Morgenrot 21 © by Luke Elljot

Kapitel 5. / 3

Herr Woitzek der Schustergeselle.

Oft hörte ich sie diese Worte sagen. Aber so unwissend konnte man doch nicht sein, dachte ich. Schon gleich überhaupt nicht einem so kleinen Ort.

Heute denke ich das es eher so war, das sie selber genau das glauben wollten. Wohl wissend dass sie nicht in der Lage waren sich diesem Grauen zu stellen. Ihre eigene Machtlosigkeit, oder Gleichgültigkeit erkennend. Die grauen Lieferwagen die über Jahre alle zwei Wochen auf den Tag genau vorfuhren und die auf dem Hin- und auf dem Rückweg den Ort passierten konnte man nicht übersehen. Und sie mussten wissen, oder zumindest erahnen, was sich in diesen befand. Einige Ansässige betrieben Handel mit diesem Heim und von keinem befand sich Ware in diesen. Einer dieser Wagen fuhr zu meiner Zeit immer noch für das Waisenhaus um Vorräte und anderes zu transportieren. Mir wurde im Nachhinein noch schlecht, wenn ich bedachte was in diesem, außer Essen, alles transportiert wurde.

Plötzlich empfand ich ein kaltes Schauern bei dem Gedanken wo ich bis jetzt lebte. Fühlte mich fast mitschuldig. Ich sah Mutters Blick die mich ernst ansah und stumm nickend ihre Hand auf meinen Oberarm legte.

Ich weiß mein Junge. Ich weiß.“ Es war als ob sie in mir lesen konnte. Und ich betete inständigst das die von Alverdissens damit nichts zu tun haben sollten.

Damals war diese Zeit unserer Geschichte noch sehr nahe.

Wieder sah ich den Herrn Woitzek an und empfand tiefes Mitleid an ihm. Innerhalb von wenigen Sekunden sah ich ihn vollkommen anders. Er veränderte sich nicht, ich sah nur etwas anderes in ihm. Sah ihn so alt wie ich jetzt war. Und fühlte erstmals dieses Grauen. Dieses Grauen als Kind in diesen Raum mit den Elektroden geführt zu werden. Nicht wissend wie ich ihn wieder verlassen würde. Verstand jetzt diese tief in mir verwurzelte Angst vor dieser immer verschlossenen Tür aus Stahl, die ich mich noch nicht einmal zu berühren getraute. Noch nicht einmal in ihre Nähe wagte ich mich. Ein Grauen das sich über all die Jahre, tiefer und tiefer in mich hineinfraß. Ich war damals noch ein Kind. Und das meiste von dem was ich erfuhr, überstieg meinen Horizont bei weitem. Dennoch konnte ich wahr von unwahr, oder Gut von Schlecht unterscheiden. Um so schrecklicher war die Erkenntnis, wie wahr das war, das ich über das Waisenhaus erfuhr. Das es sich nicht um erdachte Geschichten handelte, sondern das es wirklich geschehen ist.

Wie war das alles nur möglich?

Und so erfuhr oder erkannte ich auch, wie war all diese Geschichten über die Inquisition der Katholischen Kirche wirklich waren! Das es ebenso wenig erdachte Geschichten waren, sondern wahrhaftig geschehenes. Menschliche Schicksale! Menschen, mit all ihren Empfindungen.

Oft verbunden mit unsäglicher Qual, unsäglichem Leid!

Glücklicher weise behütete mich mein kindliches Gemüt damals noch vor der vollen Wucht dieses Erkennens.

Aber seit mir dies als Erwachsener in vollem Umfang klar geworden ist, verdamme ich dieses widerwärtige Gebaren der Kirchen genauso, wie das der Nationalsozialisten und betrete bis zum heutigen Tage vor Ekel keine Kirche mehr.

Nie wieder würde dieses Gefühl des Grauens mich verlassen. Ich erwachte, auch als ich längst schon ein Erwachsener Mann war, von Albträumen geplagt schweißgebadet mitten in der Nacht.

Zu meiner damaligen Beruhigung erfuhr ich noch am selben Tag, das die von Alverdissens nichts mit dieser Folter zu tun hatten. Falls man das in diesem Zusammenhang überhaupt sagen kann. Anton beantwortete mir diese Frage, denn Mutter mochte ich danach nicht fragen. Ich nahm mir dann aber fest vor mit meinen Urteilen künftig vorsichtiger zu sein. Und ich nahm mir fest vor mit Mutter über Herrn Woitzek zu reden. Denn ich wollte unbedingt erfahren warum sie ihn so sehr ablehnte! Ich spürte instinktiv das es da mehr gab, mehr dahintersteckte. Was war es das es ihr so unangenehm machte über, geschweige denn mit, diesem Menschen zu sprechen? Denn das im Waisenhaus geschehene konnte es nicht sein. Damit hatte sie ja nichts zu tun.

