Morgenrot 17 © by Luke Elljot

Kapitel 4. / 6

An Kindes Statt , oder mein neues Obdach.

Der Ort

Ja. Das kann ich mir vorstellen. Und was möchtest du?“ Immer noch fand ich an ihr nicht den leisesten Hauch von Ungeduld. Nicht in ihrer Haltung, noch in ihrer Stimme. Als ich sie im Zimmer des Dekan zum ersten mal sah, konnte ich von ihrer äußeren Erscheinung und ihrem Gehabe, nicht auf ähnliches schließen. Schroff und hart schien sie da zu sein. Doch das war sie beileibe nicht. Mir schien sie eher zart und verletzlich. Und ihr Verhalten war lediglich ein Schutz.

Auch jetzt, obwohl hoch geschlossen in ein Kostüm gekleidet. Die Haare streng zurück gesteckt, dezent geschminkt. Mit einem Gesichtsausdruck der sie erscheinen ließ, als ob sie ständig etwas unangenehmes roch. Alles an ihr erschien abweisend. Doch in ihrem inneren Wesen war sie so ganz anders. Dieses Auftreten war weit mehr als nur ihr Schutz gegen die anderen Menschen um sie herum. Sie verbarg so, den tiefsten Kern ihres Selbst um keinem auch nur den Hauch ihres Seins zu zeigen. Es ging nicht um die Geringschätzung der anderen. Es ging nur um sie selbst. Keiner sollte sie kennen.

Warum sie dies tat und warum sie mir diese wahre Seite zeigte, das sollte ich noch erfahren.

Zuerst möchte ich danke sagen. Danke für alles Mutter. Aber auf den Sternkarten stehen keine Namen. Woher soll ich denn dann wissen welchen Stern ich betrachte und wie er heißt, oder ob es der richtige ist.?“

Johannes, was glaubst du wie egal es den Sternen ist, welche Namen wir ihnen geben, seien sie auch noch so hochtrabend? Und nur du entscheidest ob es der richtige ist, oder nicht“

Ich dachte einen Moment über ihre Frage nach und musste dann grinsen. Dann sagte ich.

Ich glaube das es den Sternen vollkommen egal ist wie wir sie benennen.“

Das denke ich auch.“ sagte sie und nickte.

Betrachte sie einfach für das was sie sind. Wozu sich mit Wissen belasten, welches keinem nutzt. Das im Grunde genommen vollkommen unnütz ist. Die Dinge existieren auch ohne das wir sie entdecken und benennen. Und zu allermeist stellt sich im nach hinein sowieso heraus das wir uns irren. Schau sie dir einfach an und genieße sie. Der Rest kommt dann von ganz alleine“

Das werde ich Mutter!“

Wir saßen noch eine kleine Weile zusammen und blickten ins Feuer. Für heute Abend war alles gesagt. Mutter trank ihren Wein und ich meinen Kakao, der wie immer fabelhaft schmeckte. Danke Anne!

Als ich dann endlich, mit vielen warmen Worten von Anne, die mir immer wieder gut zusprach und mich ermunterte, wieder in meinem Zimmer war, und ich ins Bett gehen wollte, nach einem einzigartigen Tag wie ich ihn nie zuvor und nie wieder erleben sollte, schlug ich die Decke zurück und fand meinen Schlafanzug. Einen Schlafanzug! Wer dies liest möge mir verzeihen wenn ich mich ein wenig in diesen Details verliere. Aber dieser eine Tag war so bewegend für mich, das ich alles festhalten möchte. Während ich diesen anzog, stand ich mit freiem Oberkörper vor dem Spiegel. Mein Blick viel auf den Anhänger und ich hielt inne um ihn noch einmal genauer zu betrachten. Denn auf meine Frage sagte auch Anne, das sie nichts von einem Anhänger wusste. Und wir beide schüttelten den Kopf, als wir an Anton dachten. Doch woher kam dann diese Kette? Versonnen betrachtete ich das gute Stück und sagte dann kopfschüttelnd zu mir selbst. „Wird sich schon alles klären.“

Aber meine Gedanken blieben bei Anton haften, der wie eine graue Eminenz überall war, ohne irgendwie Aufmerksamkeit zu erregen. Die hohe Kunst des Kammerdiener-Daseins.

