Morgenrot 7 © by Luke Elljot

Kapitel 3. /2

Theodora von Alverdissen

Ohne Halt! Oder auf irgend jemanden zu achten rannte ich hinaus zu den anderen Kindern auf den Innenhof. Dort stellte ich mich neben ein Klettergerüst und schnappte nach Luft.

Das gerade war unheimlich. Die anderen sahen mich besorgt an denn sie wussten ja das ich in letzter Zeit einiges mitgemacht hatte.

Es war Hartmut Schuster der mich mit ebensolchem besorgtem Blick ansprach. Der Junge, dem ich hunderte Kopfnüsse verdankte und der seit dem auf mich aufpasste. (Hab nie einen kleinen Bruder gehabt! Jetze bist du´s klar?)

“„Hey, Morgenrot, is alles klar bei dir?“

Klar ist alles klar, warum sollte den etwas nicht klar sein.“ Er nickte, schlug mir kräftig auf die Schulter und ging weg.

Was hatte das zu bedeuten? Oder sollte es tatsächlich möglich sein dass dieses Fräulein sich für mich interessierte?

Je älter wir wurden um so schwieriger wurde es uns zu vermitteln. Am liebsten wurden natürlich Säuglinge genommen. Die hatten wir hier nicht zu bieten. Nur mich wollten sie als Säugling nicht. Lag wohl daran das meine Mutter aus dem Milieu kam. Keiner wollte etwas mit dem Milleu zu tun haben. Damit hat sie mir auch das versaut. Mit fast zwölf gehörte ich schon langsam zu den alten Kindern. In meinem alter wurde man äußerst selten vermittelt und meist dann nur in sehr schlechte Verhältnisse. Als Haussklave für irgend eine reiche Familie zum Beispiel. Dort hatte man zu allermeist nicht viel zu erwarten, außer Misshandlungen und Erniedrigungen. Wir standen in unserer Situation außerhalb der Gesellschaft. Klappte es nicht, waren die undankbaren Kinder schuld die nichts taugten. Die Polizei wurde gerufen und die Kinder kamen in ein Besserungsheim. Alles weitere war nur noch Formsache. Eine Psychologische Betreuung oder so ausgefeilte Pädagogik wie heute gab es noch nicht.Außerdem war es dort wo ich lebte noch sehr ländlich.

Immer wieder verschwanden Kinder dann und wurden nie wieder gesehen. Einmal war ein Junge aus solchen Verhältnissen nach Monaten zurückgekommen. Er sprach mit keinem und saß immer mit wippendem Oberkörper alleine.

Eines Tages fand der Kaplan ihn auf dem Dachboden an einem der Deckensparren.

Vielleicht ist meine Panik in diesem Moment jetzt besser zu verstehen. Denn ich hatte mir schon einen groben Plan zurecht gelegt wie es weitergehen sollte. Noch drei Jahre Schule, Lehre und dann…. dann würde man sehen. Doch jetzt könnte alles ganz anders werden. Doch wollte ich diese Hoffnung nicht aufkeimen lassen. Zu oft, zu viele Enttäuschungen die hinter mir lagen. Nein! Ich würde meinen Weg alleine gehen.

Wenn wir nicht vermittelt wurden, kamen wir normaler weise meist auf Bauernhöfe oder Handwerksbetriebe mit Familienanschluss in der weiteren und näheren Umgebung. Wer Pech hatte verrichtete dort irgendeine Sklavenarbeit ohne etwas zu lernen und landete als Jugendlicher wer weiß wo. Wer Glück hatte wurde gut behandelt und konnte eine Ausbildung machen. So hatte man dann alle Möglichkeiten. Deswegen war ich so dankbar für das Angebot meiner lieben Bibelfreunde allgemeines im Handwerk schon vorab zu lernen. In den letzten Jahren nahm das Jugendamt immer mehr Einfluss. Doch hier auf dem Land war dieser noch nicht all zu groß.

Die dritte Möglichkeit war man bekam ganz normal eine Lehrstelle und dann in ein anderes Heim. Ein Jugendheim. Wir nannten es den offenen Jugendknast. Diese und ähnliche Gedanken rasten mir durch den Kopf.

Was hatte das gerade zu bedeuten? Wohin würde mein Weg jetzt gehen? Walter würde mich jetzt beruhigen und sicher zu mir sagen das ich doch überhaupt nicht wusste was geschehen würde. Diese Frau konnte wer weiß wer sein, die wer weiß was wollte. Es musste ja nicht gleich bedeuten das sie mich an Kindes Statt annehmen wollte.

Vielleicht war sie eine Unternehmerin die mich für eine Aushilfsarbeit suchte, oder irgend etwas anderes. Und wenn ich für was auch immer ihren Vorstellungen nicht entsprach, würde überhaupt nichts passieren. Also Ruhe bewahren!

