Morgenrot – Vorwort 1 © by Luke Elljot

Dies ist mein erster Versuch, einen Roman zu schreiben! Ich hoffe das ist OK. Aber auch hier geht es natürlich um Gedankenkraft.

(Hier befindet sich auch der gesamte Text)

Viel Spaß beim Lesen.

(Alle Personen die in dieser Geschichte erwähnt werden, sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit tatsächlich existierenden Personen sind zufällig.)

Das unsichtbare Wesen

Kapitel 1. – Teil 1.

Irgend jemand hat einen Roman geschrieben. Aber was heißt das?

Jemand hat mit Hilfe seine Fantasie, Personen, Orte und Handlungen beschrieben, die es nie gab oder nicht gibt. Wirklichkeit wurde erdacht. Ob es sie je geben wird, wissen wir nicht.

Aber kann man sich da so sicher sein? Denn woher kommt sie, unsere Fantasie? Und wenn dieser jemand nicht seine eigenen Erfahrungen beschreibt, woher kommen dann seine Gedanken die er zu Papier bringt?

Ein weiser Mann sagte einmal;

Irgendwann ist jeder Gedanke schon einmal gedacht und jedes Wort schon einmal gesagt worden! Jede Tat ist schon einmal getan worden und jeder Weg schon einmal gegangen worden“

Woher kommt also unsere Fantasie?

Aber ausgedehnt gedacht und oberflächlich betrachtet, ist das vorgenannte, die weitläufige Umschreibung für einen Roman. Weswegen jeder meint und glaubt zu wissen was Fantasie ist. Aber es gibt sehr unterschiedliche und merkwürdige Kategorien der Fantasie oder auch der Einbildungskraft. Das wissen die wenigsten.

Was will man zum Beispiel sagen, wenn der jemand vor dem weißen Blatt Papier sitzt und nichts zustande bringt? Wenn das Gehirn keinen Zugang zu der Hand findet, die das Blatt Papier beschreiben will?

Und findet es einen Zugang, sich die Hand weigert aufzuschreiben, was zunächst erdacht wurde. Und immer wieder andere Gedanken, die nicht selbst gedacht, in dieses Blatt Papier hineinfließen!

Plötzlich bekommt der Held einen anderen Namen, die Geschichte eine andere Wendung und die Mitspieler verändern sich. Und es ist dem Gehirn unmöglich, bei dem alten zu bleiben. Der Held will einfach anders heißen und alles um ihn herum will anders sein! Was soll man da tun?

Immer wieder wählt das Hirn etwas anderes.

Muss man da nicht stutzig werden? Woher kommen diese Gedanken? Ist unsere Fantasie nicht doch nur etwas ähnliches, wie ein Empfangsgerät für Gedankenwellen aus dem Bewusstsein unseres unendlichen Universums?

Etwa wie die Impulse, die in unserem Fernsehgerät die Bilder entstehen lassen?

Ist es wirklich dieser jemand der den Roman erdenkt?

Ist es meine Fantasie die jetzt diese Zeilen schreibt, oder bin ich nicht doch nur ein Kanal, der diesen Roman niederschreibt und ihn der Welt überlässt?

Erst hatte ich einen Anfall! Dann einen Einfall, es ist in mich hineingefallen. Es ist mir eingegeben worden. Eine Eingebung. Dann begegnete mir ein Buch.

Vollkommen belanglose Dinge, werden bedeutend.

Menschen die plötzlich, mitten in der Nacht aufspringen und das was sie abends übermüdet nicht zu Ende brachten und unfertig liegen ließen, zu Ende schreiben, oder bringen. Besser, als sie es geschafft hätten, wenn sie nicht durch des Schlafes Traum beflügelt gewesen wären. Wenn im Traum unsere Mauern des bewussten Denken fallen und ein anderes Denken in uns hinein fällt.

Eine Erklärung ist dann. „Das schlummernde Unterbewusstsein ist in uns zur Hilfe gekommen!“

Im Ort der wiederkehrenden Wunder Lourdes, heißt es.

Die Mutter Gottes hat geholfen!“

Vielleicht sind ja „Die Mutter Gottes“ und das Unterbewusstsein ein und dasselbe! Aber nicht als ob die Mutter Gottes nur das Unterbewusstsein wäre, – sondern das Unterbewusstsein ist die Mutter Gottes!

Der Schlüssel, der Zugang zu etwas übergeordnetem. Etwas das sich unserer Kenntnis entzieht! Immerhin sprechen wir ja auch nicht über der Seele, sondern über die Seele. Die oft in Zusammenhang mit dem Unterbewussten gebracht wird.

