Morgenrot 9 © by Luke Elljot

Kapitel 3. /4

Theodora von Alverdissen

Ich war im Moment einfach unfähig mich zu bewegen. Auch mein Gehirn war unfähig sich zu bewegen. Ich hörte die Worte, doch ich konnte sie nicht erfassen. So schnell wie sie in mein Gehirn drangen, verflüchtigten sie sich wieder. Mir war schlecht und ich hatte Angst. Frau Degenhardt neigte sich zu mir herunter, „Johannes?“ sagte sie mit sanfter Stimme. Aber ich konnte mich nicht bewegen. Stand mit hängenden Armen einfach nur so da.

Sie stellte sich hinter mich und legte mir ihre Hände behutsam auf meine Schulter. Ich folgte dem sachten Druck von Fräulein Degenhardts Händen, die mich zu dem freien Stuhl geleitete und als sich alle setzten half sie mir mit einem milden Lächeln mich ebenfalls zu setzen. Dann stellte sie mir eine Tasse Kakao hin und ging. Für einen Moment saß ich dann da und sah vom einen zum anderen. Den Keks, wie einen wertvollen Schatz, immer noch in der Hand haltend.

Der Dekan sah zumindest nicht unfreundlich aus, eher geschäftsmäßig. Das Fräulein Alverdissen hingegen schien mich immer noch leicht an zu lächeln.

Es war der Dekan der anfing zu sprechen. Im Moment so schien es, war es ihm egal ob ich überhaupt aufnahmefähig war.

Nun Johannes wie ich höre hattest du deinen zwölften Geburtstag, alles gute dafür. So langsam kommst du in ein Alter in dem man dich schon fast als einen kleinen Mann betrachten kann. Im Waisenhaus könntest du jetzt am Religionsunterricht teilnehmen.“

Ja, dachte ich. Ein Mann. Vor allem wenn man in eurem Waisenhaus groß wird euer Hochehrwürden! Hütete mich aber etwas zu sagen. Immerhin schien mein Hirn wieder durchblutet zu werden.

Jetzt liegt ein neuer Weg vor dir, und es ist unser Wunsch…..“

Bei diesen Worten räusperte sich das Fräulein und sah ihn scharf an.

Fräulein von Alverdissens Wunsch ist das du verstehst warum das was jetzt geschieht so wichtig ist für dich!“ Fuhr er fort. Man konnte ihm jetzt eine gewisse Verunsicherung ansehen. Aber er hatte sich schnell wieder im Griff. „Du wunderst dich sicher warum du hier bist. Es war der persönliche Wunsch des Fräuleins von Alverdissen das wir jetzt hier zusammensitzen und das ich dir genau erkläre warum.“ er unterbrach kurz seine Rede und sah sie an, ich folgte seinem Blick. Sie nickte kurz und forderte ihn auf weiter zu sprechen.

Fräulein von Alverdissen möchte das du zu schätzen weist was das bedeutet.

Wie du weist ist es eine Aufgabe des Waisenhauses, aus euch ehrliche, ehrbare und gesetzestreue aber vor allem gottesfürchtige Menschen zu machen. Die den Wert der Dinge zu schätzen wissen. So das ihr einen rechten Platz in unserer Gemeinschaft einnehmen könnt, und somit zu wertvollen Menschen werdet.

Eine weitere ist es euch an die Bauern und Handwerkerfamilien in der Umgebung zu vermitteln, die bereit sind auch aufzunehmen. Diese wissen zu schätzen welche Rohdiamanten unser Waisenhaus verlassen. Und geben den Kindern die sie aufnehmen den weiteren letzten Schliff fürs Leben. Viele bekommen sogar eine Ausbildung. Deswegen bekommen wir, nun, nennen wir es einen Obolus dafür wenn wir euch an sie abgeben. Das ist Teil des Vertrages. Denn immerhin bedeutet es viel Arbeit und Zeit aus euch diese Rohdiamanten zu formen die ihr dann seit. Und das bedeutet natürlich auch Kosten!“

Es ist ja nicht so das ihr Waisenhaus aus Steuergeldern finanziert wird.“ Warf Fräulein von Alverdissen ganz beiläufig ein. Da ich nicht wusste was Steuergelder sind, verstand ich das nicht.

