Morgenrot 6 © by Luke Elljot

Kapitel 3. /1

Theodora von Alverdissen

Ich bekam nur schemenhaft mit das der Postbote kam. Und nach ihm die Polizei.

Die Zeitungen trug ich an diesem Sonntag nicht mehr aus. Was mir mein Chef natürlich vom Lohn abzog. Leistung und Gegenleistung. Damals fand ich das nur gerecht. Denn ich hatte ja meine Leistung nicht erbracht.

Später erzählten sie das ich vollkommen regungslos neben Frau Köhler stand, als sie uns fanden. Das sie mich zum Waisenhaus brachten, bekam ich nicht mit. Glücklicherweise kannte mich der Postbote und wusste wo ich hingehörte. Wer weiß wo ich ansonsten gelandet wäre.

Sie legten mich auf mein Bett, wo ich den Rest des Tages ebenso regungslos verbrachte. Die ganze Zeit die leeren Augen von Frau Köhler vor Augen. Es war nicht der Umstand an sich das sie tot war, es waren diese Augen. Diese Abwesenheit von Leben in ihnen. Ich hatte keine Angst oder gruselte mich oder so. Ich wusste das es etwas normales war zu sterben. Meine Mutter hatte mich das gelehrt, durch ihren eigenen Tod.

Auch wenn sie sich und ihrem Leben selber ein Ende setzte. Sie fanden leere Verpackungen Schlaftabletten und eine halb leere Flasche Hochprozentiges in ihrer Küche. Der Brief auf dem Tisch gab dann Sicherheit. Warum sie es tat wurde mir nie gesagt. Aber ich war mir sicher sie hatte ihre Gründe.

Alles gute Frau Köhler. Dort wo sie jetzt sind gibt es keinen Schmerz, keine Wut, keine Zweifel, keine Trauer, nur Liebe!

Doch ich bin mir sicher das egal was passiert, das Leben dem Tod vorzuziehen ist. Wenn wir selber diese Entscheidung haben, sollten wir uns immer für das Leben entscheiden. Denn es endet von selbst sowieso irgendwann. Wozu das unnötiger weise beschleunigen?

Bruder Nicolas setzte sich immer wieder an mein Bett und sprach mich an. Aber erst am Abend reagierte ich wieder.

Johannes.“

Ohne ihn anzusehen sagte ich.

Bruder Nicolas. Was ist Leben?“

Junge bitte. Was geschehen ist und was du gesehen hast war sehr schlimm. Ich weiß das du sie sehr gerne hattest. Komm setz dich auf.“

Als ich saß setzte er sich neben mich und legte den Arm um meine Schulter. Eine wunderbar warme Berührung.

Ich kann dir diese Frage noch nicht beantworten, denn ich glaube das du sie noch nicht verstehen würdest. Aber du sollst eins wissen, auch wenn es hart ist. Leben ist auch Tod. Denn wir alle teilen das gleiche Los. Alles belebte und beseelte auf dieser Welt ist sterblich. Auch wir. Nur der Herr, Gott der unser aller Vater ist, kennt den wahren Grund dafür. Leben ist das Geschenk des Herrn an uns und wir dürfen niemals diesem selber ein Ende setzen. Das ist widernatürlich, das ist wieder Gott!“

Bruder Nicolas, gehen wir wenn wir sterben in den Odem? Was ist Odem?“

Ich denke schon mein Junge. Odem ist der Herr. Doch es kommt aber vor allem darauf an wie wir leben. Es ist nicht entscheidend wie wir sterben. Entscheidend ist wie wir leben! Leben ist so mannigfaltig wie die Menschen die es erfüllen. Die einzige Ausnahme ist der Freitod den dieser ist wieder unseres Herrn!“

Heute weiß ich das seine Worte nicht selbstverständlich waren für einen Katholischen Priester.

Da saßen wir beide in dem großen Schlafsaal. Der alte Mann der um die richtigen Worte rang, und das Kind das Antworten suchte.

Frau Köhler war Tod, daran würde sich nichts mehr ändern.

Ich konnte nichts gegen meine tiefe Trauer anrichten. Ich kannte sie kaum, nur vom Zeitung austragen. Aber etwas in mir trauerte so sehr, das ich es kaum aushalten konnte.

Mein und unser aller Leben ging weiter. Alles ging weiter. In dieser einen Nacht schlafwandelte ich nicht. An ihrer Beerdigung durfte ich aber nicht teilnehmen.

