Morgenrot 3 © by Luke Elljot

Kapitel 2. / 3

Johannes Morgenrot

Ich kam vom austragen der Zeitungen zurück und freute mich auf das Frühstück. Frau Köhler, der ich meinen neuen Namen verdankte, war heute seltsam still. Das war sie oft in letzter Zeit. Und sie wirkte auch immer öfter sehr traurig. Selbst das Wetter schien heute Morgen dieser Stimmung zu sein. Aus einem grau verhangenem Himmel, viel ein feiner, kaum wahrnehmbarer Regen.

Das Gestern geschehene war wie ich feststellen musste noch nicht erledigt. Nach dem Frühstück musste ich noch einmal zu Bruder Aurelius. Auch der Kaplan war anwesend. Dies war die „Sünderstunde“ wie wir Kinder es nannten. Immer Samstags, nach dem Frühstück mussten die Kinder, die in der vorangegangenen Woche ungehorsam oder sonst irgendwie sündig waren, zu ihm. Dann wurden die Strafen ausgesprochen. Wurde Montags etwas angestellt, hatte derjenige die ganze Woche Zeit sich zu sorgen. Eine Vorgehensweise die äußerst perfide war, wie ich heute finde. Da ich vorher noch nie etwas angestellt hatte, vergaß ich diesen Termin. Erst als wir frühstückten wurde ich von dem Jungen neben mir daran erinnert.

Bruder Aurelius war so freundlich und so verständlich. Und ich wusste in diesem Moment nicht wohin mit mir und dem erlebten.

Ich erzählte ihm von Marcus Christianus und auch von seinem Segen zu mir und dem Buch. Die Chronik der Welt! Vor allem bei dem Segen hätte das Entsetzen nicht größer sein können. Die schallende Ohrfeige die ich vom Kaplan bekam, ließ meinen ganzen Kopf dröhnen. Mehrfach schlug Bruder Aurelius das Kreuz. Noch eine Stunde später schmerzte meine Rechte Wange. Denn der Schlag kam mit dem Handrücken, und die Knöchel brannten sich tief in meine Wange.

Wie kannst du es wagen!“

Ich wünschte mir so sehr ich dürfte glauben. Jenes Etwas das mich führte. Mich in Wort und Tat so leitete, das die Menschen mich doch lieben mochten. Diese freie in sich ruhende Kraft, die mir alles geben konnte, das ich suchte. Vor allem eine liebende Familie. Ich blickte auf die verkrampfte beringte Hand des Kaplan und sein wütendes verzerrtes Gesicht. Auf den herablassend blickenden Bruder Aurelius und senkte den Blick. Mein Wunsch viel hinter meinen Augen in die Asche.

Von da an verwarf ich den Willen, diesem Glauben auf die Spur zu kommen. Verwarf gleichzeitig jede Spekulation diese Antike Kirche könnte irgendjemandem zu nutze sein. Glaubte ich bei meinen Grübeleien über diese Kirche ein gewisses Licht entdeckt zu haben, erlosch es im selben Augenblick.

Dieses Gefühl als ich heute morgen erwachte und das Bild des Marcus Christianus zwischen meinen Augäpfeln hatte, das war ich! Das war mein Glaube! Dieses friedvolle miteinander.

Und noch ein Gedanke gesellte sich in mein Kindliches Gehirn. Sank in mich hinein. Frei zu sein! Frei von allem. Sich frei zu bewegen, ohne jede Grenze, wohin ich wollte auch über die Zeit. So wie Marcus Christianus. Das wollte ich, das konnte ich wenn ich es nur genug wollte. Wenn ich mich nur genug anstrengte! Dann verschloss ich diese Gedanken in meinem Herzen.

Eine Woche durfte ich das Heim nicht mehr verlassen. In dieser Woche waren es noch zwölf andere Kinder die mein Los teilten. Wir drückten uns wie Diebe in den Ecken herum. Vorzugsweise den dunklen. Auf keinem Fall wollten wir dem Kaplan begegnen. Denn jedes mal wenn das geschah, schikanierte er uns in irgendeiner Art und Weise. Kein Wort kam in dieser Woche über meine Lippen. Zumindest nicht in dem Waisenhaus.

Ich durfte nur in die Kirche gehen und dort dem Abbé zur helfen. Ein netter junger Mann, der manchmal wundersam freundlich war.

Er war es der mir die alles entscheidende Frage stellte.

Johannes, mein Junge. Hast du schon einmal darüber nachgedacht was nach dem Waisenhaus kommen soll?“

Nein! Hatte ich nicht! Woher und wie auch.

