Morgenrot 24 © by Luke Elljot

Kapitel 5./6

Herr Woitzek der Schustergeselle, und wie die Dinge sich immer mehr klären.

Der Rest des Samstags verlief ruhig. Abends lag ich zum zweiten mal in meinem Bett. Die Vertrautheit in meinem neuen Heim wurde immer größer.

Ich verstand und erkannte;

Dies war ab jetzt mein neues Leben! Durch diese neue Erfahrung erwachte ein neuer Johannes in mir und er begann sich zu regen und zu sehen und zu hören. Was Morgenrot dazu sagen würde, ich war gespannt. Draußen im Garten stand ein riesengroßer Fliederbusch. Und durch das offene Fenster drang der süßliche Geruch von diesem in mein Zimmer.

Ich Atmete tief durch und füllte die Lunge in meiner Brust mit diesem herrlichen Duft. Ich war kein Heimkind mehr! Dieser neue Johannes sagte in mir, das ich ab sofort nie wieder meinen Blick unterwürfig anderen gegenüber senken würde. Respekt und Demut ja, aber immer im Sinne von gleichgestellten. So schlief ich mit einem seligen Lächeln schließlich ein. Morgens machten wir uns gemeinsam auf zum Gottesdienst im Ort. In dem feinen Sonntagsanzug kam ich mir vor wie mein eigener Bestatter, sagte aber nichts.

In der Kirche hatten die von Alverdissens eine eigene Bank gleich rechts vorne vor dem Altar unter den Aposteln. Von der ganzen Gemeinde beobachtet nahmen wir Platz und folgten dann dem Gottesdienst.

Wieder draußen vor der Kirche, wurde Mutter in verschiedene Gespräche verwickelt in denen immer wieder von der Neugierde getriebene fragten wer ich den sei und wo ich herkäme. Freundlich nickend, wandten sie sich mir dann zu und sagten. „Der junge Herr von Alverdissen. Gott segne sie!“

Mir wurde das immer unangenehmer und mit Erlaubnis von Mutter ich zog mich zu einem der Seiteneingänge zurück. Dort wurde ich dann von dem Schustergesellen Herrn Woitzeck abgefangen und in einen kleinen muffigen Hauswirtschaftsraum gezogen. Wieder erschien es so, als ober dort wartete. Noch bevor ich nach Mai Ahnelfeld Ausschau halten konnte, folgte ich ihm trotz eines tiefen Wiederstrebens in mir. Meine eigene Wissbegierde war einfach zu groß.

In dem Raum stand ein grober Holztisch auf dem eine verrußte Öllampe stand, und zwei Stühle auf die wir uns setzten. An den Wänden standen Regale voller Kisten und alles war voller Spinnweben die sich in den Luftzügen bewegten.

Der jungngngne Herrrr vonAlverdisngngn….. oder solllte ichchcsagen gengngn Morrrgngenrothh?“

Sie kennen mich?“ sagte ich ehrlich überrascht.

Aufff ein Wort, sie habengn doch etwass Zeitchch?“

Ich nickte. Wo sollte ich auch hin?

Oooooohh ja! Ja, ja, ich kennne daasssss, ich gngn kennn ddddasssss..Kinngn…“

Das Kinderheim?“ „Jjjaa. Geennnau.“

Mit ihm zu sprechen war zunächst etwas anstrengend. Immer wieder zuckte und ruckte sein Kopf und wenn er sich in sein Gesicht griff wurde es auch nicht besser. Doch nach und nach beruhigte er sich und man konnte fast normal mit ihm sprechen. Deutlich spürte ich das ich es war, der ihn verlegen machte, nicht die Geschichte die er zu erzählen hatte. Wenn ich das Wort an ihn richtete, wurde er nervös.

Ich kann das Gespräch nicht in allen Einzelheiten wiedergeben. Beschränke mich auf die einfachsten Unterbrechungen. Nicht alle …gngngn…, und ssss, chchc.

Als Schuster war er sehr gut. Da musste er ja auch nicht reden.

Die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl er sah mich als gleichaltrig an. Vergaß das ich ja noch ein Knabe war. Siezte mich. Sah in mir einen Erwachsenen, was mich sehr verwirrte.

