Morgenrot 8 © by Luke Elljot

Kapitel 3. /3

Theodora von Alverdissen

Dieses Stück des Weges das konnte ich sehen.

Und dieses Stück führte in das Waisenhaus.

Vorerst gehörte ich in dieses Waisenhaus und nirgendwo anders hin. Als ich darüber nachdachte sah ich kurz auf den Boden. Als ich wieder aufsah, war die kleine Gestalt verschwunden. Er hatte mir ein Zeichen gegeben.

Ob alle Kinder in meinem alter so etwas erlebten? Zum tausendsten mal versuchte ich mir vorzustellen wie es sein sein könnte, wenn ich in einer normalen Familie leben würde. Mit einer Mutter die mir Lieder vorsang und mich ins Bett brachte als ich ganz klein war. Die Lecker Essen kochte. Oder meine kleinen Schrammen versorgte an den Knien und dem Schienbein. Die mir zuhörte wenn ich nach Hause kam. Oder einem Vater der mir beibrachte eine Flöte aus einem Ast zu bauen. Von dem ich lernen konnte eine Bogen zu bauen und Pfeile zu schnitzen.

Mit dem ich Lagerfeuer machen konnte. Zusammen würden wir dann am Lagerfeuer an Stöcken Fleisch braten. Er könnte mich dann immer zum Fußball bringen. Oder wir würden zusammen Angeln gehen. Am Badesee alle zusammen schwimmen. Er wäre manchmal auch streng und mit meiner Mutter hätte ich dann kleine Geheimnisse. Beide könnten mir abwechselnd bei den Hausaufgaben helfen. Lauter solche Sachen. Nur einen Bruder, oder eine Schwester konnte ich mir nicht vorstellen.

Da stand ich und sah hinüber zu dem Platz wo ich den Druiden sah. Nicht eine Sekunde daran zweifelnd das er wirklich dort gestanden hatte. Langsam drehte ich mich um, und ging zurück.

Die Sommerferien näherten sich langsam wieder ihrem Ende. Ich feierte einen ziemlich öden zwölften Geburtstag im Waisenhaus. Kein Kuchen kein nichts.

Walter und Thea hatten natürlich einen kleinen Kuchen für mich. Einen mit einer Kerze drauf. Thea´s selbstgebackene Kuchen waren wie immer fürchterlich lecker und wir aßen ihn gemeinsam bei Kaffee und heißer Schokolade gleich auf.

Doch ansonsten geschah nichts aufregendes mehr. Ich ging zwar immer mal wieder auf den Hügel auf dem ich den Druiden gesehen hatte (ich war mir absolut sicher das er es war den ich sah) , doch er blieb wieder verschwunden.

Einmal kam ich sogar zu den Wackelsteinen. (Die Köchin lieh mir ihr Rad) Ebenfalls ohne Ergebnis. Von dem Fräulein von Alverdissen hörte ich zunächst auch nichts mehr und die Trauer um Frau Köhler wurde immer weniger. Auch dank der Gespräche mit Walter. Wo ihr Grab sich befand konnte ich allerdings noch nicht herausfinden.

Die allmorgendlichen Schläge wegen der Schlafwandelei blieben mir ebenfalls erhalten. Seit das Fräulein im Waisenhaus erschien, war es jedoch nicht mehr so schlimm. Diese Aufgabe übernahm seit dem meist Bruder Nicolas. Mit ihm war das einfach nicht mehr so schlimm. Er fragte bei fast jedem Schlag. „Und? Geht es? Ist es zu fest mein Junge?“ Oft stellte ich mir die Frage warum er nicht zu den Bibelmenschen wechselte. Doch wer sollte uns dann beschützen? Ich liebte diesen alten Mann!

Einige male erwischte mich aber doch der Kaplan. An diesen Tagen vielen mir das Zeitung austragen und meine sonstigen Aufgaben schwer. Jürgen merkte es immer sofort und schickte mich jedes mal nach Hause.

Was blieb waren also die Pflichten im Heim, mein Status als Allesreparierer dort und die Aufgaben die ich beim Hausmeister der Bibelmenschen übernahm. Diese wurden immer umfassender, was mich sehr stolz machte. Doch nie wurden es so viele das ich es nicht schaffen konnte. Im Gegenteil! Jürgen achtete genau darauf, das ich mir nicht zu viel aufhalste.

