Morgenrot 15 © by Luke Elljot

Kapitel 4. /4

An Kindes Statt , oder mein neues Obdach

Als Anne abends nach mir sah, saß ich immer noch gedankenverloren in dieser Stille. Es war als ob ich irgendwo zwischen Raum uns Zeit schwebte. Ich saß mit unterschlagenen Beinen in dem Stuhl und sah aus dem Fenster. Das Blut rauschte in meinen Ohren. Ich fühlte mich damals noch mehr als Kind und das meiste was ich an diesem Tag erlebte ging über mein Fassungsvermögen weit hinaus. Trotzdem war es mir sehr vertraut. Mit der wachsenden Erkenntnis der Scheußlichkeiten, die das Dasein mitunter über den Menschen verhängt, verlor sich dieses Kind aber nach und nach. Denn trotz meiner Kindheit, musste schon einige bittere Erfahrungen machen, die diesem Erkennen schon in jungen Jahren Gewicht verlieh. Vielleicht erkannte ich deswegen früh das der Mensch oft selber an seinem eigenen Grauen die Ursache war.

Tief in meinem Herzen wuchs damals kaum wahrnehmbar ein anderes leises unerklärliches Grauen. Das vor dieser Erkenntnis. Ein Grauen das in mir bis zu meinem eigenen Erwachsensein anhielt.

Damals als ich dort saß, erkannte ich es nicht als das was es war. Damals war es nur ein unerklärliches Unwohlsein, das mich umfing. Erst sehr viel später kam dieses Erkennen. Heute kann ich es in Worte fassen. Damals fühlte ich nur.

Alles klar Johannes? Warum sitzt du denn hier im Dunkeln?“

Ich denke nach.“ antwortete ich geistesabwesend.

Aber worüber denkst du denn nach?“

Darüber warum ich hier bin? Ich verstehe das einfach nicht. Warum sollte jemand so gut zu mir sein. Mein ganzes Leben war ich bis auf zwei Freunde allein. Ich verstehe das nicht.“

Ach Johannes mein Lieber. Ich verstehe dass das alles sehr viel für dich ist. Aber glaube mir, es ist alles in bester Ordnung. Mach dir einfach nicht zu viele Gedanken. Heute ist dein erster Tag. Warte nur es wird sich alles finden. Morgen ist ein neuer Tag, das wirst du sehen. Und mit jedem Tag wird es besser. Lass dir ein bisschen Zeit. Das Fräulein möchte vor dem zu Bett gehen gerne noch einmal mit dir sprechen. Sie hat unten den Kamin angemacht und wartet auf dich. Komm, geh mit mir runter.“

Ja Anne, das werde ich machen.“ So ganz war ich noch nicht wieder zurück aus der Tiefe meiner Gedanken. Doch ich stand auf und ging mit einem leisen Bedauern diesen schönen ruhigen Platz zu verlassen, zusammen mit Anne nach unten. Es war ja nicht so das ich Angst hatte, oder undankbar sein wollte. Nein, ganz im Gegenteil. Alles war nur einfach so unfassbar für mich. Alles war von einem Tag auf den anderen neu. Natürlich war mein Leben im Waisenhaus nicht sehr schön. Doch es war das Leben das ich kannte. Hier war ich ein Fremder. So schön es war. Ich wusste einfach nicht was ich machen sollte. Und als ich die Treppe hinunterging wurde mir eins klar. Wer nichts, oder nicht viel hat, der hat auch nichts zu verlieren. Ich hatte doch etwas Angst. Angst mich an das was ich hier fand zu gewöhnen und es dann doch wieder zu verlieren. Wie sollte ich das aushalten? Von diesen Gedanken aufgewühlt betrat ich den großen Salon.

Mutter saß tatsächlich an dem offenen Kamin und trank anscheinend ein Glas Wein.

Hallo mein Junge. Wie hat dir die Überraschung denn gefallen?“ sagte sie aufgeräumt.

Mühe habend meine Aufregung unter Kontrolle zu bewahren antwortete ich so ruhig wie möglich. „Danke Mutter. Danke für alles. Aber ich verstehe das alles nicht. Gestern war ich noch in dem Waisenhaus und jetzt ist alles so….“ Denn das hatte ich schnell gelernt. Mit unnötiger Aufregung erreichte ich bei Mutter nichts.

