Morgenrot 20 © by Luke Elljot

Kapitel 5. / 2

Herr Woitzek der Schustergeselle.

Der restliche Heimweg war eher still und Mutter reserviert freundlich. Neues bekam ich nicht mehr aus ihr heraus. Und es brannten so einige unbeantwortete und ungestellte Fragen auf meiner Zunge. Vor allem, was das gerade für eine merkwürdige Situation mit diesem komischen Mann war. Der, wenn ich so darüber nachdachte einen fast schon beängstigenden Eindruck bei mir hinterließ. Fast so als ob etwas von seiner sonderbaren Skurrilität an mir hängen geblieben wäre.

Auf dem Rückweg nahmen wir nicht den direkten Weg durch den Wald, sondern den, der an der rückwärtigen, der Hauptstraße abgewandten Seite des Waldes entlang führte. Wir gingen auf einer sehr alten gepflasterten Straße die durch hohes Gras und wilde Wiesen führte. An den Rändern war die Natur dabei sie zu überwuchern und verschwinden zu lassen. Wie breit sie einst gewesen sein mag, war nicht mehr zu erkennen. Gras und alle möglichen Wildblumen, wie Löwenzahn, Distel, Kamille, Kornblumen oder Schafgarbe. Brenneseln. Brombeersträucher, und verschiedene

Kräuter, wie Salbei, Beifuß Waldmeister oder Bärlauch wuchsen immer weiter über diese. Die Bauern der Gegend nutzten sie immer wieder. So mussten sie sich nicht dem allgemeinen Straßenverkehr aussetzen und hielten diesen Weg frei. Ansonsten wäre sie sicher schon lange verschwunden.Der Spätsommerliche Wiesenduft war herrlich. Die Pflastersteine waren sehr groß dunkel und glatt. Es handelte sich um eine der alten Handelsstraßen, wie mir Mutter erzählte. Auf dieser transportierten schon die alten Römer ihre Truppen und Waren und Sklaven. In meinem Geiste sah ich mich, wie ich durch eine Menge römischer Legionäre schritt, Pferde und Ochsenkarren links und rechts von mir. Überall stöhnende nach Hilfe wimmernde Gefangene, und Sklaven. An einem mangelte es mir noch nie. An Fantasie! Nur mich selbst sah ich dann nie. Ich war, wie ein unsichtbarer Beobachter. Außer wenn ich an Marcus Christianus dachte. Dann war ich selber auch gegenwärtig.

Wir bewegen uns auf geschichtsträchtigem Boden.“ sagte Mutter noch.

Nicht sehr weit von hier erlitten die Römer eine vernichtende Niederlage bei einer Schlacht um diese Länder. Schließlich kamen wir aber zuhause an. Auch wenn dieser Weg ein gehöriger Umweg war.

Das Frühstück war ebenso eher still. Der Schustergeselle war es, der den bis dahin schönen Tag eintrübte. Nicht das Mutter schlechte Laune gehabt hätte. Sie wollte einfach nicht reden. Anne deckte für uns auf dem großen Balkon der von dem Salon abging ein, und wir wollten dort in der morgendlichen Sonne frühstückten. Als wir saßen kam sie mit einem Tablett auf dem zwei dampfende Kannen mit heißem Kaffee und Kakao standen, sowie ein geflochtenem Körbchen in dem unsere Brötchen lagen. Sie machte ganz beiläufig noch eine nette Bemerkung über meinen überaus adretten Haarschnitt, dann zog sie sich zurück. Mutter und ich begannen immer noch still zu frühstücken. Obwohl ich diese Frau kaum kannte und mit meiner Vorgeschichte normalerweise allen Grund gehabt hätte ihr zu Misstrauen, fühlte ich mich in ihrer Gegenwart so sicher wie noch bei keinem anderen erwachsenen Menschen zuvor. Da war etwas wie ein vertrautes Band das uns verband. Eine Vertrautheit wie ich sie mit Worten nie erklären konnte. Einfach so.

Immer wieder ging mir der Vers den Herr Woitzek sagte durch den Kopf.

Lebe im heute täglich wie in einem Fest.

Was einzig zählt ist immer nur das jetzt.“

Es dauerte nicht lange da erschien er unten am Tor um den fertigen Auftrag abzuliefern. Als Mutter ihn sah konnte sie sich ein abfälliges Schnauben nicht verkneifen. Wenig später kam Anton und nahm das Paket an. Das heißt er wollte es. Denn zunächst verwickelte der Schustergeselle in ihn ein lang anhaltendes Gespräch. Was Anton, selbst aus dieser Entfernung zu erkennen, sehr unangenehm war.

Mutter?“

Johannes?“

Was meinte Herr Woitzek heute Morgen in der Stadt? Wieso hat er sich so komisch benommen?“

Mein Junge, nicht jetzt. Dieser Mann ist sehr verwirrt. Der viele Alkohol hat seinem Verstand sehr zugesetzt. Noch so ein zerstörtes Waisenhauskind!“ Diesen letzten Satz bereute sie sofort.

Er, er war auch in meinem Waisenhaus?“ schoss es aus mir heraus.

In deinem Waisenhaus?“

Im Waisenhaus.“

Ja mein Junge. Damals gehörte es einer Gesellschaft die sich um Kriegswaisen kümmerte. Vorzugsweise solche die keiner irgendwo vermissen konnte oder würde. Aber das soll nicht unser Thema sein und ist lange her.“

Ich sah über die breite steinerne Brüstung zu ihm herunter. Als er das sah winkte er mir verlegen, was ich ebenfalls verlegen erwiderte, was Mutter wiederum zu einem missbilligendem Kopfschütteln veranlasste.

Johannes! Bitte!“

Ich hörte von diesen Kindern. Sie wurden Kriegswaisen genannt, aber tatsächlich waren es vor allem Kinder die nicht dem Ideologischen Bild der Nationalsozialisten entsprachen. Geistig und körperlich behinderte zumeist. Sie wurden dort weggeschlossen und waren dann auch weg! Aus den Augen, aus dem Sinn, wie man so sagt. Kriegswaisenheim hörte sich damals ja auch besser an als Kinderbehindertenheim. Das Vaterland das sich kümmert! Wie sie behandelt wurden und was mit ihnen passierte? Es gab Gerüchte. Gerüchte von Elektroden die an den Köpfen angebracht wurden. Und es gab einen Raum. Einen Raum mit einer Stahltür gesichert. Wozu gab es so eine Tür in einem Waisenhaus? Eine Tür, die immer verschlossen war. Ich lebte dort, in diesem Haus. Wir alle wollten es nicht wissen.

Hier in der Gegend wusste man ebenfalls nicht was sich früher dort tat. So sagten es jedenfalls alle. Keiner konnte etwas dafür. „Hätten wir das gewusst, dann…“ Allein mir fehlte der Glaube und er tut es noch!

-Luke Elljot-

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Über Luke Elljot - Autor

Bei Beginn des Blogs 2015 war ich um jetzt genau zu sein 53. Ich möchte so über meine persönlichen guten Erfahrungen auf dem Gebiet der Gedankenkraft informieren. Inclusive den natürlichen Rückschlägen. Dazu habe ich auch ein Buch geschrieben: Lutz Jacobs, Gesundheit und Spiritualität. ISBN: 978-3 8442-3669-9 erhältlich beim epubli Verlag. http://www.epubli.de
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