Auch wenn ich denke, das dies falsch ist.

In diesem Roman nun, soll es um den Menschen gehen, der von diesen Dingen zeugt. Und der sich zu dem Menschen wandelt, der in diesen Dingen lebt!

Diesen Dingen? Glaube, Seele, Gott? Eingebung! Und wer gibt! Wir wissen es nicht.

Ich schreibe diesen Roman, aber wer bin ich? Wer bin ich wirklich? Wer von diesen vielen Stimmen, die in mir, in uns allen, sprechen, wer davon bin ich, welche von diesen Stimmen bist du?? Wer davon sind Sie? Oder sind wir sie alle? Oder nicht?

Ein anderer Held, mit dem ich spreche, ist zurückgetreten. Noch nicht bereit seinen Weg zu Ende zu bringen. Auch wenn ich das Ende dieses Weges schon kenne, und grob den Weg dorthin, ist er es noch nicht bereit. In dieser Geschichte muss der Wandel der Zeit noch warten. Aber auch dies wird seine Zeit bekommen.

In diesem Roman nun, spielt ein anderer die Rolle des Menschen. Ob er je gelebt hat weiß ich nicht. Sein Name ist Johannes Morgenrot. So vermessen zu sein, das ich all dies vollkommen erdacht habe, will ich nicht sein. Und ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mich immer mal wieder zu Wort melde. Es wird sich nicht vermeiden lassen. Schon während ich schreibe, verändert sich meine Geschichte, die ich im Kopf hatte. Anfangs hatte mein Protagonist auch einen anderen Namen. Es wird sicher interessant, wo mich diese Erzählung hinführt. Den geneigten Lesern, wird es sicher auch interessieren.

Jeder Satz ein Abenteuer. Bis jetzt sind die wenigsten die ich hier aufschreibe, so geendet, wie ich sie zunächst im Kopf hatte. Es fließt durch mich hindurch und ich lasse es fließen. In vollem Vertrauen, das es mich dorthin führt, wo ich hin soll. Klingt komisch, ist aber so.

Johannes Morgenrot führt mich. Den Willen „meine“ Geschichte zu schreiben, habe ich aufgegeben. Er wird es sicher besser wissen. Den ich schreibe ja über ihn. Auch hier stellt sich natürlich die Frage warum sich Morgenrot bemüht, oder befleißigt fühlt mir die Inspiration zu sein. Dieses unsichtbare Wesen!

Jetzt gerade bin ich vollkommen leer. In der absoluten Gewissheit, das die nötigen Worte zu gegebener Zeit durch mich hindurch fließen werden. Live im Netz, sozusagen!

Ich habe ihn vor mir gesehen, bei meinem letzten Anfall und sein Lied gehört. Darauf komme ich noch zurück. Dann, verrottet und stinkend, habe ich ein altes Buch gefunden, die ersten drei Sätze gelesen und gewusst;

Er ist da! Zu mir gekommen und wird mich durch seine Geschichte führen.“

Warum ich es bin der dies aufschreiben soll?

Ich werde sein Leben und seine geistige Entwicklung beschreiben. Warum ich es so empfinde weiß ich nicht. Aber ich vertraue diesem Gefühl vollkommen. Ebenso sicher wie ich weiß, dass all die Menschen und Begebenheiten, die ich während meiner Anfälle sehe, vollkommen real sind. Das mancher mich für verrückt hält, nehme ich in Kauf.

Verrückt. Weggerückt an eine andere Stelle, was soll daran schlimm sein. Schon Marc Aurel, der römische Philosophen-Kaiser sagte. Das seine Sichtweise seinen Standpunkt zu verändern bedeutet sein Leben zu verändern.

Es mag sein, das ich es eben bin, der einzige, der seine Geschichte jetzt hören und schreiben kann. Also, auf altdeutsch. Wohlen! Dann lasset uns schreiten, zur schöpferischen Tat! Das Unsichtbare Wesen Johannes Morgenrot wird mich leiten! Er lenkt und beeinflusst meine Fantasie.

Vielleicht bin ich ja auch nicht der erste den er leitet. Vielleicht, unter anderem Namen, gab es vorher schon andere? Denn wenn man dem Gesetz von Ursache und Wirkung folgt, ist es selbstgefälliges Geschwätz zu glauben, das wir hier in diesem Umfeld, ausschließlich alleine entscheiden was wir tun.

Wir wissen doch alle; Was heute ungewöhnlich ist, ist morgen unter Umständen schon vollkommen normal!

Vielleicht ist Morgenrot nur der Vorbote, einer gewaltfreien, neuen Kraft! Einer Kraft die uns zeigt das wir doch nicht so frei sind wie wir glauben.

