Morgenrot 2 © by Luke Elljot

Morgenrot

Kapitel 2. /2

Johannes Morgenrot

Die Sommerferien begannen gerade erst wieder und schon lange freute ich mich auf den Besuch bei den Wackelsteinen. Mag sein das die Erfüllung dieser Freude mein Empfinden trübte, oder verschärfte, je nachdem. Denn die Zeit bis es endlich so weit war, verging nur sehr langsam. Ich hätte auch einer Eiche beim wachsen zusehen können. Warum musste man auf die schönen Dinge immer so lange warten? Und dann gingen sie vorbei wie im Flug. So wie jetzt! Was war das mit der Zeit. Sie kam in einem gleichmäßigen Fluß und schwand unermesslich unerschöpflich, trotz der Uhren die wir erschufen und versuchten sie zu messen. Sie verschwand in der Unendlichkeit. in der unermesslichen weite ihres Seins. Und wir gehen einen winzigen Teil dieses Flusses mit. Nur, woher kommt sie? Wer außer uns kennt sie noch?

Durch den Besuch dieser Heidnischen Kultstätten und dem was dort geschah, verpasste ich den Religionsunterricht im Waisenhaus. Was immer Ärger bedeutete. Auch wenn es weitestgehend angenehm war in diesem Kinderheim, oder eben Waisenhaus, ich kann mich da nicht festlegen und habe schon als Kind den Unterschied nicht verstanden. Ein Ort der verlorenen Kinder. Es war unser Platz, dort wurden wir hineingetan. Hauptsache wir waren aufgeräumt. Und wem, wenn nicht der Kirche, überließ man solche Kinder.

Disziplin wurde groß geschrieben. Vor allem im Ort durften wir nicht auffallen und mussten uns diszipliniert benehmen. Einige der einheimischen Kinder, nutzten dies leidlich aus. Immer wieder wurden wir provoziert und drangsaliert und mussten uns das gefallen lassen.

Eines der älteren Kinder setzte sich einmal vehement zur Wehr. Mit dem Resultat das drei einheimische Kinder ärztlich behandelt werden mussten. Warum lagen dort auch diese Zaunlatten herum. Es kam die Polizei und der Junge weg. Wir haben ihn nie wiedergesehen.

Mangel an Disziplin wurde bestraft! Manchmal hart. Der Pastor der das Heim leitete, Bruder Aurelius, stellte mich jedenfalls zur rede, und ohne das ich nachdachte, oder auf seine Frage antwortete, fragte ich ihn meinerseits.

„Warum verbrannte die Kirche Menschen?“ Ich wusste natürlich das sie es heute nicht mehr tat. Doch damals tat sie es! Als Kind verstand ich das nicht! Und es ist auch nicht zu verstehen. Seit Jahrtausenden stellt sich diese Frage. Was ist es, das den Menschen im Namen welcher Gottheit auch immer,  zu solchen Taten antreibt.

Mein Verhalten in diesem Moment war ein klarer Affront. Heute ist es nicht mehr vorstellbar, doch damals widersprach man den Hochwürden nicht. Schon überhaupt nicht als Waisenkind. Doch mein Mund war manchmal schneller als mein Verstand. Im Geiste sah ich mich schon einhundert Vater unser beten.Was für mich die Höchststrafe bedeutete. Doch er blieb besonnen. Der ebenfalls anwesende Kaplan, begann zu grinsen und nicken, was kein gutes Zeichen war. Einige Momente war es in dem Raum vollkommen still. Und wenn ich es gekonnt hätte, hätte ich mich schlagartig in Luft aufgelöst und auf direktem Weg zu den Bibelmenschen begeben. Der Kaplan sah mich an, wie eine wohlschmeckende Mahlzeit auf die er sich freute.

Auch er hatte keinen wirklichen Namen. War „der Kaplan“, oder Herr Kaplan! Voller angstvollem Respekt von uns ausgesprochen. Wohl wissend das er jederzeit zuschlagen konnte. Keiner wollte alleine in seiner Nähe sein! Er wollte nicht anders angesprochen werden. So hatte er die Distanz die er brauchte, um der zu sein der er war.