Ssssie llleben bbei derr Herrin? J ja,ja?“

Ja Herr Woitzek.“ mir wurde es immer mulmiger und ich überlegte ob ich nicht besser bei Mutter geblieben wäre.

Kennen sie den die Geschchcichchtee?“

Die Geschichte? Von wem?“

Von den Alverdissens, ja? Ja?“

Nein. Nein Herr Woitzek. Die kenne nicht. Waren sie denn auch in dem Heim?“

Bei dieser Frage zuckte er zusammen und sah sich erschrocken um.

Nnnnich darrüber rrereden der jjunge Herr. Nnnein neeiein!“

Nicht über das Heim reden?“

Nein. Ssonst kommen sie doch mit den Feuerstäben und hallltenn sie an mmeinenn Koopfgngn!!!“ Dabei hielt er beide Hände Kopfschüttelnd an seine Schläfen.“

Das war es dann. Er meinte die Elektroden.

Ist gut!“ sagte ich beruhigend. Denn er regte sich sehr auf. „Wir reden nicht darüber und es wird niemand kommen.“

Gngn gut! Sssehr gut. Ja, ja dass isst gngut. Schlimme Zeit damals. Böse Menschen. Sehr böse. Trugen immer Uniformen. Böse Menschengngn böösee. Wie damals, gn ja,ja damals. Sie he, he, he, sie kennen gn das Wappen der Alverdissense? “

Das mit dem Mönch?“ fragte ich.

Mönch? Hagnhaha.. jjjja Mönch. Keinnngn Mönch. Nnneinn neiemgmnch Mönch.

Mmmcarcus issstn seinnname ha. Mmmmaarrcuss ch.Jajaja!“

Was sagen sie?“

Wie gesagt schien er immer wieder zu vergessen, das ich doch erst noch ein halbwüchsiger Junge war. Machte immer wieder zweideutige, schlüpfrige Andeutungen. Und je länger wir sprachen, hatte ich immer mehr das Gefühl, das ich mit einer Sache konfrontiert wurde, die mein Verstehen weit überstieg, aber mir trotzdem seltsam vertraut erschien.

Ich werde es ihnen erzählen Herr von Alverdissen. Alles, werde es dem jungen Herren erzählen. Hab es noch niemandem erzählt!“

Was jetzt folgte, was er zu erzählen hatte, war so unglaublich das ich es zunächst kaum glauben wollte. Ohne jede Zuckungen erzählte der Schustergeselle die Geschichte der Katharosa Theodora von Alverdissen und Marcus Christianus. Die eine Liebschaft miteinander hatten, aus der das Geschlecht der von Alverdissen entstehen sollte. Denn aus ihren Lenden entsprang nach einer leidenschaftlichen Nacht der Erstgeborene von Alverdissen. Adono Diederich mit Namen. Der eigentliche Begründer der von Alverdissen. Deswegen sah man auf dem Wappen keinen Mönch, sondern einen Druiden. Was allerdings so nicht zu erkennen war. Woher das dieser eigenartige hässliche Mann wusste?

Er war, so behauptete er zumindest, einer der Nachfahren der Hebamme, die Adono, Diederich auf auf die Welt brachte.

Offiziell wurde dieser Junge als der Sohn des damaligen Ritter Hermann, Phillip von Alverdissen deklariert. Hermann tat sich in einer Schlacht des Fürstenhauses gegen aufständische Räuberbanden im Raum Bückeburg – Stadthagen wegen Tapferkeit gegen den Feind hervor und wurde deswegen zum Ritter geschlagen. Mit ihm war das damalige Fräulein, eine Ur- Ur-Ahnin von Mutter, offiziell liiert. Dem Ritter war dieses Kind recht. Denn er selber war unfruchtbar. Somit wäre sein hart erkämpfter Adelstitel wieder verloren gewesen.