Doch an diesem Tag würde ich sie nicht mehr danach fragen.

Anton brachte die Schuhe und Mutter gab ihm den Auftrag mich in die Handhabung der Werkzeuge und Maschinen in der Werkstatt einzuweisen. So hatte sie mich für den Rest des Tages aus dem Weg und ich war beschäftigt und konnte mich mit Anton unterhalten. Denn bei dieser Gelegenheit sollten wir auch gleich einige kleinere Reparaturen am Haus vornehmen. Eine Tür die nicht mehr richtig schloss, die Spülung im Gäste WC musste repariert werden, Am Zaun gab es einiges zu tun und der Rasenmäher mähte nicht mehr richtig. So lernte ich auch gleich wie man das Messer des Rasenmähers schliff.

Während Anton sich umzog dachte ich über Herrn Woitzek nach. Auch ich erlebte eine Veränderung die zunächst eigentlich nichts mit mir zu tun hatte. Ich war ja auch immer noch der selbe wie gestern. War ich wirklich erst seit gestern hier? Dann kam Anton wieder.

Wenn man ihn jetzt so sah, in seinem blauen Handwerkerkittel, sah er aus wie ein ganz anderer Mensch. War es das was den Menschen ausmachte? Was er anhatte und was man über ihn wusste? Oder war es etwas ganz anderes. Etwas das aus dem Menschen selbst herauskam. Diese Frage begleitete mich sehr lange. Und im Grunde genommen begleitet sie mich immer noch. Auch wenn ich dem Gedanken am liebsten folge den Walter eines Tages mir gegenüber äußerte. Das der Mensch das ist was er tut. Und das es vollkommen unerheblich ist was er an hat. Oder was andere über ihn denken mögen. Denn letztendlich stehen wir alle irgendwann alleine vor der Waage des Lebens in der wir am Schluss gewogen werden und in der wir für zu leicht oder zu schwer befunden werden.

Denn mit dem Maß mit dem ihr messt, werdet ihr gemessen.“

Aus irgend einem Grund fühlte ich mich damals wie in einem Theaterstück. Ich kannte meine Rolle nicht, aber hier liefen Fäden des irdischen Daseins zusammen. Alles schien aus einem bestimmten Grund zu geschehen. Fast zwangsläufig. Wenn es dann geschah konnte man denken; „Ja! Genauso muss es sein!“

Und damit sollte ich noch nicht einmal so weit von der Wahrheit entfernt liegen.

Ich war jung, und ich wusste noch nicht viel. Aber all das was in den letzten Tagen bis heute geschah verdichtete sich immer mehr.

Die arbeiten waren erledigt und Ich stand in der Werkstatt und dachte nach. Diese Visionen von Marcus Christianus, der eine Alverdissen liebte. Und der genau im richtigen Moment erschien um mich dazu zu bringen hier zu bleiben. Meine Träume von ihm waren so real. Die Nähe dieser Druidenstätte. Dieser Wackelsteine und was ich dort erlebte! Das kurz darauf eine Alverdissen mich fand. Das Buch im Turm und was ihn ihm stand. Und auch dieser merkwürdige schmutzige Schustergeselle. „Ich kenne dich!“ Dieses Zeichen das mich so sehr beeindruckte und das etwas mit diesem Glauben eben dieser Druiden zu tun hatte zu denen auch Marcus Christianus gehörte. Das wusste ich ebenfalls von Anton. Als ich ihn fragte während unserer Hausmannstätigkeiten. „So Druidenzeug!“ sagte er knapp. „Das ist die Leidenschaft vom Fräulein.“

Das mit den Druiden sagte ja auch Walter. Wer sie waren und was sie so im allgemeinen glaubten. Urchristen nannte er sie.

Das alles erschien mir wie ein Sog der mich in die Erlebnisse der Vergangenheit zog. Wie die Erforschungen eines alten Hauses in dem niemand mehr wohnte, in dem aber noch überall die Spuren seiner vorherigen Bewohner zu sehen waren. Eine Reise in die Vergangene Geschichte. Aber warum geschah all das?

Da klopfte es sanft an der Werkstatttür. Anne stand dort.

Und jetzt wollte ich mich nur freuen für den Moment. Denn gerade sagte Anne das wir Besuch erwarteten. Zum späten Kaffee sollten Walter und Thea kommen!

-Luke Elljot-

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Über Luke Elljot - Autor

Bei Beginn des Blogs 2015 war ich um jetzt genau zu sein 53. Ich möchte so über meine persönlichen guten Erfahrungen auf dem Gebiet der Gedankenkraft informieren. Inclusive den natürlichen Rückschlägen. Dazu habe ich auch ein Buch geschrieben: Lutz Jacobs, Gesundheit und Spiritualität. ISBN: 978-3 8442-3669-9 erhältlich beim epubli Verlag. http://www.epubli.de
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