Der Kaplan! Er war wie ein Blockwart der seine Augen überall hatte. Wir waren etwa 60 Kinder in diesem Heim. Kinder in allen Altersgruppen, aus vielen verschiedenen Gesellschaftsschichten (vor allem den unteren), mit vielen verschiedenen Geschichten. Jede für sich betrachtet tragisch. Manche voller Zynismus, alle ihrem Schicksal folgend, einige wenige selbsterfüllend. Er hatte alle im Griff. Alle!

Das waren andere Zeiten mein Sohn. Und die Menschen lebten den christlichen Glauben anders! Die Kirche lebt durch Menschen und Menschen machen Fehler! Aber Johannes, wo warst du denn nun so lange? Das kenne ich nicht von dir. Was ist denn los mit dir?“ Antwortete jetzt Bruder Aurelius. Ich hatte das Gefühl mein Vergehen wäre schlimmer wie Leute verbrennen.

Euer Hochwürden. Es war so interessant, da habe ich die Zeit vergessen.“ log ich. Er sah mich lange ernst an, dann hielt er mich an es doch einmal mit der Beichte zu probieren! Letztendlich beließ er es aber für den Moment dabei.

Er merkte sofort daß das nicht alles war. Das da mehr war, als ich erzählen wollte. Das ich ihm nicht die ganze Wahrheit sagte warum ich den Unterricht verpasste. Aber ihm etwas von diesem Druiden zu erzählen, bedeutete noch mehr Ärger. Und den wollte ich unbedingt vermeiden. Alleine dort gewesen zu sein, missfiel den Priestern unseres Waisenenhauskinderheimes schon. Ketzerischer Unsinn! Aberglaube! Heidnischer Budenzauber!

Was aber war geschehen? Welche wichtige Sache dort schaffte es, das ich mich in diese Bedrängnis brachte?

Der Druide in der kleinen Höhle stand nicht nur neben mir. Er sah mich an! Nicht zufällig durch mich hindurch. Er sah mich an! Dann gab er mir ein Zeichen ihm zu folgen, hinaus aus dieser, hinauf zu dem größten der drei Wackelsteine. Und ich folgte ihm! Vollkommen verzaubert durch den Moment und in kindlichem Leichtmut.

Keiner außer mir schien ihn zu bemerken. Und ich dachte zunächst er wäre ein Angestellter, der für die Touristen etwas aufführte.

Doch ferner hätte ich mit meiner Annahme nicht sein können.

Der Druide gab mir also ein Zeichen ihm zu folgen, hinaus aus der kleinen Höhle, hinauf zu dem größten der drei Wackelsteine. Und ich folgte ihm! Gespannt auf das was geschah und voller Zuversicht. Immer wieder sah er sich um ob ich ihm auch wirklich folgte.

Wie war das Möglich?

Oben angekommen setzten wir uns auf eine der Aussichtsbänke. Flache Steine, auf denen man sitzen konnte. Einen Moment saßen wir in der wärmenden Sonne einfach nur da. Dann wollte er meinem Namen wissen.

Er wiederholte diese Frage drei mal bevor sie in mir ankam. Dann, ohne zu zögern, sagte ich. „Johannes Morgenrot!“ Keine Sekunde verwundert ob dieser Situation und dieses beginnenden Gespräches. Oder sollte ich sagen Abenteuers? Nein! Das war kein einfaches Abenteuer! Was immer es war, das war es nicht! Es wurde mein Weg!

Er zog umständlich ein altes abgegriffenes in Leder gebundenes Buch aus seiner Kutte, welches sich als Notizbuch erwies und schrieb anscheinend meinen Namen in dieses Buch.

Dies ist die Chronik der Welt, dort stehst du jetzt für ewig drinn!“ sagte er verlegen.