Wilde Zeiten waren das damals. So war der Fortbestand des neuen Hauses von Alverdissen gesichert. Nur wissen durfte das keiner. Herr Woitzek belauschte aber als kleiner Junge, damals ebenfalls ein Waisenkind, ein Gespräch des damaligen Abtes und der Großmutter des Fräuleins. So landete er im Waisenhaus, wurde „behandelt“ und war fortan der Dorfnarr, den keiner mehr ernst nahm. Ich tat es. Ich nahm ihn sehr ernst sogar. Was für eine Scheußlichkeit für einen unschuldigen kleinen Jungen? Was musste dieser alte Mann als Kind alles mitmachen?

Doch was wiederum sollte ich jetzt tun?

Wenn ich mir das jammervolle Schicksal dieses armen alten Schustergesellen vergegenwärtigte. Diese Dunkelheit die seine Seele verschlingen mochte, mir aber trotzdem sein ganzes Wesen ansah, das trotz allem einer gewissen gespenstischen Komik nicht entband, dann wurde mir das Herz sehr schwer. Der, der am wenigsten dafür konnte was geschah. Der das damaligen leicht frivolen Fräulein nicht kannte, litt am meisten. Denn das war noch nicht alles, es ging noch weiter. Ihr Verrat noch tiefer. Als sie ihr Ziel erreichte, brachte sie Marcus Christianus auf den Scheiterhaufen. Wenn das alles stimmte, dann wusste ich warum Mutter so auf ihn reagierte. Aber dann wusste sie darüber sicher auch Bescheid. War das dann alles in seiner Abscheulichkeit wirklich war? Oh ja, es war!

Es gab Momente in diesem Gespräch, da übertrug sich der Wahn des alten Schustergesellen so intensiv auf mich, das ich mich trotz meines zarten Kindesalters fühlte wie ein Greis. Dann lastete meine doch eigentlich unbeschwerliche Kindlichkeit schwer. Ich wusste einfach das er die Wahrheit sprach. Durch das Buch in meinem Turm! Ich hatte es noch lange nicht zu Ende gelesen. Doch deckten sich zu viele Details mit seinen Schilderungen. Nun wusste ich, wer es geschrieben hatte!

Katharosa Theodora! Die Urahnin Mutters.

Er nahm mir untertänigst das Versprechen ab, nicht mit meiner Mutter über das soeben gehörte zu sprechen. Doch dieses, das war mir sofort klar, würde ich nicht halten können. Und wenn ich ihn so ansah, dann hatte ich das Gefühl das ihm dies ebenfalls von vornherein klar war.

Warum aber erzählte er mir diese unglaubliche Geschichte? Diese Frage stellte ich ihm auch sogleich.

In dem Jungenenchchenherrrren lebth das Lichtchgngn.“

Der Herr Woitzek wurde immer erregter und bekam jetzt hektische Flecken im Gesicht.

Welches Licht denn?“

Das Licht das den Tod besiegt! Sie können diesen Weg gehen, und wieder zurück!“

Ich war zwölf, fast dreizehn!! Was geschah hier?

Johannes? Johannes! Wo bist du?“

Mutter. Sie suchte nach mir. Froh diesem Gespräch jetzt entfliehen zu können ging ich nach draußen. Herr Woitzek blieb sichtlich enttäuscht zurück. Ich war mir sicher das dies nicht das letzte Gespräch zwischen uns bleiben sollte. Doch würden zum nächsten Gespräch Jahre vergehen. Auch weil der Schustergeselle mir und ich ihm lange aus dem Weg ging.

Als ich zu Mutter ging sah sie mich prüfend an.

Alles in Ordnung mit dir?“ „Alles in Ordnung!“ Antwortete ich, nicht ganz wahrheitsgemäß.

Einstweilen gingen wir in Ruhe nach Hause und Mutter lobte mich dafür, das ich alles richtig gemacht hätte.

Überhaupt geschah in den nächsten zwei, drei Jahren wenig. Keine weiteren Geheimnisvollen Funde oder Träume, keine Gespräche.

Ich las das Tagebuch, in dem alles fast genau so stand, wie Herr Woitzek es beschrieb. Und das sie ihn wirklich liebte. Doch diese Liebe war unmöglich. Es waren einfach andere Zeiten. Und eine Liebe zwischen dem Druiden Marcus Christianus und ihr, einer Adligen, war vollkommen unmöglich. Waren doch alle Druiden immer in Gefahr der Inquisition anheim zu fallen. Und mit ihm alle die ihm nahe standen. Doch ihren Andeutungen zufolge gab es da noch jemanden der ihr sehr nahe stand. Aber ohne das sie ihn liebte. Doch dort stand nichts von einem Verrat. So offen und ehrlich wie sie schrieb, hätte es, wenn es diesen Verrat gab, dort gestanden.