Das Fräulein von Alverdissen hat dich nun aus einem solchen Vertrag herausgelöst um dich aufzunehmen. Noch kannst du es nicht, aber bald wirst du ermessen können wie dankbar du ihr dafür sein kannst. Warum sie das alles für dich tut wird sie dir noch erklären.“ sagte der Dekan ungerührt.

Da er eine kleine Pause machte wagte ich zu fragen.

Euer Hochehrwürden und Euer….. Fräulein….. , ich verstehe nicht was das bedeutet? Was heißt herauslösen?“

Falsche Reihenfolge. Der Adel kam hier zuerst. Aber das würde ich noch lernen. Deswegen sagte sie.

Ein Rohdiamant, fürwahr.“

Schweig Junge!“ herrschte er mich an. Das Fräulein hob nur die Hand und er fuhr Butterweich fort.

Johannes. Das bedeutet das Fräulein von Alverdissen bereit ist dich an Kindes Statt bei sich aufzunehmen.

Wirklich?“ sagte ich mit weit aufgerissenen Augen. Jeder im Heim wusste was „an Kindes Satt“ bedeutete!

Ja mein Junge. Du kommst heraus aus diesem Rohdiamanten produzierenden und teuer verkaufenden Haus.“

So ist es.“ sagte der Dekan nur knapp.

Aber dank dir, wird das ja jetzt ein Ende haben, nicht war Herr Dekan? Oder möchten sie das dass Fürstenhaus von ihrem Treiben erfährt?“

Aber Fräulein von Alverdissen, sie wollen doch sicher nicht den Unmut des Heiligen Stuhles auf sich ziehen?“

Diese antwortete jetzt mit eiskaltem messerscharfem Unterton.

Wer hier welchen Unmut auf sich zieht bleibt abzuwarten. Denn, Herr Dekan, sie wollen doch sicher nicht meinen Unmut und den des Fürstenhauses auf sich ziehen. Auf sich ganz persönlich. Also ich meine nur auf sie. Sie sollten sehr vorsichtig sein wem sie womit drohen. Denn sie haben nicht das Blatt dafür. Diese Umstände werden umgehend abgestellt! Sie werden sich nicht eine Sekunde länger an diesen armen Kindern persönlich bereichern.“

Dieser Disput hörte sich nicht gut in meinen Ohren an und auch wenn ich keine Ahnung hatte worüber die beiden redeten, saß ich wie ein Häufchen Elend zwischen ihnen und sah meine Felle schon wieder davonschwimmen.

Als sie aufstand und kurzerhand sagte. „Komm Johannes mein lieber. Ich denke der Herr Dekan hat verstanden und ist jetzt fertig! Ich bin mir sehr sicher er wird jetzt das richtige veranlassen.“

Da ich in keinster weise den Unmut dieser Frau erregen wollte, nahm ich ihre Hand die wie ich jetzt bemerkte in schwarzen Spitzenhandschuhen steckte und stand ebenfalls auf. Als wir gingen sah ich nur sie, wie sie neben mir herging. Ich sah zu ihr auf und ignorierte alles um mich herum. Sah nicht den mürrischen Kaplan und das mir die Sekretärin verstohlen zuwinkte.

Das Fräulein war eine gepflegte Frau in schon fortgeschrittenem Alter. Die grauen Haare dezent überdeckt. Jetzt kam sie mir überhaupt nicht verhärmt vor. Für mich war sie in diesem Moment die schönste Frau auf Erden! Mit einer damals üblichen Dauerwellenfrisur.

Geschminkt war sie immer eher dezent. Sie trug in der Regel Kostüme in gedeckten Farben, Blusen mit hohem Kragen und immer diese Spitzenhandschuhe. So wie heute auch. Gelegentlich trug sie auch Hauben, oder Damenhüte. Heute als erwachsener Mann würde ich sagen; immer alles stimmig und gepflegt. Nur etwas altmodisch. Man könnte auch sagen klassisch!

Erst als wir im Auto saßen begann ich zu glauben das ich wirklich nicht mehr zurück musste. Trotz des leisen Bedauerns wegen all meiner Freunde dort in mir, erfüllte mich doch noch mehr Freude. Oder besser eine Euphorie. Ich fühlte mich zwar sicher, doch tief in mir drinnen war immer noch ein Rest Misstrauen. Dieses Misstrauen würde mich noch sehr lange begleiten. Fast mein ganzes Leben!

