Morgenrot 22 © by Luke Elljot

Kapitel 5. / 4

Herr Woitzek der Schustergeselle.

Ehrlich? Walter und Thea kommen, hierher?“

Ja Johannes. Das Fräulein hat sie eingeladen. Sie waren sehr überrascht und freuen sich sehr für dich. Das soll ich dir ausrichten. So! Jetzt geh auf dein Zimmer du kleiner Handwerker, ruhe dich etwas aus und zieh dich um.“

Ich sah Anton an. Er trug wieder seine üblichen Sachen. Diese Schwarze Robe in der er mich immer an den Bestatter aus dem Ort vom Waisenhaus erinnerte. Herr Övermann. Schon als kleiner Junge fand ich es immer wieder sehr erstaunlich wie die Menschen sich auch im Erscheinungsbild ihrer jeweiligen Arbeit anpassten. Der rotbackige Obstverkäufer. Der ernste Postbeamte. Und eben der immer eine Trauer vor sich hertragende Bestatter.

Und Anton der introvertierte Butler, der auf jedes Detail achtende ernsthafte Diener seiner Herrin.

Den ich jetzt so glaube ich jetzt das erste mal lächeln sah.

Ja, es ist gut Johannes.“ sagte er. „Wir haben alle Aufgaben erledigt die uns das Fräulein aufgetragen hat. Geh und zieh dich um.“

Danke Anton!“ Dann drehte ich mich um und rannte auf mein Zimmer. Bevor ich jedoch aus der Hörweite war hörte ich Anton noch sagen. „Er ist ein guter Junge Anne. Fleißig und aufmerksam. Da hat das Fräulein wirklich eine gute Tat getan.“ Mein Herz ging auf und ich wäre fast gestolpert.

Im Zimmer angekommen legte ich mich auf mein Bett und konnte vor Aufregung kaum atmen. Walter und Thea wollten mich hier besuchen! Kaum zu fassen das ich erst gestern hier ankam. Mir kam es so unendlich viel länger vor. Alles hatte sich so sehr verändert und ich erlebte so viel in dieser Zeit.

Die beiden waren für mich das, was meinem Empfinden einer Familie am nächsten kam. Obgleich ich nie vergaß, das sie nicht meine Familie waren. Zumindest nicht dem Blute nach. Doch es gibt Verwandtschaft die sich nicht durch das Blut erklären lässt.

Einmal sagte ein Junge im Heim zu mir, das er sich solche Großeltern wünschen würde. Seine lebten noch, wollten ihn aber nicht bei sich haben. Was war dann die Familie Wert, dachte ich. Wenn Fremde einem näher sind wie Blutsverwandte.

Sollte man seine Familie nicht doch lieben? Doch das Wort „sollte“ ist der Liebe fremd. Ihrem tiefsten Wesen nach, wendet sich die Liebe dorthin wohin sie will, ohne wenn und aber.

Es gibt Familien die vollkommen ohne Liebe füreinander sind, ohne das auch einen davon irgendeine Schuld trifft. Trotzdem ist keiner vollkommen ohne Liebe. Diese wohnt in jedem, denn ohne Liebe wäre ein Leben vollkommen unmöglich. Sie sind einfach ohne die Fähigkeit zur Liebe füreinander geboren. Aber sie sind nicht ohne Liebe, sind nicht leer. Das ist niemand. Niemals.

Dieser zwangsläufigen Unsitte Väter, Mütter, Brüder und Schwestern räumlich nicht nur einfach zusammenleben zu lassen, sondern dies auch als einzig wirklich harmonische Lebensgrundlage anzusehen, bringt leider oft unabsehbaren Schaden.

Niemand kann glücklich leben, es sei denn man lebt mit Menschen, die die gleiche gedankliche Ausrichtung haben, die die gleiche Aspiration oder Hoffnungen, die gleichen Impulse haben.

Und das sind eben nicht immer unsere Blutsverwandten.Anfangs habe ich sehr darunter gelitten keine Familie zu haben. Doch dann kamen immer mehr fremde Menschen in mein Leben, die zu meiner Familie wurden.