Auch wenn es sicher vielen der selbstgefälligen in ihrem Hausherrentum unter uns nicht passt sich vorzustellen, das wir doch nur Marionetten sind. Marionetten, die den Kräften dieser Welt gehorchen. Manipuliert und ausgenutzt.

Können wir uns damit anfreunden, das die Erweiterungen unseres Ich´s viel weiter gehen, als wir es uns auch nur annähernd vorzustellen vermögen? Kann ich mir vorstellen das Morgenrot eine solche Erweiterung meines ich´s ist, das ich nur „vergessen“ habe?

Und das es nur dem Umstand zu verdanken ist, das ich krank geworden bin und so wieder einen Zugang dazu gefunden habe? Ja! Ja, das kann ich sogar sehr gut!

– Luke Elljot –

Vorwort 2

Da ist er der Name!

Morgenrot war schnell gefunden. Als ich diesen in meinem Manuskript las, war ich zufrieden. Doch der Vorname?

Tobias Morgenrot….nein. Ernest Morgenrot, Ralp Morgenrot oder Karl Morgenrot? Horatio Morgenrot? Andreas Morgenrot? Und noch viele mehr.

Matthias Morgenrot? Michael Morgenrot? Gabriel Morgenrot? Ich landete bei den biblischen Namen der Erzengel!

Dann heute Morgen war es da. Bibel?

Das heißt er war die ganze Zeit da! Jedes mal wenn ich dachte ich habe ihn gefunden sagte eine Stimme in mir;

Nein! Nein um Himmels Willen! So hör doch zu! Hör endlich zu! Hör in dich hin!Sie alle sahen irgendwie falsch aus!!

Johannes Morgenrot!

Jetzt ist die alte und doch neue Erkenntnis endgültig auf dem Weg!

Jedwede Tat die hier geschieht,

geschieht nach dem Naturgesetz.

Ich bin der Täter dieser Tat,

ist selbstgefälliges Geschwätz!“

Johannes Morgenrot ist nur der Vorbote. Er wird wie gesagt immer wieder auftauchen. Ist schon oft aufgetaucht. In anderen Büchern oder in Filmen. Unter anderem Namen. Er ist ein Symbol! Der sich als Person in einem Roman versteckend Symbolisch steht für eine unsichtbare und mächtige Kraft!

Je lauter die Menschen schreien. Je wahnsinniger sie sich gebärden, desto ruhiger wird diese. Eine gestaltlose, mächtige Kraft! Immer und ewig bestehend. Auch über diese Illusion unseres Seins hinweg!

Als ich über diese und andere Empfindungen grübelte, erfasste mich plötzlich noch ein anderer Gedanke sehr intensiv.

Was wenn wenn Johannes Morgenrot ein von mir gespaltenes Ich ist?

Wenn wir doch alle aus der unerschöpflichen einen Quelle der universellen Schöpfung entspringen und alle nur individuelle Variationen des einen Ich sind. Dann kann auch Morgenrot eine Abspaltung meines eigenen ich sein!?

Eine aus mir entsprungene Phantasiegestalt die Teil meines Selbst ist.

Einer neuen intensiven Eingebung folgend nahm ich das alte Buch, schlug willkürlich eine Seite auf und laß. Er war es, der mich veranlasste dies zu tun. Den ich wusste, jetzt sprach er zu mir. Meine Gedanken bestätigend laß ich.

Sind Sie wie alle Menschen die sich gleich ihnen einbilden Einzelwesen zu sein, vielleicht nichts anderes als Ichabspaltungen? Abspaltungen das einen großen Ich, welches ihr Gott nennt?“

Auf einmal legten sich diese Worte schützend auf meinen Geist. Denn durch meine Anfälle und meine Gedanken fürchte ich doch manchmal, den Verstand zu verlieren. Wer bin ich, das ich mir solche Gedanken mache. Gibt es doch so große Geister in dieser Welt. Viel gebildeter als ich. Viel intelligenter als ich. Viel erfolgreicher als ich in jedweder Form. Menschen die gerade ihren Weg gehen. Verantwortungsvolle Männer die ihre Familien nicht in den Ruin treiben.

Doch dies zu lesen, beruhigte meinen Geist. Fast klangen diese Worte auch wie Spott in meinem Kopf nach. Sind wir doch letztendlich alle gleich vor dem unendlichen.

Sich selber zu erheben, ist nicht recht! Denke ich!

In letzter Zeit denke ich oft über diese Sätze nach. Ich hoffe so zu erkennen, oder zu verstehen woher Johannes Morgenrot und all seine Facetten kommen. Hoffe zu verstehen, was der Sinn seiner Existenz ist.

