragte ich mich, war es denn dann was blieb.

Ich stellte mir vor, wie sie ihre heimlich Liebe versuchten zu leben. Eine sehr romantische Sicht meinerseits. Später wurde mir klar, das nichts an dieser „Romanze“ romantisch war.

Oft drehte ich mich um, plötzlich fühlend das ich beobachtet würde. Nie sah ich jemanden. Aber seit damals fühle ich mich nie mehr wirklich allein.

Aus den Augenwinkeln glaubte ich immer wieder Menschen in altertümlichen Kleidern zu sehen. Sah ich jedoch in deren Richtung, waren sie verschwunden. Ich hatte eben eine sehr ausgeprägte Fantasie.

Jedes mal wenn ich Herrn Woitzek im Ort begegnete drehte ich mich schnell weg, wechselte die Straßenseite, vermied jeden Kontakt. Mutter entging dies nicht. Stirnrunzelnd sah sie mich an, sagte aber nichts.

Einmal sprach ich später dann noch mit Walter. Wir beide kamen überein, das mir meine Fantasie einen Strich spielte. Es war eben doch sehr viel auf mich eingestürzt. Mir entgingen die besorgten Blicke die er mit Thea austauschte nicht. Mit der Zeit aber wurden diese „Anwandelungen“ von mir immer weniger. Aus heutiger Sicht wäre man sicher mit mir zu einem Kinderpsychologen gegangen. Aber damals…..

Neben einiger öffentlichen Veranstaltungen zu denen mich Mutter mitnahm geschah nicht viel. Die Einweihung eines Kindergartens, ein großes Straßenfest und ein Geburtstag, oder so ähnlich. Meist wurde mir keine große Beachtung geschenkt.Das einzig wirklich aufregende für mich war meine Einschulung. Vor allem weil ich mich vom ersten Moment an als vollkommen akzeptiert und gleichberechtigt fühlte. Auch meine Kleidung unterschied sich nicht. Da war ich eben doch ein normaler zwölfjähriger.

Unser Klassenlehrer Herr Vogt war ein sehr freundlicher Mann und so fühlte ich mich wohl und ging gerne dorthin.

Mai ging leider in die Parallelklasse.

Es spielte sich alles ein. Die Tage bekamen ihren immer wiederkehrenden Rhythmus. Unter der Woche aufstehen und zur Schule mit anschließendem Hausaufgaben machen. Nachmittags hatte ich frei, oder half Anton, ebenso wie an den Samstagen. In meiner Freizeit versuchte ich vorsichtig ohne großen Erfolg an weitere Informationen zu bekommen Wenn Mutter da war, machten wir lange ausgedehnte Spaziergänge durch das Weserbergland in denen sie mich über die allgemeine Geschichte rund um diese Gegend informierte. Den Adel hier und so weiter. Aber auch das alles, sehr allgemein gehalten.

Einmal sprach ich sie noch auf unser Gespräch über das Beten an. Es war seit ich bei ihr war sicher schon ein Jahr vergangen und wir sprachen öfter über dieses Thema. Doch ihr war nicht entgangen wie ernst und gedankenversunken ich manchmal war. Sicher wusste sie nicht warum, doch da sie es respektierte und sich sicher war das ich ihr den Grund dafür sicher sagen würde zog sie vorerst ihre eigenen Schlüsse und sagte deswegen:

Johannes, nimm das Leben und was in diesem geschieht nicht zu wichtig und achte mehr auf deine Träume. Sie sagen dir viel über das Leben. So wird sich alles besser um dich stellen und klarer werden. Es gibt keinen leeren Raum. Alles um uns spricht zu uns. In unseren Gebeten können wir uns diesem zuwenden und uns öffnen. Durch unsere Gebete können wir besser zuhören. Wie man ein richtiges Gebet hält, weißt du ja. Du darfst aber deine Worte nie nur dem vergänglichen Teil der Natur zuwenden.“

. Weiterführende Gespräche fanden vorerst nicht statt. So vergingen die nächsten Jahre und ich hatte viel Zeit über diese Worte nachzudenken und sie zu vertiefen. Die Geschichte um ihre Ahnin und den Druiden entschwand mir nach und nach und wurde wie zu einem Traum. Auch auf die dezenteste Frage, hielt Mutter sich diesbezüglich bedeckt.