Manch einer sogar nur in den Büchern die ich las.

Walter und Thea. Sie waren immer da und kümmerten sich um mich. Zumindest so weit dies möglich war. Denn das Gesetzt setzte ihnen klare Grenzen. Und jetzt kamen sie hierher um mich in meinem neuen Heim zu besuchen. Aber das war so nicht richtig. Denn es war nicht mein neues Heim, es war mein erstes Heim.

Und Mutter. Ja Mutter, die ich trotz allem siezen musste. Was sie mir näher brachte, als diese ganze aufgesetzte liebhabhudelei. Wie unangenehm sind diese Berührungen von Menschen die man kaum kennt und die einen „lieb haben“. Und die Kinder begrüßen wie einen kleinen niedlichen Pudel. Sich dann wegdrehen und nicht mehr darüber nachdachten.

Jeder der einmal als Kind sehr lange von seiner Familie getrennt war, kennt dieses Gefühl des Verlustes, des Getrennt seins. Doch ich empfand es erst als ich erfuhr das sie kamen. Erst da bemerkte ich wie wichtig sie für mich waren und wie sehr sie mir fehlten. Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte mir das ich noch genug Zeit hatte. Also beschloss ich ich hier einfach noch einen Moment liegen zu bleiben und zu denken und atmen. Einfach so.

Erst ihr anstehender Besuch machte es für mich deutlich. Es machte mir deutlich wie sehr sich mein Leben in so kurzer Zeit veränderte.

War ich doch bisher ein Waisenkind aus dem Nirgendwo des Seins. Ohne Existenz ohne Zukunft. Abgelegt wie ein Bündel vor eine Tür. Oft stellte ich mir die Frage ob es nicht eigentlich erst dieser Moment war der mich das Licht der Welt erblicken ließ. Vorher war ich nicht existent. Wäre ich nicht rechtzeitig gefunden worden, hätte ich dann überhaupt existiert? Immer wieder stand diese Frage in greller Nacktheit vor mir. Und diese Perspektive in meinem Gedächtnis konnte bisweilen zu einem Alpdruck werden. Diesen seltsamen Dissonanzen mein ganzes bisheriges Leben ausgesetzt, wenn ich mir meines jammervollen Schicksals bewusst wurde. Aber niemals war ich bereit mich diesem zu ergeben.

Ich wusste ja nicht, war es Zufall oder Absicht das diese Tür zu Walter und Thea gehörte. Gerne stellte ich mir vor das meine Mutter dies genau so plante. Auch wenn Walter, der immer ehrlich zu mir sprach, sagte das er nicht wusste wer meine Mutter war.

Als hilfloser Säugling einfach anderen vor eine Tür gestellt. Lediglich mein Namensschild gab einen Hinweis wer ich war. Ohne woher und ohne wohin kam ich in dieser Welt an und landete in dem Waisenhaus. Viele Jahre verschloss ich mein Herz vor den Gedanken an meine Mutter. Die es für mich nicht wert erschien, sich mit ihr zu beschäftigen. Die Frage; was war sie für ein Mensch? Wollte ich nicht stellen,

Obwohl ich schnell verstand was mir geschah kann ich mich nicht daran erinnern das es je einen Moment gab in dem ich mir nicht sicher war aus all dem herauszukommen. Und wenn ich deswegen als sechsjähriger Zeitungen austragen musste, dann war es eben so.

Immer schon zogen mich die Wackelsteine an.

Und immer schon wusste ich das die Brüder des Waisenhauses Jesus nicht verstanden. Diesen aufrechten Mann mit seinen langen dunklen Haaren und seinen braunen Augen, und dem einfachen Gewandt. Der eine klare einfache Sprache sprach, die jeder verstand. So sie nicht durch das Latein entfremdet wurde. Den Jesus sprach kein Latein.

Johannes?“

Jetzt lag ich hier und tat das, was ich schon in Kindertagen am besten konnte. Was ich früh lernen musste. Abwarten. Auch wenn es mir dieses mal zugegebener Maßen so schwer viel wie noch nie.