Ich sprach mit Walter meinem Freund darüber. Über meine Gedanken. Als ich es tat, dachte ich diese langsam zu einem Ende zu bringen. Das Licht am Ende des Tunnels gesehen zu haben. Doch dieser sagte zu mir.

Jeder ist ein Morgenrot. Denn die Hoffnung etwas neues, etwas besseres zu finden ist in jedem. Aber lange nicht jeder ist ein Johannes. Der bereit ist sich mit dem Unendlichen zu verbinden, sich im anzuvertrauen. Den Weg zu gehen, sich zu wandeln, hin zu der Aufgabe seines Egos.

Die meisten glaubenden bilden sich diesen Glauben ein und verwechseln ihn mit Mystik, oder Esoterik. Verharren in diesem. Suchen rastlos nach immer neuen Antworten! Oder geben ihr Leben ab an diesen Glauben. Verlieren ihre Individualität!

Wer wirklich glaubt ist nicht rastlos . Deswegen ist Glauben nicht mystisch!

Wer sucht, glaubt nicht. Glaube ist nie endlich, aber endlos. Glaube ist in uns! Er kommt von innen und nicht von außen.

Aber nie ersetzt er uns. Der Glaube ist die Kraft,die unsere Taten trägt! Der uns bewahrt vor Schaden. Schaden an uns selbst, und daran anderen Schaden zuzufügen.“

Ich erkannte das ich keine Lösung finden würde, denn diese findet mich, zu gegebener Zeit. Auch meine Spekulationnen gab ich auf. Sinnlos wie sie waren. Darüber nachzudenen wer ich eventuell schon einmal war. Oder ob ich selbst schon einmal jener Johannes Morgenrot war.

Für mich ist es Morgenrot, der meine Gedanken führt, Teil jener ewigen freien in sich ruhenden Kraft, die frei ist von jedweder Form. Vollkommen losgelösten Kraft, die uns alle, die alles durchdringt.

Manchmal, wenn ich ohne schreiben zu wollen, über ihn nachdenke, sehe ich einen schlanken, vitalen Mann mit blauen Augen und einem klaren Blick. Und ich weiß, das ist Johannes Morgenrot!

Dann wird mir bewusst, das es jener ist, den ich in meiner schweren Krankheit, delirös gefesselt an mein Bett im Krankenhaus gesehen habe. Der immer wieder zu mir sagte.

„Hab Vertrauen! Hab einfach Vertrauen.

Jetzt weiß ich wo ich ihn kennen gelernt habe. Und jetzt will ich versuchen seiner Stimme in mir weiter zu lauschen. Ich trage seine Worte und sein Erleben in diese Welt.

Eines noch. Wenn ich mich selber in der Geschichte zu Wort melde, was sich manchmal nicht verhindern läßt. >dann immer in dieser Form<.

Kapitel 2. /1

Johannes Morgenrot

>Also tritt Johannes Morgenrot erstmals in die Öffentlichkeit!<

Sommer 1969

Ich bin vor allem sehr dankbar.

Es fing an, als ich als kleiner Junge mein Taschengeld aufbessern wollte, und in aller Herrgottsfrühe Zeitungen austrug. Damals war so etwas noch möglich. Ein Erstklässler, der in seinen ersten Sommerferien früh aufstand und den Leuten die Zeitung brachte. Immer zur Morgendämmerung. Dies sollte eine kleine Tradition für mich werden.

Meine Erste Kundin sagte immer wenn ich vorbeikam, fast als ob sie mich erwartete;

Hallo mein kleiner Sonnenschein am Morgen!“ Woraufhin ich in meinen Lederhosen errötete!

Daraus wurde dann „Mein Morgenrot“. Ich erzählte dies meinem Chef und der erzählte es dem Leiter des Kinderheims, in dem ich lebte und auch an der Schule wussten es schnell alle. Alles weitere ergab sich, selbst bei den Lehrern. So war ich Morgenrot. Nur einige wenige nannten mich Johannes.

Alle Kinder riefen mich fortan so. Wenn ich im Speisesaal meine Zeitungen sortierte, sangen sie immer;

Morgenrot, oh Morgenrot. Erst warst schön und Abends tot!“

Dabei klatschten sie sich dann immer ab. Erst war es mir unangenehm und anfangs wehrte ich mich. Doch die anderen waren größer und letztendlich stachelte ich sie damit nur an. Irgendwann hörte ich weg, lächelte und ließ mich nicht mehr beeindrucken.