Schließlich lag ich in meinem Schlafanzug in meinem Bett in meinem Zimmer, auf dem Rücken, unter dem eingerahmten und aufgehängtem Glaubensbekenntnis der Templer, und sah an die Decke und durch die Fenster den Sternenhimmel an. Die rechte Hand umschloss den Anhänger und lag auf meinem Herzen, was mir beim einschlafen zu einer festen Angewohnheit wurde.

Ich ließ in Ruhe diesen Tag noch einmal passieren und war selber erstaunt was alles geschehen war. Heute morgen noch ein Waisenkind und jetzt…… Sicher hätte ich als Erwachsener noch viel mehr Fragen gehabt, doch als Kind viel es mir sehr viel leichter mich schicksalsergeben dem Geschehen zu fügen und nicht all zu viele Fragen zu stellen. Das geschah auch aus der Sorge, dass wenn ich zu viel fragte, Dinge erfuhr die das Schöne was ich jetzt hatte gefährden könnten. So wie mit dem Waisenhaus. Bei dem sollte man doch meinen das es wenn es von der Kirche geführt wurde, ein Hort voller Liebe uns Fürsorge wäre! Doch wie weit war die von der Realität entfernt. Schon damals erkannte ich das es besser wäre nicht alles immer wissen zu müssen. Doch meine Gedanken drifteten ab und ich musste sie zurückholen.

Also wiederholte ich laut einen Vers den Mutter mich lehrte und mich bat ihn heute Abend vor dem Einschlafen zu wiederholen. Er solle mir Ruhe und Besinnung bringen sagte sie.

Ich seh´ den Pfad auf dem ich steh´-

und so beschließ´ ich unverwandt´-

das diesen Pfad ich frohen Glaubens geh´-

obwohl das End´ mir nicht bekannt.“

Ich stand noch einmal auf und ging zu dem Fenster von dem aus ich das Tor sehen konnte. Dunkel lag das Grundstück da. Das Tor war geschlossen und in der Ferne konnte man die Motoren der vorbeifahrenden Autos hören. Ein Hase hoppelte nach Hause und in der tiefen Dämmerung gingen die die ersten Fledermäuse auf die Jagd. Die zu runden Kugeln geschnittenen Buchsbaumbüsche hockten wie schwarze Schatten zusammengekauerter Carnivore auf dem jetzt grauen Gras.

Obwohl ich wusste was sich dort unten befand, war es mir dennoch unheimlich.

Ich beugte mich nach vorne und sah an der Mauer herunter. Fasste den Stein an und fühlt wie rau und wie warm von der Sonne er noch war. Halb erwartete ich die kleine in eine weite weiße Kutte gehüllte Gestalt unten unter den Bäumen zu erblicken die ich auf dem Hügel am Waisenhaus sah. (war es wirklich erst zwei Wochen her?)

Wäre das nicht passiert, wäre ich abgehauen. Und dann…? „Dann stündest du nicht hier!“ Sagte ich halblaut zu mir selber. „Und all das wäre dir entgangen!“ Das war meine Lektion fürs Leben! Ich stand in meinem Schlafanzug am offenen Fenster dieses wundervollen Hauses, mit Menschen, da war ich mir jetzt sicher, die mich wirklich mochten. Da merkte ich das ich mich auf den nächsten Tag freute. Ich meine nicht auf etwas bestimmtes. Einfach so, auf den ganzen Tag.

Was für mich damals ungewöhnlich war. So ungewöhnlich das ich einerseits traurig, andererseits erfreut feststellte, das ich so etwas noch nie empfand. Erfreut, dass ich es überhaupt empfand!

Gespräche über beten und Gott? In einem Katholischen Kinderheim war das Alltag.