Willst du immer eines dieser Kinder bleiben, die nirgendwo erwünscht sind, die keiner haben will? Ich weiß nicht was es ist mein Kind. Aber an dir ist etwas ganz besonderes. Da ist etwas, das dich für größeres bestimmt!“

Ich wusste nicht warum er das zu mir sagte. Aber tief in mir regte sich etwas. Noch war es klein und nicht erkannt, aber es war da! Und es wollte wachsen.

Dann beugte er sich zu mir herunter und legte vertrauensvoll seine Hand auf meine Schulter. Das war mir zu viel Nähe und ich trat einen Schritt zurück. Ich konnte die Enttäuschung deutlich in seinen Augen sehen. Bruder Nicolas kam herein und der Abbe´drehte sich weg.

Eines der größeren Kinder, Hartmut Schuster, musste auf mich aufpassen und mich hin und wieder zurückbringen. Seine spöttischen Bemerkungen über den Abbé verstand ich nicht. Davon mit mir eine Woche hin und her rennen zu müssen, war er natürlich total begeistert und ich bekam jeweils auf dem Hinweg und auf dem Rückweg jedes mal dutzende Kopfnüsse. Vor allem auf dem Rückweg, der die meiste Zeit bergan ging.

Eines war danach klar.

Nie! Nie wieder würde ich darüber reden. Zumindest nicht in dem Waisenhaus! Mit niemandem. Ich würde allem abschwören und es offiziell als Einbildung abtun. Nur mit Walter wollte ich darüber sprechen! Er war ja in einer Woche auch noch da!

Vieles verschloss ich ab damals in meinem Herzen.

Walter sagte immer wieder man solle aus seinem Herzen keine Mördergrube machen. Aber ich dachte; lieber eine Mördergrube, als ständig verprügelt zu werden.

Diese Woche war erfüllt mit allen möglichen unangenehmen Arbeiten. Drinnen vom Boden schrubben und in der Küche die Kacheln bis kein einziger Fleck mehr zu sehen war, bis zum Toiletten sauber machen. Draußen Holz hacken, Unkraut jäten, auf einer sehr hohen Leiter die wackelig angelehnt war, die Dachrinne säubern. Im Sommer bei größter Hitze. Zum Glück war dauernd einer von uns dran, so das es mit dem Dreck einigermaßen ging. Und wir waren zwölf für diese endlosen  Liste.

Aber am allerschlimmsten war es für mich dass ich alleine in den Keller geschickt wurde, um zwei Säcke Kartoffeln für die Küche hoch zu holen. Zwei mal musste ich dort runter in dieses finstere Gewölbe. Und zu allem Überfluss standen die Kartoffeln ganz hinten. Mit dem Rücken zur Wand, presste ich mich dorthin. Jede Sekunde erwartete ich das Erscheinen eines fürchterlich entstellten Kindes. Das kleinste Knacken ließ mich zu einer Säule erstarren und ich verharrte Bewegungslos. Als ich endlich fertig war, war ich schweißgebadet. Und das lag nicht an der Anstrengung. oder der Hitze.

Es wurde die bis dahin längste Woche meines Lebens!

– Luke Elljot –

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Über Luke Elljot - Autor

Bei Beginn des Blogs 2015 war ich um jetzt genau zu sein 53. Ich möchte so über meine persönlichen guten Erfahrungen auf dem Gebiet der Gedankenkraft informieren. Inclusive den natürlichen Rückschlägen. Dazu habe ich auch ein Buch geschrieben: Lutz Jacobs, Gesundheit und Spiritualität. ISBN: 978-3 8442-3669-9 erhältlich beim epubli Verlag. http://www.epubli.de
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2 Antworten zu Morgenrot 3 © by Luke Elljot

  1. die_zuzaly schreibt:

    … servus Dir … deine Geschichte kommt mir sehr bekannt vor … jedes hier geschriebene Wort – hat mich zurück versetzt in eine Zeit der Pein und Angst – es waren die Nonnen aus einem Ursulinen-Stift eines Waisenhauses – die auf die Kinder eindroschen um vor versammelter Gruppe eine Strafe auszuführen – den blanken Hintern mit dem Rohrstock zu bearbeiten – der Grund war schnell gefunden – jeder dieser hilflosen Kinder hat so davon mehrere male Bekanntschaft mit dem Rohrstock gemacht –
    Deine Geschichte hat mich sehr beeindruckt – denn nichts ist schlimmer – als Kinder zu demütigen und zu peinigen – die vorprogrammierten Ängste ließen nicht lange auf sich warten –
    nette Grüße von: die_zuzaly 😀

    Gefällt 1 Person

    • luke Elljot schreibt:

      Danke. Ich war und bin mir nicht sicher was da noch auf mich zukommen wird. Aber dein Kommentar bestärkt mich! Es ist eine Geschichte. Natürlich fließen eigene Erfahrungen mit hinein. Vielen Dank! Alles liebe Luke

      Gefällt 1 Person

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