Ich betrachtete ihn genauer. Der sehr grobe Stoff seiner Kutte erinnerte mich eher an einen weißem Kartoffelsack als an Leinen. Er sah aus wie selber gewebt. Sein Schuhwerk bestand aus ledernen Sandalen und sahen ebenfalls so aus. Anscheinen fertigten sie diese Kleidung extra selber um noch authentischer zu erscheinen. Doch irgend etwas stimmte nicht. Auch sein Federkiel…. es war irgendwie verrückt. Sicher lag es an dem was er sagte.

Mein Sohn, du weist wer ich bin?“

Einen Moment dachte ich wirklich über diese Frage nach. Wie von selbst wanderte mein Blick. Wir saßen auf dieser Felsenspitze im nachmittaglichen dunstigen Licht der Sommersonne. Nur die Spitzen der Bäume waren zu sehen, alles andere war versunken in diesem Dunst, der sich wie eine dünne Watteschicht auf die Welt gelegt hatte. Dann verneinte ich Wahrheitsgemäß.

Mein Name ist Marcus Christianus und ich werde dich jetzt wieder verlassen.“ Er stand auf und sprang auf den nächsten Felsen drehte sich aber noch einmal um und sagte,

Wir werden uns wiedersehen! Bis dahin, Gottes Segen auf all deinen Wegen!“ Hinter ihm der riesige Granitblock, der dunkel und grau da lag wie der Schatten der Vergangenheit, ein schlafender Cerberus.

Dann war er verschwunden. Sprachlos und verwirrt, ließ er mich zurück. Erst sehr langsam begann mir zu dämmern, was ich gerade erlebte! Ich war mittlerweile elf Jahre alt. Damals lebten wir Kinder nicht so behütet wie heute. Manche meiner Mitstreiter mussten schon früh erwachsen sein, mir ging es ja ähnlich. Und niemand half uns dann.

Niemand würde mir das glauben. Marcus Christianus! Zögernd sah ich mich nach anderen Leuten um. Doch es war niemand da. Ich war alleine!

Und ich musste gehen, denn der Religionsunterricht würde gleich beginnen. Wollte ich Ärger vermeiden, musste ich los. Doch ich wollte nicht! Ich wollte diesen Moment nicht verlieren. Den Zauber der gerade auf diesem Ort lag festhalten. Diese Stille darinnen. Ich wollte diesen Moment auf keinem Fall verlieren. Ich fühlte mich wie zuhause. So sehr, wie noch nie zuvor. Alles war richtig. Doch es war an der Zeit zu gehen.

So machte ich mich endlich, wenn auch widerwillig an den Abstieg. Unten angekommen stand ich noch einen Moment still und reglos da und dachte nach. Fühlte! Etwas hatte sich verändert. Als ich die kleine Höhle ansah, die mit der Feuerstelle, fühlte ich mich ihr tief verbunden. Etwas von mir, würde ab jetzt für immer hier bleiben dachte ich. Wie vielen Menschen mochte es ähnlich ergehen, oder ergangen sein und etwas von ihnen war hiergeblieben? So betrachtet könnte es recht eng hier geworden sein.

Ganz genau weiß ich nicht mehr was ich damals alles dachte. Nur das ist hängen geblieben. Aber was ich fühlte weiß ich genau. Glück und Zufriedenheit. Seltene Gefühle für mich. Deswegen wollte ich dort nicht weg.

Trotz allem musste ich bei diesem Gedanken lächeln. Das muss ich heute noch. Und trotz allem machte ich mich, auf den Rückweg. Die anderen waren schon gegangen. Dann Endlich kam ich am Kinderheim, oder Waisenhaus an, wo Bruder Aurelius und der Kaplan im Speisesaal schon auf mich warteten.

Glücklicher weise war ich für meine Verlässlichkeit bekannt. Ich war kein aufsässiges Kind. Eines das kritisch war, ja, aber keinesfalls ungehörig. Vermutlich ersparte mir dies für den Moment eine höhere Strafe, doch vorab kann ich sagen, es sollte nicht bei diesem einen Vorfall bleiben. Die Geschichte ging noch weiter. Davon genug für den Moment.