Das es Bruder Aurelius vollkommen egal war wo wir landeten und was aus uns wurde wussten wir alle. Hauptsache vermittelt, Hauptsache die Zahlen stimmten. Es war also nicht nur eine reine Freude vermittelt zu werden.

Aber welches Schicksal mich erwartete würde ich sicher bald erfahren.

Auch dieser Tag verging.

Eine Beobachtung ist noch erwähnenswert. Als ich eine Stunde später auf meinem Lieblingsbaum mit einigen anderen Kindern die Beine baumeln ließ, sah ich wie eine große schwarze Limousine vor dem Haupteingang vorfuhr. Ein Chauffeur stieg aus und öffnete die rechte Hintertür. Kurz danach kam das Fräulein aus dem Haus, stieg ein und fuhr davon. Das alles ließ mich mit noch mehr Fragen zurück. Zum Beispiel; Was hatte sie so lange mit Bruder Aurelius zu besprechen? Denn andere Kinder wurden nicht mehr hereingerufen. Was ebenfalls sehr merkwürdig war? Fast schien es sie wollte nur mich sehen? Doch ich wollte nicht mehr denken. Also kletterte ich von meinem Baum und schlenderte ein bisschen herum. Alles war im Moment so verwirrend. Meine Welt schien immer unsicherer zu werden. Ich hatte Angst das alles auseinanderfiel. Meine kleine Welt. Das Heim, die Schule, meine Bibelfreunde. Das Zeitung austragen und meine Gedanken. Alles schien sich zu verändern und ich wollte es so nicht!

Natürlich wollte ich aus dem Heim!

Etwas geschah! Dinge gerieten in Bewegung. Ernste Dinge. Ich stand an einer Schwelle zu einem neuen Weg und ich musste mich entscheiden ob ich diesen Weg gehen wollte. Ich wusste ja nicht was kam. Ich war fast zwölf, also noch ein Kind. Andere Kinder in diesem Alter spielten und tobten. Sahen sich Kinderfilme an und freuten sich auf Weihnachten oder ihren Geburtstag. Bliesen an ihrem Geburtstag auf dem Kuchen die Kerzen aus.Hatten Freunde mit denen sie ihre Interessen teilte.

Ich stand auf einem Berghügel und sah in das wellige Tal während ich über meine Zukunft nachdachte. Die Felder waren zum Teil schon abgemäht und die Apfel und Kirschbäume hingen voll. Die anderen saßen sicher in einem dieser Kirschbäume und aßen diese leckeren kleinen Wunder der Natur. Ich wusste nicht was da auf mich zukam. Aber es kam etwas auf mich zu.

Abhauen! Abhauen war eine Möglichkeit! Ich war schlau. Ich war begabt. Ich war für mein alter schon sehr weit entwickelt und kräftig. Es war jetzt Erntezeit! Keiner würde Fragen stellen wenn ich meine Arbeit anböte. Überall standen Schuppen voller Heu in denen ich übernachten konnte. Wirklich vermissen würden mich nur Walter und Thea. Und die würden mich verstehen. Tatsächlich stellte ich mir die Frage was mich hier hielt. Das da draußen war meine Welt! Ich würde sie erobern!

Als mich diese Gedanken erfüllten sah ich mich voller Tatendrang um und blickte auf den nächsten Hügel.

Ein kleine Gestalt stand dort. Sie war in eine weite weiße Kutte gehüllt und blickte zu mir herüber. Als ich sie sah erhob sie den Arm und winkte mir zu.

Marcus Christianus! Er war es, ohne jeden Zweifel! Ich wusste es. Ich hob ebenfalls meinen rechten Arm und winkte zurück. Ein breites Grinsen und eine tiefe Euphorie erfüllten mich. Denn jetzt wusste ich was zu tun war. Wohin ich gehörte. Was mir noch vor ein paar Momenten als vollkommen unmöglich erschien war jetzt vollkommen klar. Ich konnte das Ende nicht sehen, aber das kleine Stück des Weges, das vor mir lag.

– Luke Elljot –

Advertisements

Über Luke Elljot - Autor

Bei Beginn des Blogs 2015 war ich um jetzt genau zu sein 53. Ich möchte so über meine persönlichen guten Erfahrungen auf dem Gebiet der Gedankenkraft informieren. Inclusive den natürlichen Rückschlägen. Dazu habe ich auch ein Buch geschrieben: Lutz Jacobs, Gesundheit und Spiritualität. ISBN: 978-3 8442-3669-9 erhältlich beim epubli Verlag. http://www.epubli.de
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Roman, Wer bin ich, Wissen und Phantasie abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s