Eigentlich hätten es die schönsten Sommerferien sein können, die ich bis dahin erlebte.

Doch das Geschehene lag wie ein Schatten auf diesen.

Eine Woche vor dem Ende der Ferien wurde ich zum Dekan gebracht. Ich sollte meine besten saubersten Sachen anziehen, keinen von den komischen Anzügen aus dem „Ankleideraum“. Dieses mal kam er nicht in das Waisenhaus, sondern ich musste in die Kirche im Ort gebracht werden. Was an sich schon sehr ungewöhnlich war. Als ich vom Kaplan zu seinem Auto gebracht wurde konnte ich noch einen Blick in den Schlafsaal erhaschen und sah, das mein Bett abgezogen und meine Matratze zusammengerollt war. Was das bedeutete war mir sofort klar.

Mir lief es kalt den Rücken herunter. Zu fragen was eigentlich los war, das war mir klar, war bei dem Kaplan vollkommen sinnlos. Es war offensichtlich so das ich dorthin nicht wieder zurückkehren würde. Trotz allem, Dem harten Leben in diesem Waisenhaus, den schlagenden Priestern, der Armut. Trotz allem, war es mein Bett. Mein Platz, mein Zuhause. Es war das einzige Zuhause das ich kannte, das einzige das ich hatte. Der einzige feste Platz in meinem Leben. Den ich, so wie es jetzt aussah nicht wiedersehen würde. Als ich das erkannte, wurde ich wie taub. Ich ging, ich atmete, ich sah mich um. Aber ich spürte nichts mehr in diesen Momenten. Als ich fragte, sagte der Kaplan das sich meine Sachen schon in seinem Auto befanden. Einfach so, ohne ein weiteres Wort.

Meine Sachen bedeutete meine Tasche. Denn alles was ich besaß hob ich in einer Tasche auf. Ich besaß nicht viel.

Was diese Momente so schrecklich für mich machten war, das niemand mir etwas sagte! Keiner Sprach mit mir. Ich wusste nicht im geringsten was passiert war, oder geschehen würde, und warum. Dachte schon ich würde an irgendwelche Kinderhändler weggeben überlegte was ich verbrochen hatte. Meine Fantasie schlug Purzelbäume. Auf den wenigen Metern zwischen Tür und Auto überlegte ich drei mal einfach weg zu rennen! Traute mich aber nicht. Auch weil die Angst mich lähmte.

Wir gingen zu seinem Auto, einem schwarzen Opel Rekord mit dunkelroten Sitzen, und stiegen ein. ich sollte hinten auf der riesigen Rückbank Platz nehmen. Dort lag auch meine Tasche mit meinen wenigen Sachen. Der Kaplan setzte zurück und fuhr langsam los. Ich kam mir vor wie ein Tier das zum Schlachter gebracht wurde.

Viele der anderen Jungs standen auf dem Hof und sahen mich an. Einige fragend, die meisten ängstlich.

Wir fuhren zur Kirche. Wortlos während der ganzen Fahrt. Ich war derart aufgeregt, das ich weiterhin nichts um mich herum wahrnahm, außer dem Schloss des Handschuhfaches vor mir, das ich die ganze Zweit anstarrte. Die Hände verkrampft zwischen den Knien. Meine Fingernägel gruben sich in meine Handflächen, bis es weh tat. Das zumindest spürte ich. Als wir an der Kirche ankamen gingen wir, immer noch wortlos, hinein und ohne anzuhalten zügig in in das Vorzimmer des Dekans, was mich erst einmal beruhigte. Zumindest die Kinderhändler waren vorerst ausgeschlossen.

In dem Wartezimmer standen drei große schwarze lederne Sessel in denen wir Platz nehmen sollten. Die freundliche Sekretärin des Dekans brachte mir einen Keks und dem Kaplan der mich keine Blickes würdigte, einen Kaffee. Die Standuhr tickte laut. Mit jedem ticken lauter fand ich. Wie wir dort saßen nahm ich mir den Keks und sah mich an diesem knabbernd mit einem beklemmendem Gefühl um. Die dunklen Einbauschränke waren voll mit Büchern. Verschiedenen Bilder von Jesus Christus und einer Marienstatue. In einem goldgefassten Rahmen hing ein Bild des Papstes an der Wand. Über der Tür die zu seinem Büro führte ein goldenes Jesuskreuz. Auf dem Boden lag ein gepflegter grauer Teppichboden, der jeden Schritt schluckte. Für mich war all das eine andere Welt.