Johannes?Warum warst du nicht zur Beichte?“

Was? Wer spricht da?“ Ich ging zur Tür, doch dort befand sich niemand. Die Stimme hörte sich an als spräche sie durch eine lange enge Gasse zu mir.

So! Du bist nun von ihm eingetragen in das Buch des Lebens. Ich vergebe dir all deine Sünden. Die begangenen und die, die du noch begehen wirst!“

HALLO!“ rief ich noch einmal laut in den Flur.

Da sah Anne erstaunt um die Ecke.

Johannes, ist alles in Ordnung?“ „Ja, ja ich dachte nur ich hätte jemanden gehört der nach mir ruft.“

Nein mein Junge. Es hat niemand nach dir gerufen. Leg dich noch einen Moment hin. Es ist eben doch viel passiert nicht war? Ein kleiner Plausch mit deinen Freunden und dem Fräulein bei Kaffee und Kuchen, oder in deinem Fall Kakao, und danach kannst du machen was du willst. Morgen gehen wir zum Gottesdienst. (Und dieser Gottesdienst barg eine große Überraschung)

Dann hast du die ganze nächste Woche frei. Und am Montag kommst du in deine neue Schule. Also geh in dein Zimmer und ruhe dich noch etwas aus. Ich sag dir dann Bescheid.“

Kann ich auch in den Garten gehen?“

Selbstverständlich! Wenn du möchtest? Ich muss noch einiges vorbereiten. Bis gleich!“

Ich drehte mich um und ging doch erst einmal in mein Zimmer. Schon als kleines Kind hörte ich immer wieder Stimmen. Doch nie so klar wie heute. Ich tat es wegen der ganzen Aufregung als Einbildung ab und dachte an Walter und Thea.

Zwei Welten würden sich heute begegnen. Die alte, trostlose und harte Welt vergangener Tage. Und das blühende Heute und morgen.

Walter und Thea, kamen aus diesem alten Leben und ich würde nie vergessen, was diese beiden für mich taten. Und Mutter? Sie wurde immer mehr zu meinem Engel.

In diesem Moment musste ich wieder an Frau Köhler denken. Sie war auch ein Lichtblick in diesem trostlosen alten Leben.

Hallo mein kleiner Sonnenschein am Morgen.“

Was sie sich wohl zu sagen hatten. Mutter und meine beiden Freunde? Und warum rief Mutter sie an? Mutter die so hart erschien, aber so etwas feines zartes, niemanden-verletzen-können, an sich hatte.

Die wie ich mir sicher war ein tiefes Wissen über viele Zusammenhänge in dieser Welt hatte.

Es klopfte leise und Anne trat ein.

Johannes mein Junge. Du kannst langsam herunterkommen. Ist alles in Ordnung bei dir?“ Ich nickte kurz und ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte mir. Zwei Stunden waren vergangen. Wo immer ich auch mit meinen Gedanken war, es waren zwei Stunden vergangen. In den Garten konnte ich ja auch erst später gehen.

Also zog ich mir frische Sachen an, wusch mir das Gesicht und kämmte meine Haare bevor ich runterging. Haare kämmen! Auch so eine neue Angewohnheit.

Ich war so aufgeregt Walter und Thea hier wiederzusehen. Sie waren immer so gut zu mir. Sie sorgten immer dafür, das mein kleines Licht der Hoffnung immer in mir leuchtete. Irgendwie war es auch ihr Verdienst das ich jetzt hier war. Ich kam vor Aufregung kaum die Treppe herunter.

-Luke Elljot-

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Über Luke Elljot - Autor

Bei Beginn des Blogs 2015 war ich um jetzt genau zu sein 53. Ich möchte so über meine persönlichen guten Erfahrungen auf dem Gebiet der Gedankenkraft informieren. Inclusive den natürlichen Rückschlägen. Dazu habe ich auch ein Buch geschrieben: Lutz Jacobs, Gesundheit und Spiritualität. ISBN: 978-3 8442-3669-9 erhältlich beim epubli Verlag. http://www.epubli.de
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