Bis zu meinem 15. Geburtstag. An diesem saß ich wieder einmal in meinem Turm und ließ meine Gedanken frei. Eine liebgewonnene Gewohnheit. Die Gäste waren wieder fort. Walter und Thea, ein paar meiner Klassenkameraden. Ja und Mai. Mein Leben war wirklich vollkommen verändert.

Gleich heute morgen fuhr ich mit Anton wieder einmal zu den Wackelsteinen. Er begleitete mich überall hin und wir redeten über die rätselhaften Geschichten die sich um diesen Ort rankten. Die Schwalben waren auf der Jagd, und weiße Wolkenfetzen zogen über den blauen Sommerhimmel. Es war so ein anderer Besuch wie mein letzter, als ich noch im Waisenhaus lebte. Ob das Stück von mir hier immer noch herumlungerte? Ein Rätsel konnte auch Anton mir nicht erklären. Wie diese Steine überhaupt dorthin kamen, wo sie jetzt lagen. Dort auf diesen Felsspitzen.

So liefen wir gemächlichen Schrittes hin und her ohne etwas besonderes zu erleben. Ich ging sogar in die kleine Höhle in der ich Marcus zuerst traf. Eine freudige Spannung nahm von mir Besitz. Aber es passierte nichts.

Dann fuhren wir zurück. Als wir zurückkamen waren die Gäste schon da.

Ich war mir heute so sehr sicher Marcus Christianus zu treffen und war enttäuscht, trotz des schönen Geburtstages. Denn es passierte nichts. Auch Walter sagte, das ich mir das alles damals sicher nur einbildete. Ich war in einer sehr schwierigen Situation und mein Geist suchte nach einem Ausweg, sagte er. Einen Ausflucht aus all der damaligen Traurigkeit. Da spielt einem die Fantasie schon mal einen Streich. Auch wenn es sich plausibel anhörte, wusste ich das es so nicht stimmte. Und ich konnte mich nicht des Eindruckes erwehren, das Walter seinen eigenen Worten auch nicht so recht folgen wollte. Ich wusste jedenfalls, da war mehr. Und zu gegebener Zeit würde ich ihn wiedersehen. Auch wenn ich nicht weiter darüber sprach, vergaß ich das Gespräch mit dem Schustergesellen nicht.

Ich hatte das Gefühl das ich in dem Moment als ich das Tagebuch in dem Turm aufschlug und sah und zu lesen begann, einen Schuldschein unterschrieb. Mir war nur nicht ganz klar wem gegenüber. Aber dieses Buch war zu mir gekommen, weil noch etwas unerledigt war. Marcus, Theodora oder Herrn Woitzek? Oder gab es da noch jemanden? Oder war es nur die übersteigerte Fantasie eines Jungen der unbedingt etwas erleben wollte? Nein! Etwas war unerledigt!

Jemand, oder etwas wollte aus der vergangenen Zeit nach draußen. Hatte noch etwas zu sagen, wollte sich mitteilen! Nur wer, oder was? Und vor allem was hatte ich damit zu tun. Ich befand mich auf einer Straße die ich nicht kannte. Kam mir vor, als ob dies der Weg von etwas anderem wäre.

Ich weiß heute das es nicht um irgendwelche Geister oder arme Seelen ging. Und auch damals hatte ich nicht einen Moment das Gefühl von wandernden Seelen. Es war mehr ein freiwerden gebundener Kräfte. Kräfte die durch die Vergänglichkeit der Körper, in die sie eingeschlossenen waren, durch mich nun zu ihrer Vollendung kommen würden. So als ob ich der Wipfel wäre, der den Ast erweiternd vollendet. Das unerledigte der Leichname der Vergangenheit. Deren Seelen längst im Meer des Universums aufgegangen waren.

Wellen die von einem Stein verursacht, sich in einem See noch lange ausbreiteten, obwohl der Stein längst am Grunde liegt!

Ich würde die Zellen zur Vollendung bringen. Das Erbe dieser Sterbestunden antreten. Ein Erbe das ich damals noch nicht verstand.

Ich war jetzt ein Junge. Damals als alles begann noch ein Kind. Doch ich verstand nicht was es war was mich mit diesem jemand, oder etwas verband?

Heute sage ich; es war meine Aufgabe. Mag sein, das dies die Form der Unsterblichkeit ist, die uns Menschen zu eigen ist.