Einer der älteren Priester in dem katholischen Kinderheim, das eigentlich ein Waisenhaus war, bemerkte dies und bestärkte mich darin so zu handeln. Er hatte keinerlei Funktion mehr und erfüllte auch keine Pfarrdienste. Er war unsere gute Seele. Immer für die Kinder da, die irgendwelche Sorgen hatten. So verbrachte er seine letzten Jahre und seinen Lebensabend mit ..seinen .. verlorenen Kindern. Bruder Nicolas.

Mit einem Lächeln,“ sagte er. „gewinnt man den Odem.“

Ich wusste damals nicht was Odem ist. Aber ich fand es toll!

Meinen richtigen Namen habe ich vergessen. Nur mein Vorname Johannes ist geblieben. Den Familiennamen den mir das Amt gegeben hat, habe ich abgelegt und Morgenrot angenommen. Den dieser wurde mir vom Leben gegeben, nicht von irgendwelchen Beamten aus einem Schreibtisch!

Angeblich war meine Mutter aus dem Milieu. Meinen Vater kannte keiner. Gefunden wurde ich vor der Tür des Hauses einer christlichen Vereinigung, die sich der Lutherischen Bibel verschrieb aber dennoch keine Kirche war. Gelegen an einem Ort in einem Ausläufer des schönen Niedersächsischen Deister.

Es waren liebe Bibelmenschen, die sich meiner auch weiterhin annahmen und begleiteten, obwohl ich schon lange dem „Amt“ überstellt war.

Recherchen ergaben das meine Mutter kurz nach meiner Geburt sehr krank wurde und verstarb. Sehr viel später erkannte ich um welche Erkrankung es sich handelte, mehr will ich hier nicht sagen. Den Namen meiner Mutter wollte ich zu keinem Zeitpunkt erfahren. Diesen Verrat, konnte ich lange nicht verzeihen!

Mein Vater blieb unbekannt und hat sich auch nie mit mir in Verbindung gesetzt. Ob ich Geschwister habe weiß ich nicht, Und es interessiert mich auch nicht. Denn was würde es an meinem Leben ändern? Die Frage danach stellte sich erst als ich schon längst Erwachsen war.

Wenn man so will ist mein Vorname, das einzig echte an mir. Er wurde mir mitgegeben, denn er stand auf der Tasche in der ich gefunden wurde.

Johannes!

Deswegen ist er etwas besonderes für mich. Mein Name! Er hat sich in mich hinein geprägt! Er ist für mich meine Urkunde dafür, das ich wirklich existiere. Das es jemanden gab, der mich gezeugt, mich geboren hat. Er bedeutet für mich, das ich ein realer Mensch bin. Meist nenne ich ihn nicht, sondern nur Morgenrot. Nicht am Telefon oder wenn ich mich vorstelle. Ich nenne ihn nur wenn ich muss! Fast habe ich dann Angst, das man ihn mir wegnehmen könnte!

Er ist mein Lebensdokument, den ich durchs Leben trage. Unauslöschlich in die Chroniken dieser Welt eingetragen! Dafür brauche ich keinen Personalausweis.

Die Tasche existiert schon lange nicht mehr. Ich selber habe sie mit 9 Jahren verbrannt. Somit ist meine Name wirklich in die weite der Welt getragen worden! In den Odem!

Früher wurden viele Menschen als Erwachsene bei vollem Bewusstsein getauft. Der Name der, der ihr ich wurde senkte sich auf die Erde. Und sie empfingen ihn.

Heute werden die Menschen als Säuglinge getauft, ohne zu erfassen, was mit ihnen geschieht. Was ihnen da wirklich gegeben wird.

Sie wandeln durch das Leben dem Ende zu, wie Nebelschwaden die vom Wind durch das Land getrieben werden. An ihrem Namen haben sie keinen Teil. Ja, viele empfinden ihn sogar als Last! Welch abgründige Geißel.

Ich wurde nie getauft und trotzdem ist mir meine Name Heilig. Denn er ist ich!

Ich weiß ich bin Johannes! Morgenrot bin ich danach geworden.

Bei den lieben Bibelmenschen hatte ich einen Mentor, ich nenne ihn Walter. Ein wirklich weiser Mann, der ein wundervolles Leben in einem festen gerütteltem Gottesglauben lebte. Ohne Eitelkeiten und Neid! Ihm und seiner Frau, die ich Thea nenne verdanke ich sehr viel.

Sie waren einfach da! Ohne große Worte zu machen. Halfen mir beim Amt und den damit verbundenen Gängen! Beantworteten meine Fragen die ich hatte und die immer wieder kamen, so gut sie konnten. Fragen über Gott und die Welt. Zunächst vor allem über die Welt.