Doch was Mutter zu mir sagte war etwas ganz anderes. Weil es mich so sehr rührte und ich mich dem was sie sagte sehr nah fühlte. Nicht einmal empfand ich ähnliches im Heim. Aber wie Mutter schilderte wie man richtig betet, und was es bedeutete, das berührte mich tief in meinem Innern. Es war als ob sich etwas in mir regte. Als ob sich eine Aufmerksamkeit mir zuwandte, die ich bis dahin nie spürte. Nie wieder könnte ich sagen; ich habe es nicht gewusst. Ich verstand nicht alles, aber ich verstand das es so war. Ich fühlte mich nie so frei und glücklich wenn ich ähnliches im Heim lernte. Dort waren beten und an Gott denken behaftet mit Furcht und dem Bewusstsein der eigenen Wertlosigkeit. Sünder im Fleisch waren wir doch alle vor dem Herrn der strafend auf uns herabsah! Und nur die Kirche konnte uns vergeben.

Doch jetzt kostete ich erstmals den waren Nektar des freien Glauben´s.

Gott liebt seine Kinder! All das wurde mir erst später klar in Worten. Aber ich spürte es schon damals.

Glücklicher weise wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, das Marcus Christianus für eben diese, oder ähnliche Ansichten, verbrannt wurde! Die Kirche sprach „Ich habe recht! Und wer anders denkt wird gefoltert und ermordet!“ Was nicht erfassbar ist bei gesundem Verstand!

Doch zurück in jene Zeit, die, wie es mir heute erscheint, ein anderes Leben beschreibt.

Ich atmete noch ein zwei mal tief durch, schloss das Fenster und legte mich wieder in mein Bett. Es dauerte auch nicht lange, da musste mein noch kindlicher Körper den Anstrengungen des Tages Tribut zollen. So ich viel in einen traumlosen tiefen Schlaf.

In dieser Nacht wandelte ich nicht, und auch in keiner Nacht danach mehr. Es wäre auch nicht viel passiert. Denn wie ich gleich von Anne erfuhr, schloss Anton in dieser, und auch in den nächsten Nächten vorsorglich die Tür zu meinem Flur und diese auch ab.

  • Luke Elljot –

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Über Luke Elljot - Autor

Bei Beginn des Blogs 2015 war ich um jetzt genau zu sein 53. Ich möchte so über meine persönlichen guten Erfahrungen auf dem Gebiet der Gedankenkraft informieren. Inclusive den natürlichen Rückschlägen. Dazu habe ich auch ein Buch geschrieben: Lutz Jacobs, Gesundheit und Spiritualität. ISBN: 978-3 8442-3669-9 erhältlich beim epubli Verlag. http://www.epubli.de
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4 Antworten zu Morgenrot 17 © by Luke Elljot

  1. Alice Wunder schreibt:

    Da streiten die Gelehrten noch immer, ob die Dinge wirklich ohne unsere Entdeckung und Benennung existieren. Zu beweisen ist es nicht, der Beweis müsste ohne einen Beweisenden sein, also eine Waise von einem Beweis…

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    • Wie auch immer. Das ist das schöne an einem Roman. Dort muss nichts bewiesen werden 🙂

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      • Alice Wunder schreibt:

        Für mich ist das schon eine Zentrale Aussage der Geschichte: Durch aufmerksame Beobachtung die Schöpfung mit ins Sein bringen, ohne durch vorschnelle Urteile die Verbindung zum Leben wieder abzuschneiden. Sozusagen Gott beim Schöpfungsakt assistieren, aber nicht anmaßend ins Handwerk pfuschen.

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      • Klar! Vollkommen Richtig! Aber in einer Erzählung, selbst wenn sie auf Realitäten beruht, kann man verbindungen herstellen, fast wie man will. Behauptungen aufstellen etc. das macht spaß. So muss man nicht alles in epischrer breite ausdikutieren. Oder habe ich das jetzt falsch verstanden??? Meinst du „meine Geschichte“ nicht die Geschichte im allgemeinen? 😉 Den Respekt vor der Schöpfung darf man nie verlieren.Und das hat finde ich nicht mit ideologie zu tun.

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