Anders? Johannes, komm setz dich zu mir. Dann können wir reden!“ Sie machte eine einladende Geste das ich mich setzen sollte und lächelte mich an. Also setzte ich mich zu ihr, auf den freien Sessel neben ihr.

Johannes sieh mich an.“ . Im nach hinein betrachtet, war ich mit dem folgenden Gespräch schon etwas überfordert. Fast kam es mir manchmal so vor, das Mutter zu vergessen schien, das ich erst zwölf war. Das Gespräch war manchmal so vertraulich. Es war als ob sie etwas in mir sah, von dem ich selber nicht wusste. Doch ich nahm es als gegeben. Wenn ich etwas nicht verstand, würde ich fragen. Sie sah mir tief in die Augen und sagte ruhig

Gut, gut. Also mein Junge ich bin hier alleine in diesem riesengroßen Haus. Ich habe keine Familie und ich habe schon lange überlegt ob ich ein Kind bei mir aufnehmen soll. Aber ich habe keins gefunden das hierher passen würde. Das ist ja immerhin keine Entscheidung die man von leichter Hand fällt. Denn man soll einen Menschen nicht versorgen nur das er versorgt ist. Er muss auch aus sich heraus wirken und wachsen können und nicht dem Ideal dritter entsprechen. Und das bedarf der richtigen Umgebung. Es muss auch das Miteinander gut sein.

Das alles will wohl überlegt werden nicht war? Ich habe von dir und deiner Geschichte gehört und dich dann kennengelernt. Und mein Entschluss stand fest. Johannes ich habe dich in mein Herz geschlossen. Und es ist mir eine Freude dich hier zu haben. Es macht mich glücklich dir hier ein Zuhause geben zu können. Du bist ein liebenswerter Junge. Das einzige worüber ich mich noch mehr freuen würde wäre, wenn du mir auch ein wenig zugeneigt wärst.“

Mutter was ist zugeneigt? Ich weiß nicht was zugeneigt ist?“

Johannes. Ich würde mich sehr darüber freuen wenn auch du mich mögen könntest.

Aber Mutter ich mag euch, sehr sogar!“ sagte ich schnell. Und das war die Wahrheit.

Danke mein Junge. Das freut mich“ Dabei lächelte sie so sehr, wie ich es bei ihr noch nicht sah.

Schau. Du bist alleine, und ich bin alleine und wir mögen uns. Ich gebe dir ein Zuhause und du mir das Gefühl wieder zu leben. Also ist es doch für uns beide eine schöne Sache. So können wir beide füreinander ein bisschen da sein und sind nicht mehr so alleine! Ist das für dich eine Antwort?“

Ja, da konnte ich nur erleichtert nicken.

Was hältst du von einem kleinen Spaziergang morgen früh. Morgen ist Samstag und wir könnten in den Ort gehen, und beim Bäcker ein paar frische Brötchen für unser Frühstück holen. Du darfst dir deine aussuchen. Aber vorher gehen wir beide noch zum Friseur! Dann siehst du etwas von deiner neuen Heimat und wir bekommen etwas frische Luft.“

Anscheinend konnte man den Ort vom Turm aus nicht sehen. Wahrscheinlich wegen der Bäume. Aber ich war froh zu hören das er so nah war. Denn das musste er, wenn Mutter dort zu Fuß hinlaufen wollte.

Das würde mich sehr freuen.“ sagte ich.

Gut dann gehen wir morgen früh nach Fuhlen.“ So hieß der Ort.

Einen Moment saßen wir still da und sahen in das Feuer, das lautstark knackte und knisterte. Ich konnte sehen das sie nach den richtigen Worten rang. Dann, ohne mich anzusehen sagte sie,

Johannes, ihr habt ja im Waisenhaus Religionsunterricht gehabt.“ „Ja Mutter.“ Das war natürlich keine Frage sondern eine Feststellung.

Und wie ich hörte hast du viel Kontakt zu Bruder Nicolas gehabt.“

Ja, wir haben oft miteinander gesprochen.“

Das ist gut. Du bist jetzt zwölf Jahre alt nicht war?“

Ich nickte zaghaft und überlegte wo dieses Gespräch hingehen würde. Denn mir war klar das ich nicht wegen dem Lagerfeuer hier war. Irgendwie fühlte ich mich unwohl. „Bei dir sind Hopfen und Malz also noch nicht verloren. Bruder Nicolas ist ein wahrhaft wissender.“

Dann sagte sie unvermittelt.