Das Kinderheim dem ich vom Jugendamt überstellt wurde, gehörte der katholischen Kirche. Es war ein sehr altes dreistöckiges Backsteinhaus, mit einem hohen spitzen Giebel und einem schmalen Treppenhaus. Hohe Zimmern mit hohen Fenstern. Die großen schweren Türen bestanden aus einem durch die Zeit dunkel gewordenen Holz, ebenso wie der alte Dielenboden, auf dem es unmöglich war, lautlos zu gehen. Im inneren dieses Hauses war es immer irgendwie Düster. Aber vielleicht kam es mir auch nur so vor, aber Lampen waren rar gesäht. An der einen Seite des Hauses wurde irgendwann ein Altarraum angebaut, der wie eine kleine Kirche aussah. Dort beteten alle und wurden auch unterrichtet. Das Kreuz machte mir immer angst. Dieser arme leidende Mann, Jesus.

Keller und Dachboden mieden wir wie der Teufel das Weihwasser. Dort spukte es nämlich. Alle böse gewordenen Heimkinder, kamen nach ihrem Tod dorthin.

Erstaunlicher weise war es in dem Heim nicht sehr streng. Ich habe von Kindern in anderen Heimen dieser Kirche schreckliche Dinge gehört. Dies ist mir glücklicherweise erspart geblieben. Auch wenn der Dekan, sehr unangenehm war. Seinen wirklichen Namen habe ich nie kennengelernt. Wir mussten ihn immer Euer Hochehrwürden nennen.

Wirklich schlimm war nur der Kaplan, der sich hoch buckeln wollte. Ein kleines unangenehmes Frettchen, der uns bei jeder Gelegenheit schikanierte. Meinen Kontakt zu den lieben Bibelmenschen sahen sie nicht sehr gerne. Aber diesbezüglich ließ ich mich aber nicht beirren! Sie waren so etwas wie meine Familie. Aus meiner Sicht, kam ich von dort her! Nicht aus meiner Mutter. Dort wurde ich geboren! Es fehlte nur noch die Krippe. Wie bei dem Jesuskind! So war es für mich!

Hier in meiner Geschichte werde ich nicht Stellung zu kirchlichen Fragen beziehen. Es ist mir egal wer was glaubt. So wie ich es verstanden habe, werde ich es erzählen. Der Religionsunterricht war dort natürlich Pflicht, aber ich habe nicht viel zugehört. Meine Gedanken wanderten immer weg, zu einer Person, die noch bekannt gemacht wird.

Von den lieben Bibelmenschen erfuhr ich auch sehr viel über die Bibel. Aber eben über die Lutherische! Auch über die nahe Vergangenheit und Geschichte. Welches jetzt die richtige Bibel ist und war, hat sich mir bis heute verborgen. Ob es so etwas überhaupt gibt auch.

Die lieben Bibelmenschen sahen dieses Buch eher als Gleichnis das jeden angeht, denn als dogmatisch heilige Geschichte mit diesem Personenkult! Die einzelnen Personen in dieser Geschichte entsprachen ihrem Verständnis nach eher Facetten in jedem von uns. Schuld und Sühne waren ihnen unbekannt. Sie sahen dieses Buch als Weg, den jeder gehen muss um Erlösung zu finden. Vom Menschen der von Gott zeugt, zum Menschen der in Gott lebt. Der sein weltliches Ego auf Golgatha kreuzigen muss.Der Johannesweg! Mein Weg?

Golgatha! Ein alter Begriff für die Schädeldecke! Ich fand und finde diesen Gedanken sehr schön! So friedlich! Mein Weg?

Viele Stunden sprachen wir über diese Dinge.

Unter anderem erzählten sie mir auch von dem Extertal und den dort befindlichen „Wackelsteinen“, die angeblich von Druiden mittels Levitation dorthin gebracht wurden.

Drei mehrere Zentner schwere Granitblöcke, die sich in 15, 20 Metern Höhe auf den Spitzen von Sandsteinfelsen befanden. Nicht zu erkennen, wie sie dorthin gekommen waren.

Mittig ausgewogen abgelegt, auf diesen Spitzen der Sandsteinfelsen. Mit einer Hand zu bewegen lagen sie dort und vielen nicht herunter. Wie sind sie dorthin gekommen? Niemand weiß es wirklich.

Unterhalb dieser Felsen konnte man noch die Überreste von kleinen Höhlen erkennen, die den Druiden die lange dort lebten als Unterkunft dienten. Sogar eine Kochnische, und eine Feuerstelle befanden sich noch dort. Zumindest so lange lebten sie dort, bis sie der Inquisition zum Opfer vielen. Friedliche Männer und Frauen, einfach totgemacht.