Ich saß, als ich so nachdachte, weit weg von den Gedanken die ich gerade aufgeschrieben habe, in dem Sessel, in meinen kindlichen Gedanken versunken. Mir immer wieder die Frage stellend, was ich den wohl falsch gemacht hätte das Marcus Christianus sich nicht mehr sehen ließ. Das Buch auf meinem Schoß, die Hände gefaltet und hatte plötzlich seit langem wieder einen meiner Tagträume. Nachdem was Mutter sagte, ließ ich ihn freudig zu!

Ich stand auf einer staubigen Straße im gleißenden Sonnenlicht, welches mich von hinten anstrahlte.

Mein Schatten lag unförmig auf den großen blanken Pflastersteinen vor mir. Die Füße viel zu dick, band er mich an den Boden. In der Ferne in der wabernden Luft, zog eine Gruppe Soldaten vorbei. Ihnen voran ein Gruppe von vier Priestern. Davor ein schwerer Wagen aus Holz, mit Gittern vor den Fenstern. Auch auf diesem saßen Priester. Inquisitoren.

Woher ich das wusste konnte ich nicht sagen.

Große buntschillernde Insekten surrten und brummten an mir vorüber . Das trockene Gras raschelte im Wind.

Was muss nur geschehen das sie mit diesem Wahnsinn aufhören?“ Sagte Marcus Christianus neben mir.

Ich weiß es nicht!“ antwortete ich. „Doch du solltest leiser sprechen mein Freund. „Diese Priester haben überall Ohren und Augen.“ Ich hörte diese Stimme, wusste das ich es war in diesem Traum der Sprach, doch wer war ich?

Warum verstehen sie nicht, das wir nur leben um die Vollendung unserer Seelen willen. Um zu handeln als seien wir unsterblich. Nicht um des Dinges Willen in unseren Händen, oder um des Rechtes willen. Wer dieses Ziel nicht verliert versteht, das auch der Tod nur eine kurze Rast bedeutet. Warum also laden sie diese elende Schuld auf ihre Schultern?“ nach einer kurzen Pause sagte er. „Sie ist in Erwartung.“

Wie bitte was?“

Sie ist in Erwartung.“

Dann musst du schnellstens weg von hier.“ Ich wusste sofort das es um die junge Adelige ging. Das Fräulein Alverdissen.

Aber wohin?“

Egal, nur weg. Alle wissen das sie oft bei dir war, und dich um Hilfe bat. So, oder so, es ist für sie Hexenwerk. Denn eine Adelige kann man nur mit Hexenwerk verführen. Und einer der nicht kann, kann auf einmal wieder? Zauberei! Wenn du weg bist, dann werden sie es nicht wagen den Ritter anzuzweifeln!“

Du hast recht! Denn ich habe noch etwas zu tun. Meine Zeit wird kommen, doch jetzt noch nicht!“

Wir müssen mit den Meistern reden!“

Dann erwachte ich wieder! Ich wusste das es Marcus Christians war mit dem ich sprach. Doch wer war ich in diesem Traum?

Und wieder überstieg das gesagte bei weitem meinen kindlich- jugendlichen Horizont. Doch ich nahm es wie es war.

Irgendwann würde ich es verstehen.

Was mich sehr viel mehr beschäftigte war etwas anderes. Es war so real! Ich konnte noch die trockene warme Luft in meinen Lungen spüren.

-Luke Elljot-

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Über Luke Elljot - Autor

Bei Beginn des Blogs 2015 war ich um jetzt genau zu sein 53. Ich möchte so über meine persönlichen guten Erfahrungen auf dem Gebiet der Gedankenkraft informieren. Inclusive den natürlichen Rückschlägen. Dazu habe ich auch ein Buch geschrieben: Lutz Jacobs, Gesundheit und Spiritualität. ISBN: 978-3 8442-3669-9 erhältlich beim epubli Verlag. http://www.epubli.de
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4 Antworten zu Morgenrot 25 © by Luke Elljot

  1. Alice Wunder schreibt:

    Wer hat das gesagt: „Materie ist Energie. Im Universum gibt es sehr viele Energiefelder, die wir auf normalem Wege nicht wahrnehmen können. Einige dieser Energien haben eine spirituelle Quelle, welche auf die Seele einer Person einwirkt. Jedoch existiert diese Seele nicht ab initio, wie das orthodoxe Christentum uns lehrt, sie muss ins Sein gebracht werden durch einen Prozess kontrollierter Selbstbeobachtung. Dies jedoch wird so gut wie nie erreicht aufgrund der einzigartigen Fähigkeit des Menschen, sich durch alltägliche Trivialitäten vom Geistigen ablenken zu lassen.“

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