Über die Zeit wusste ich Mutter immer besser zu nehmen. Doch sie wusste auf jeden Fall nichts von diesem Buch. Noch ein Geheimnis. Wo aber kam es dann her? Keiner wusste etwas darüber!

Zu ihrer Ahnin fragte ich sie nicht, noch nicht. Es wollte sich einfach nicht die richtige Gelegenheit ergeben.

Was blieb waren nur meine von Wissensdurst getriebenen Nachforschungen. Doch übertrieb ich es auch nicht mit meiner Suche. Es hielt mich wohl auch die Sorge zurück, nicht zu viel finden und erfahren zu wollen. Denn ich war den von Alverdissen sehr dankbar für alles und wollte dies nicht mit meiner Neugierde und meinem Misstrauen „besudeln“. Außerdem war es doch schon so lange her. Keiner der heute lebte hatte etwas damit zu tun! Aber solch ein echtes Geheimnis? Dazu das Tagebuch! Und das in meinem Alter vor meiner Nase? Der mysteriöse gute Freund des Marcus Christianus auf dem in diesem Buch immer wieder hingewiesen wurde. Sein Freund M. Oder unser Freund M….. Es gab Andeutungen über seine Familie, aber keine Namen. Sicher wollte sie ihn so damals schützen, falls diese Buch gefunden worden wäre und in die falschen Hände geriet. Diesen Freund fand ich nirgendwo.

Nun gut. Ich wurde in der neuen Schule eingeschult. Und alles bekam eine neue Routine.

Die Klasse in die ich kam war in Ordnung. Nur das Mai Ahnefeld in einer anderen war störte. Mutter war dafür bekannt das sie Jugendlichen und Kindern eine neue Chance gab. Das sie mich an Kindes statt aufnahm, ließ mich in meinem Ansehen nur noch steigen. Und dank meiner neuen Gesellschaftlichen Position ließen mich auch alle in Ruhe. Ich selber nahm diese neue Position auch schnell an. Wurde sogar ein guter Schüler. Vor allem im Geschichts- oder Heimatunterricht. Nicht das ich mir etwas einbildetet oder so. Aber ich wurde mir durchaus bewusst wer meine Mutter war.

Mit Mai Ahnefeld kam ich auch nicht weiter. Walter und Thea und auch alle anderen beantworteten meine Fragen zu den Alverdissens merkwürdig zugeknöpft. Mutter wagte ich nicht zu fragen, was sicher am einfachsten gewesen wäre. Lediglich in der Bibliothek fand ich dazu Informationen. Diese waren allerdings eher allgemeiner Art. Und auch die Besuche im Extertal brachten nichts. Marcus Christianus ward von mir einstweilen nicht mehr gesehen.

Ja und der Dachboden? Er brachte auch keine neuen Erkenntnisse. Allerdings hätte ich auch mit meiner ganzen Klasse Jahre dort oben verbringen können. Immer mehr begann ich zu zweifeln, ob ich den Druiden wirklich jemals sah. Doch dieser eine Satz des Schustergesellen verfolgte mich.

Das Licht das den Tod besiegt! Sie können diesen Weg gehen, und wieder zurück! Denn das Licht leuchtet ihnen.“

Walter wollte ich zunächst nicht mehr fragen und beschloss daher zu warten.

-Luke Elljot-

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Über Luke Elljot - Autor

Bei Beginn des Blogs 2015 war ich um jetzt genau zu sein 53. Ich möchte so über meine persönlichen guten Erfahrungen auf dem Gebiet der Gedankenkraft informieren. Inclusive den natürlichen Rückschlägen. Dazu habe ich auch ein Buch geschrieben: Lutz Jacobs, Gesundheit und Spiritualität. ISBN: 978-3 8442-3669-9 erhältlich beim epubli Verlag. http://www.epubli.de
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