Ich will dich lehren zu beten, Johannes.“

Mutter?“

Ich will dich lehren zu beten.“

Das war sehr irritierend für mich zu hören. Ich sollte hier beten lernen? Was gab es da zu lernen?

Wir leben in einer sehr aufgewühlten Welt. Und das einzige was den Menschen zu allen Zeiten Halt gab und gibt ist der Glaube. Die Frage ist nur was glaubt der Mensch. Denn nicht jeder Glaube ist befreiend. Es gibt viele Götter an die man Glauben kann. Der wohl schrecklichste ist der Mammon.“

Geld?“ sagte ich glücklich etwas verstanden zu haben. Den kannte ich aus der Kirche.

Ja Geld, wenn man so will.“ sagte Mutter sichtlich erfreut.

Deswegen habe ich immer wieder in kirchlichen Heimen geschaut, bis ich dich glücklicher weise gefunden habe. Denn dort wird den Kindern zumindest etwas darüber beigebracht. Wenn auch sehr einseitig. Du sollst wissen das der Glaube mir sehr wichtig ist. Ich habe vor jeder Form von Glauben Respekt! Wenn er ehrlich und aufrichtig ist! Und ich will dir sagen, das ich dich zu nichts zwingen werde. Aber ich will dich lehren zu beten und dir das nötige Wissen darüber vermitteln. Denn dieses unterwürfige auf die Knie fallen und irgendwelche vom Menschen verfasste und vorgegebene Ferse runter zu leiern ist kein beten, das ist betteln. Beten geschieht nie mit Worten, es geschieht durch das Herz. Und rechtes beten, bedeutet rechten Glauben. Von innen. Verstehst du diesen Unterschied.“

Ich glaube schon Mutter.“

Im Moment vielleicht noch nicht ganz, aber darüber würde ich noch lange Zeit nachdenken können. Vor allem deswegen weil ich zu tiefst erschrocken war, das sie das tun der Kirche an zweifelte. Nicht das ich selber die Kirche toll fand. Aber ich war ja nur ein Kind, was verstand ich denn schon davon. Aber das ein Erwachsener und so gebildeter Mensch wie Mutter so etwas sagte, beeindruckte mich sehr. Es ging sogar noch weiter.

Auch dieses jammervolle betteln das viele machen, vorzugsweise immer dann wenn es der oder demjenigen schlecht geht, hat nichts mit beten zu tun. Wer um etwas bettelt glaubt nicht Johannes. Und wer glaubt bettelt nicht.

Warum glaubst du kommen so viele Lebenslang oder zum Tode verurteilte zum Glauben an Gott?“

Ich weiß nicht Mutter.“ sagte ich ziemlich überrannt von diesem Gespräch. Genau genommen hörte ich gerade zum ersten mal davon, nahm es aber als gegeben.

Weil sie erkennen das unsere Zeit nur von der Unendlichkeit geliehen ist. Ein Geschenk an uns. Das ist Glaube! Dafür zu danken!

Wer glaubt hat Gewissheit alles zu erhalten, was er benötigt. Denn der Geist weiß was wir benötigen. Dann bittet man auch nicht, sondern man ist dankbar für das was man hat. Für den Geist bedarf es keiner Worte.

Wir alle sind ein Teil des Großen Ganzen. Gott ist in uns, deswegen müssen wir nicht betteln. Wir haben ein Erbrecht auf Erfüllung! Wir sind seine Kinder.“

Wenn das der Dekan hören würde!! dachte ich.

– Luke Elljot –

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Über Luke Elljot - Autor

Bei Beginn des Blogs 2015 war ich um jetzt genau zu sein 53. Ich möchte so über meine persönlichen guten Erfahrungen auf dem Gebiet der Gedankenkraft informieren. Inclusive den natürlichen Rückschlägen. Dazu habe ich auch ein Buch geschrieben: Lutz Jacobs, Gesundheit und Spiritualität. ISBN: 978-3 8442-3669-9 erhältlich beim epubli Verlag. http://www.epubli.de
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