Der Dekan sagte das sie mir alles erklären würde, deswegen nahm ich allen Mut zusammen und fragte. „Fräulein von Alverdissen? Was passiert jetzt mit mir?“

Wieso fragst du mich das?“

Ich, ähh, na ja ,also im Waisenhaus werden so Sachen erzählt.“

So Sachen? Welche so Sachen werden denn erzählt?“

Sie war vollkommen ruhig. Der Chauffeur stieg ein und sie hielt ihn an zu warten. Wieder nahm ich allen Mut zusammen. „Na so Sachen eben. Keiner hat mir gesagt was heute geschieht und ich frage mich ob , na ja ob….. Sie erzählen das Kinder verschwinden und so.“ sagte ich schließlich matt. Keine Ahnung wie sie jetzt reagieren würde. Doch sie lächelte nur milde.

Es wird dir nichts geschehen mein Kind. Aber habe ich das richtig verstanden? Keiner hat dir gesagt warum du heute zum Dekan kommen solltest? Sie haben einfach deine Sachen gepackt und dich weggebracht?“

Ich nickte stumm.

Also das ist doch! Dieser unmögliche Mensch! Dieser…. dieser!“ Dann schüttelte sie nur noch den Kopf und drehte sich zu mir herum.

Johannes, sieh mich an! Sie mich an! Es wird dir nichts passieren, hörst du? Wir fahren jetzt nach Hause. Und ich hoffe sehr, das du es irgendwann auch als dein Zuhause ansiehst. Was hältst du davon!“ „Ja, das wäre schön Fräulein von Alverdissen.“

Ich habe gehört das du Schlafwandelst, ist das richtig?“ „Ja.“

Nun, auch dafür werden wir eine angemessene Lösung finden, nicht war?“

Eine ohne Schläge?“

Grundgütiger ja! Willst du damit sagen das…“ sie sprach nicht zu ende, sondern schüttelte nur den Kopf. Dann sagte sie.

Ja mein Kind, eine ohne Schläge. Ist das nicht schön?“

Wieder nickte ich stumm und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Sie lächelte zurück und klopfte zwei mal auf den Fahrersitz. Dann ging es los!

Während der Fahrt sah ich mich in ruhe um. Sah die Straßen, Häuser, Bäume, Menschen, sah wie alles an uns vorbeiglitt. Das Innere des edlen Autos. Immer wieder sah ich Fräulein von Alverdissen an und hoffte inständigst das ich nicht träumte. Was wohl Walter und Thea sagen würden wenn sie wüssten was gerade geschah? Sie würden sich sicher sehr freuen für mich.

Was ich noch nicht wusste war, das ich meine lieben Bibelfreunde auch in Zukunft sehen würde. Walter und Thea durften mich jederzeit besuchen, und auch umgekehrt. Denn mein neues Zuhause war nicht weiter weg von ihnen als das Waisenhaus und sogar näher an den Wackelsteinen. Aber das wusste ich alles noch nicht.

Und das das Fräulein einiges von mir erwartete. Es würde nicht einfach werden dieses zu erfüllen. Aber alles war für mich besser, als das Waisenhaus.

Doch ich greife den Dingen vor.

Ich saß neben ihr! So voll! Voller Gefühle, voller Gedanken! Ob ich Marcus Christianus jemals wiedersehen würde? Damals hatte ich keine Ahnung warum ich gerade jetzt an ihn denken musste. Ihre Hand lag neben ihrem Oberschenkel auf dem Sitz und ohne das ich darüber nachdachte, einer plötzlichen Eingebung folgend, ergriff ich sie. Sie war warm und fühlte sich schön an. Überrascht sah sie mich, dann meine Hand an, dann drückte sie meine Hand ganz leicht und sah wieder nach draußen. Ich ließ sie erst wieder los, als wir ausstiegen. Es war das einzige mal, das sie etwas derart vertrauliches zuließ. Dennoch hatte ich nie Zweifel, was sie für mich empfand.

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Über Luke Elljot - Autor

Bei Beginn des Blogs 2015 war ich um jetzt genau zu sein 53. Ich möchte so über meine persönlichen guten Erfahrungen auf dem Gebiet der Gedankenkraft informieren. Inclusive den natürlichen Rückschlägen. Dazu habe ich auch ein Buch geschrieben: Lutz Jacobs, Gesundheit und Spiritualität. ISBN: 978-3 8442-3669-9 erhältlich beim epubli Verlag. http://www.epubli.de
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