Jahre später, als ich erwachsen war, legte ich an ihrem Grab einen Strauß Anemonen nieder. Ihre Lieblingsblumen. In Stille bedankte ich mich bei ihr. Und entschuldigte mich dafür das es so lange dauerte bis ich an ihr Grab kam.

Auf ihrem verwitterten Grabstein stand;

„Ertragt Leid mit Stärke

denn darin überragt ihr Gott.

Er steht außerhalb

des Erduldens der Übel.

Ihr aber steht darüber!“

Als Junge, viele Jahre vorher, hörte ich diese Worte von jemandem anderem. Allem Anschein nach, war sie eine Wissende.

Die ersten Tage nach ihrem Tode erwartete ich etwas besonderes. Erwartete ich das irgend etwas geschah! Denn Frau Köhler war gestorben! Das musste doch etwas zu bedeuten haben!? Und das Ferien waren half auch nicht. Das einzige was geschah war, das ich als ich meine Zeitungen wieder austrug sah, das ihre Wohnung leer geräumt wurde. Keine Woche nach ihrer Beerdigung. Ich blieb auf der anderen Straßenseite stehen und sah eine kurze Weile zu. Was aus der Katze wurde wusste ich nicht. Am nächsten Tag sah es aus, als ob sie nie dort gewohnt hätte. Selbst ihr Name war aus dem Klingelschild entfernt worden. A.Köhler.

Um mich abzulenken meldete ich mich bei dem Hausmeister der lieben Bibelmenschen. Walter und Thea waren verreist, aber er wusste Bescheid. Sein Name war Jürgen. Er arbeitete in einer große Werkstatt mit allem möglichen Werkzeug. So verbrachte ich ab diesem Zeitpunkt meine Freizeit meist mit werkeln und lenkte mich ab. Da ich in diesen Dingen etwas Talent besaß, konnte ich in kürzester Zeit schon verschiedene Arbeiten alleine Durchführen. Auch wenn meine Gedanken immer wieder abwanderten, erfüllte mich diese Arbeit mit einiger Zufriedenheit.

Doch viele Fragen blieben. Wieso war Frau Köhler so alleine? So alleine das sie sterben wollte? Überall um sie herum waren doch Menschen! ihre Nachbarn, ihre Familie, ihre Freunde, der Postbote, ich! Aber manchmal schien es nicht zu reichen wenn Menschen um einen herum waren.

Jürgen sagte dazu.

Jeder Mensch ist alleine! Mit sich und seinen Gedanken. Hinter deinen Augen bist du immer alleine. Selbst wenn du dich in einem Saal mit hunderten von Menschen befindest bist du alleine. Manche kommen, wenn ihnen das klar wird damit nicht klar und dann verliert das Leben jeden Wert für sie. So einfach ist das!“

Jürgen war ein Mann der einfachen und ehrlichen Worte.

Ich wusste nicht einmal was Leben war, woher sollte ich dann wissen was lebenswert war?

Das lernst du wenn du älter wirst.“

Aber hatte Bruder Nicolas nicht gesagt das nur Gott, unser aller Vater wusste was Leben ist? War das der Grund für all dieses Übel was immer wieder geschah? Weil wir es nicht wussten? Und immer noch nicht wissen?

Ich fand in seiner Werkstatt ein Buch und ich durfte darin lesen. Es hieß Demaskierung. Ich dachte es handelte sich um einen Abenteuerroman. Aber weit gefehlt. Nach den ersten Sätzen die dort standen war es um mich geschehen:

(Durch die tiefernsten Zeiten gedrängt und voller Verlangen der Menschheit nach bestem Vermögen zu dienen entstand dieses Buch! Es ist manchmal von einem Reich die Rede, das wie eine unangreifbare Burg des Lichtes und des Lebens in dieser Welt der Finsternis und des Todes zu Hilfe und zu Troste gegründet wurde!)

Aber ich musste ihm ein Versprechen geben. Nicht über dieses Buch zu reden. Dann schenkte er es mir. Heute spreche ich zum allerersten mal darüber! Ich werde aber vielleicht noch einmal aus diesem Buch zitieren.

Versteckt vor den Priestern begleitete dieses Buch mich fortan und ich besitze es, auch wenn es abgegriffen und zerfleddert ist von all den Jahren, heute noch.

Die Handwerklichen Kenntnisse die ich erwarb und mein Geschick, wollte ich natürlich anwenden. Also bot ich mich im Waisenhaus bei allen möglichen Gelegenheiten an, was auch angenommen wurde. Natürlich ohne jede Gegenleistung, und auch ohne irgendwelchen Dank. Das heißt ich durfte mich bedanken. So konnte ich etwas von der grenzenlosen Güte die mir entgegen gebracht wurde, wieder gut machen.