In einer dieser Höhlen konnte man an schönen Sommertagen und manchen Vollmondnächten, einen Schatten erkennen, der in der Mitte, vor allem in den Nächten, die hellen Umrisse eines Menschen erkennen ließ. Genug für allerlei Mythen und Legenden. Unwiderstehlich für mich!

Eine dieser Legenden rankte sich um einen jungen Druiden und eine ebenso junge Frau. Marcus Christianus und und Katarosa Theodora von Alverdissen. Einer adeligen aus der Gegend.

Es hieß er habe ihren Bruder geheilt. Trotz der Gefahr durch die Inquisition. Sie verliebten sich, er wurde gefasst und verbrannt. Danach war dieser Schatten zu sehen.

Mythen und Legenden.

Die Menschen aus einer nahen Stadt legen immer wieder frische Wiesenblumen ab und baten so um Gesundheit. Auch im Winter. Woher sie diese im Winter hatten, wusste ich damals nicht.

>Ich will hier nicht die Geschichte dieser beiden erzählen, nur was sie in Johannes Morgenrot bewegte. Auch wenn sich sein Schicksal und das des Druiden miteinander verwoben. Auf wunderliche weise!<

Aber als ich vor dieser Feuerstelle in der Mitte der Höhle stand, musste ich daran denken wie diese Menschen hier lebten und wie sie hier starben. Plötzlich überkam mich ein intensives und warmes Gefühl. Für einen Moment hatte ich das Gefühl das der Druide neben mir stand. Leibhaftig und wahrhaftig! Keiner außer mir fühlte ähnliches. Alle sagten das ich wäre verrückt! Es war ein Gefühl das mich nicht mehr los lies. Und es geschah noch mehr!

Kapitel 2. /2

Johannes Morgenrot

Die Sommerferien begannen gerade erst wieder und schon lange freute ich mich auf den Besuch bei den Wackelsteinen. Mag sein das die Erfüllung dieser Freude mein Empfinden trübte, oder verschärfte, je nachdem. Denn die Zeit bis es endlich so weit war, verging nur sehr langsam. Ich hätte auch einer Eiche beim wachsen zusehen können. Warum musste man auf die schönen Dinge immer so lange warten? Und dann gingen sie vorbei wie im Flug. So wie jetzt! Was war das mit der Zeit. Sie schwand unermesslich trotz der Uhren die wir erschufen und unerschöpflich, in der Unendlichkeit. Und wir gehen einen winzigen Teil dieses Flusses mit. Doch woher kam sie?

Durch den Besuch dieser Heidnischen Kultstätten und dem was dort geschah, verpasste ich den Religionsunterricht im Waisenhaus. Was immer Ärger bedeutete. Auch wenn es weitestgehend angenehm war in diesem Kinderheim, oder eben Waisenhaus, ich kann mich da nicht festlegen und habe schon als Kind den Unterschied nicht verstanden. Ein Ort der verlorenen Kinder. Es war unser Platz, dort wurden wir hineingetan. Hauptsache wir waren aufgeräumt. Und wem, wenn nicht der Kirche, überließ man solche Kinder.

Disziplin wurde groß geschrieben. Vor allem im Ort durften wir nicht auffallen und mussten uns diszipliniert benehmen. Einige der einheimischen Kinder, nutzten dies leidlich aus. Immer wieder wurden wir provoziert und drangsaliert und mussten uns das gefallen lassen.

Eines der älteren Kinder setzte sich einmal vehement zur Wehr. Mit dem Resultat das drei einheimische Kinder ärztlich behandelt werden mussten. Warum lagen dort auch diese Zaunlatten herum. Es kam die Polizei und der Junge weg. Wir haben ihn nie wiedergesehen.

Mangel an Disziplin wurde bestraft! Manchmal hart. Der Pastor der das Heim leitete, Bruder Aurelius, stellte mich jedenfalls zur rede, und ohne das ich nachdachte, oder auf seine Frage antwortete, fragte ich ihn meinerseits.

!Warum verbrannte die Kirche Menschen?“ Ich wusste natürlich das sie es heute nicht mehr tat. Doch damals tat sie es! Als Kind verstand ich das nicht! Und es ist auch nicht zu verstehen. Seit Jahrtausenden stellt sich diese Frage. Was ist es, das den Menschen zu solchen Taten antreibt.