Unterbrochen wurde die tickende Stille nur von der Sekretärin, wenn sie mit irgendwelchen Papieren Raschelte oder etwas tippte. Meine Ohren begannen zu rauschen und es juckte mich überall. Es war mir unmöglich still zu sitzen.

Da saß ich in meinen kurzen abgetragenen Hosen mit meinen verschorften Knien. Die Kniestrümpfe nach unten gerutscht, meine alten Sandalen vielen fast auseinander. Mein kariertes Hemd war ebenfalls zerschlissen. Meine Sachen waren sauber aber abgetragen. Genaugenommen waren sie schon abgetragen als ich sie bekam. Erst jetzt viel mir selber auf das ich keinen dieser Anzüge anhatte, mich also nicht umziehen musste. Keiner war mit mir in die Kammer gegangen um mich aus dem Heimfundus raus zu putzen. Selbst meine Haare waren nicht gekämmt und noch ganz strubbelig! Die Sekretärin schien bemerkt zu haben wie ich mich begutachtete, denn sie sagte. „Es ist alles gut mein Junge. Mach dir keine Gedanken!“ Was den Kaplan veranlasste mich kurz anzusehen und die Stirn zu runzeln. „Ich weiß nicht was sie an dir findet!“ sagte er. „Das müssen sie auch nicht!“ Antwortete ihm die Sekretärin herablassend. Es war klar das er mich meinte aber wer war sie“? Oder war es doch möglich?

Nach einer Ewigkeit wie mir schien hörte wir plötzlich die Stimme des Dekans aus einem Lautsprecher auf dem Schreibtisch der Sekretärin, die zu meiner Verwunderung nicht nur sehr jung und hübsch war, aber vor allem keine Nonne.

Sie können den Jungen jetzt hereinbringen Fräulein Degenhardt!“

Sehr wohl euer Hochehrwürden.“

Sie nickte dem Kaplan zu, stand auf und kam zu mir. Reichte mir die rechte Hand und sagte.

Hab Vertrauen kleiner Johannes, komm wir müssen zu dem Dekan. Du bist ein glücklicher kleiner Junge. Ab jetzt wird es für dich besser werden.“ Einen Moment sah ich sie, dann ihre Hand an.

Los jetzt Junge. Der Dekan wartet nicht ewig!“ raunzte der Kaplan mich an.

Ich nahm ihre Hand und stand auf. Doch bevor wir gingen sah sie voller Abscheu noch einmal den Kaplan an, der ihren Blick mit einem säuerlichen Grinsen erwiderte.

Dann gingen wir in das Büro des Dekans. Die zweiflügelige Tür schwang auf und was ich jetzt sah, prägte sich mir bis an mein Lebensende ein!

Vor dem riesigen Schreibtisch stand ein kleiner Kaffeetisch an dem der Dekan und das Fräulein von Alverdissen Tee trinkend saßen. Ein dritter Stuhl der dort stand war unbesetzt.

Als ich hereinkam unterbrachen sie ihr Gespräch und blickten mich an. Das Fräulein stand sogar auf auf und Lächelte was mir schon etwas unheimlich war. Denn außer Walter und Thea und ihren Bibelfreunden, lächelte mich normalerweise keiner an. Mit einem Stich in meinem Herzen dachte ich an Frau Köhler. Sie würde mich nie wieder anlächeln.

Johannes? Ist alles gut mit dir?“ sagte das Fräulein.

Setz dich doch einfach zu uns und lass uns etwas besprechen!“ Wunder, über Wunder! Doch ich konnte mich nicht rühren, so eingeschüchtert wie ich war.

– Luke Elljot –

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Über Luke Elljot - Autor

Bei Beginn des Blogs 2015 war ich um jetzt genau zu sein 53. Ich möchte so über meine persönlichen guten Erfahrungen auf dem Gebiet der Gedankenkraft informieren. Inclusive den natürlichen Rückschlägen. Dazu habe ich auch ein Buch geschrieben: Lutz Jacobs, Gesundheit und Spiritualität. ISBN: 978-3 8442-3669-9 erhältlich beim epubli Verlag. http://www.epubli.de
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