Als unsere Köchin mich bat ihr Fahrrad zu reparieren, wofür sie sich im übrigen überschwänglich bedankte, musste ich nach getaner Arbeit natürlich eine Probefahrt machen. Wohin mich diese führte? Natürlich ins Extertal.

Doch obwohl ich fürchterlich aufgeregt jeden Quadratmillimeter der Wackelsteine absuchte, fand ich ihn nicht. Ihn laut zu rufen wagte ich bei der Menge an Touristen ebenfalls nicht. Denn es war mir zu gefährlich festgenommen oder von einem Krankenwagen abtransportiert zu werden.

Ich kam ohne einen einzigen Hinweis auf ihn gefunden zu haben wieder zurück und zu meiner Überraschung wurde ich in das Büro von Bruder Aurelius gerufen. Schmutzig von den Reparaturen und schwitzig vom Radfahren ging ich zu ihm. Er saß an seinem Schreibtisch und ihm gegenüber eine, schlanke ältere, verhärmte Frau die anscheinend aus besserem Hause zu kommen schien, denn ihre Kleidung war edel und fein. Solche Kleidung hatte ich noch nie gesehen. Wenn ich heute darüber nachdenke sah sie ein wenig aus wie Katharine Hepburn in ihren alten Tagen.

Ah, ein Handwerker.“ sagte sie hochnäsig und schnippisch.

Komischer weise schämte ich mich plötzlich für mein Erscheinungsbild. Auch wenn ich keine Ahnung hatte worum es hier ging und was ich hier sollte.

Johannes!“ Herrschte mich Bruder Aurelius an. Wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt und wie siehst du eigentlich aus? Na darüber werden wir noch reden! Fräulein von Alverdissen und ich warten hier schon die ganze Zeit auf dich“

Fräulein? War diese Dame nicht etwas zu alt für ein Fräulein und von…? Damals war Fräulein eine gängige Anrede für junge Frauen.

Euer Hochwürden, ich wusste nicht einmal das jemand auf mich wartet.“ sagte ich während meine Augen hin und her wanderten. „Ich habe das Fahrrad der Köchin repariert und dann….“

Es ist gut Junge! Der Dekan hat das sicher nicht so gemeint.“ sagte das Fräulein bestimmt und sah mich abschätzend an.

Euer Fräulein. So würde ich sie ab jetzt nennen.

Wie ist sein Name?“ fragte sie Bruder Aurelius.

Morgenrot Euer Fräulein!“ Antwortete ich. Das mein Vorname Johannes war wusste sie ja schon. Als sie meine Anrede hörte schmunzelte sie kurz.

Ich kann mich nicht erinnern mit dir geredet zu haben.“ sagte sie dann wieder sehr hochnäsig, um dann im gleichen Ton zu sagen. „Morgenrot? Ist das alles oder hast du deinen ganzen Namen vergessen?“

Im nach hinein betrachtet war ihre Reaktion sehr erstaunlich.

Johannes! Reiß dich zusammen!“ Herrschte mich nun wieder Bruder Aurelius an.

Johannes Morgenrot,“ sagte ich schnell, immer noch keine Ahnung habend worum es hier ging.

Morgenrot ist kein Name, sondern ein Zustand! Und jetzt stell er sich gerade hin! Haltung! Haltung ist etwas was wir niemals verlieren dürfen!“

Er? Wer ist ER? Dachte ich und stand stramm.

Sie stand auf und kam zu mir. Sie sah mich an, nahm ein Spitzentaschentuch und fasste mein schmutziges Gesicht am Kinn und hob es an um mir genau in die Augen zu sehen. Dann sagte sie bestimmt.

Du kannst gehen!“

Nach kurzem zögern sah ich den Heimleiter an, der kurz nickte. Dann rannte ich fast hinaus. Was hatte das alles zu bedeuteten?

– Luke Elljot –

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Über Luke Elljot - Autor

Bei Beginn des Blogs 2015 war ich um jetzt genau zu sein 53. Ich möchte so über meine persönlichen guten Erfahrungen auf dem Gebiet der Gedankenkraft informieren. Inclusive den natürlichen Rückschlägen. Dazu habe ich auch ein Buch geschrieben: Lutz Jacobs, Gesundheit und Spiritualität. ISBN: 978-3 8442-3669-9 erhältlich beim epubli Verlag. http://www.epubli.de
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