Ich war jetzt in dem alter in dem ich das erste mal zur Beichte gehen musste und genau das wurde jetzt von mir erwartet, was mich mit allergrößtem Unbehagen erfüllte. Denn bei uns Kindern übernahm diese Aufgabe der Herr Kaplan. Das ich mich diesem mit meinen geheimsten Gedanken anvertrauen sollte, missfiel mir doch sehr. Aber wer nicht beichtete, kam in die Hölle, oder schlimmer in den Keller, oder den Dachboden. Da war der Kaplan das kleinere Übel. Aber ich löste dieses Problem auf meine Weise. Ich log!

Doch das ausgerechnet er von unserem Geheimsten wusste oder wissen sollte?

Trotz des Einwandes des Kaplan, musste ich keine hundert Vaterunser beten, sondern in den Küchendienst, was ihm sichtlich missfiel. Für heute einstweilen, war ich gerettet. Auch wenn ich in der Küche wirklich schuften musste, so war mir dies hundert mal lieber.

Meine Freunde Walter und Thea würde ich heute nicht mehr besuchen können. Am Abend ging ich müde in den großen Schlafsaal Die noch klammen Leinentücher, die über den kratzigen Decken lagen, legten sich wohltuend kühlend auf meine Haut, als ich mich müde unter meine Decke kuschelte. Ein zwei Kinder waren schon da, doch sie sprachen nicht mit mir. Langsam füllte sich der Schlafsaal und es wurde flüsternd unruhig. Dann kehrte umgeduldig Ruhe ein. Bis über die Lautsprecher an der Decke gedämpfte Klaviermusik erklang und sich anschließend die Stimme von Bruder Nicolas zum Abendgebet meldetet.

Liebe Kinder. Ein wundervoller Tag, den uns der Herr Jesu Christi schenkte ist vorüber gegangen. Dank seiner Gnade können wir in diesem herrlichen Haus leben und haben ein Dach über dem Kopf. Unsere Bäuche sind von dem Essen gefüllt das er uns geschenkt hat. Lasset uns in Demut dankbar sein und beten.“

Nach dem Abendgebet, schlief ich ein.

Nicht aber ohne vorher noch einmal an Marcus Christianus zu denken. Und seine Worte die mir wieder einfielen. Als er sie sprach war ich noch zu beeindruckt um sie wirklich wahrzunehmen. Jetzt standen sie jetzt vor meinem Geist.

Gesegnet seist du auf all deinen Wegen!“

War das alles wirklich geschehen und hatte ich nicht nur geträumt? Nannte er sein Buch wirklich die Chronik der Welt? Und in diesem stand jetzt mein Name? In einer Chronik?

Was waren diese Druiden eigentlich? Wo kamen sie her und was taten sie?

Das Kindliche bewahrt uns vor zu vielem Grübeln. Die unbekümmerte Neugierde der Kinder ist in der Lage die Dinge die ihnen begegnen als das hinzunehmen was sie sind. Denn sonst hätte ich diese Nacht sicher kein Auge zu getan! Oft wünsche ich mir diese Unbekümmertheit zurück,

So aber schlief ich müde ein und träumte die ganze Nacht von in weite weiße Gewänder gekleideten Druiden, die an großen Feuern saßen und beteten.

Als ich wie jeden Tag um fünf Uhr von der Klaviermusik und dem folgenden Morgengebet erwachte hatte ich wieder dieses Gefühl des Verlustes. Eigentlich wollte ich weiter träumen, doch der neue Tag und meine Aufgaben riefen. Es war Samstag und heute konnte ich wieder Walter besuchen. Was ich auch vorhatte, nachdem ich meine Zeitungen ausgetragen und meine häuslichen Aufgaben erledigte hatte.

– Luke Elljot –

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Über Luke Elljot - Autor

Bei Beginn des Blogs 2015 war ich um jetzt genau zu sein 53. Ich möchte so über meine persönlichen guten Erfahrungen auf dem Gebiet der Gedankenkraft informieren. Inclusive den natürlichen Rückschlägen. Dazu habe ich auch ein Buch geschrieben: Lutz Jacobs, Gesundheit und Spiritualität. ISBN: 978-3 8442-3669-9 erhältlich beim epubli Verlag. http://www.epubli.de
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