Mein Verhalten in diesem Moment war ein klarer Affront. Heute ist es nicht mehr vorstellbar, doch damals widersprach man der Hochwürden nicht. Doch mein Mund war manchmal schneller als mein Verstand. Im Geiste sah ich mich schon einhundert Vater unser beten.Was für mich die Höchststrafe bedeutete. Doch er blieb besonnen. Der ebenfalls anwesende Kaplan, begann zu grinsen und nicken, was kein gutes Zeichen war. Einige Momente war es in dem Raum vollkommen still. Und wenn ich es gekonnt hätte, hätte ich mich schlagartig in Luft aufgelöst und auf direktem Weg zu den Bibelmenschen begeben. Der Kaplan sah mich an, wie eine wohlschmeckende Mahlzeit auf die er sich freute.

Auch er hatte keinen wirklichen Namen. War „der Kaplan“, oder Herr Kaplan! Voller angstvollem Respekt von uns ausgesprochen. Wohl wissend das er jederzeit zuschlagen konnte. Keiner wollte alleine in seiner Nähe sein! Er wollte nicht anders angesprochen werden. So hatte er die Distanz die er brauchte, um der zu sein der er war.

Der Kaplan! Er war wie ein Blockwart der seine Augen überall hatte. Wir waren etwa 60 Kinder in diesem Heim. Kinder in allen Altersgruppen, aus vielen verschiedenen Gesellschaftsschichten (vor allem den unteren), mit vielen verschiedenen Geschichten. Jede für sich betrachtet, tragisch, manche voller Zynismus, alle ihrem Schicksal folgend, einige wenige selbsterfüllend. Er hatte alle im Griff. Alle!

Das waren andere Zeiten mein Sohn. Und die Menschen lebten den christlichen Glauben anders! Die Kirche lebt durch Menschen und Menschen machen Fehler! Aber Johannes, wo warst du denn nun so lange? Das kenne ich nicht von dir. Was ist denn los mit dir?“ Antwortete jetzt Bruder Aurelius. Ich hatte das Gefühl mein Vergehen wäre schlimmer wie Leute verbrennen.

Euer Hochwürden. Es war so interessant, da habe ich die Zeit vergessen.“ log ich. Er sah mich lange ernst an, dann hielt er mich an es doch einmal mit der Beichte zu probieren! Letztendlich beließ er es aber für den Moment dabei.

Er merkte sofort daß das nicht alles war. Das da mehr war, als ich erzählen wollte. Das ich ihm nicht die ganze Wahrheit sagte warum ich den Unterricht verpasste. Aber ihm etwas von diesem Druiden zu erzählen, bedeutete noch mehr Ärger. Und den wollte ich unbedingt vermeiden. Alleine dort gewesen zu sein, missfiel den Priestern unseres Waisenenhauskinderheimes schon. Ketzerischer Unsinn! Aberglaube! Heidnischer Budenzauber!

Was aber war geschehen? Welche wichtige Sache dort schaffte es, das ich mich in diese Bedrängnis brachte?

Der Druide in der kleinen Höhle stand nicht nur neben mir. Er sah mich an! Nicht zufällig durch mich hindurch. Er sah mich an! Dann gab er mir ein Zeichen ihm zu folgen, hinaus aus dieser, hinauf zu dem größten der drei Wackelsteine. Und ich folgte ihm! Vollkommen verzaubert durch den Moment und in kindlichem Leichtmut.

Keiner außer mir schien ihn zu bemerken. Und ich dachte zunächst er wäre ein Angestellter, der für die Touristen etwas aufführte.

Doch ferner hätte ich mit meiner Annahme nicht sein können.

Der Druide gab mir also ein Zeichen ihm zu folgen, hinaus aus der kleinen Höhle, hinauf zu dem größten der drei Wackelsteine. Und ich folgte ihm! Gespannt auf das was geschah und voller Zuversicht. Immer wieder sah er sich um ob ich ihm auch wirklich folgte.

Wie war das Möglich?

Oben angekommen setzten wir uns auf eine der Aussichtsbänke. Flache Steine, auf denen man sitzen konnte. Einen Moment saßen wir in der wärmenden Sonne einfach nur da. Dann wollte er meinem Namen wissen.

Er wiederholte diese Frage drei mal bevor sie in mir ankam. Dann, ohne zu zögern, sagte ich. „Johannes Morgenrot!“ Keine Sekunde verwundert ob dieser Situation und dieses beginnenden Gespräches. Oder sollte ich sagen Abenteuers? Nein! Das war kein einfaches Abenteuer! Was immer es war, das war es nicht!

Er zog umständlich ein in Leder gebundenes Buch aus seiner Kutte, welches sich als Notizbuch erwies und schrieb anscheinend meinen Namen in dieses Buch.

Dies ist die Chronik der Welt, dort stehst du jetzte für ewig drinn!“ sagte er verlegen.

Ich betrachtete ihn genauer. Der sehr grobe Stoff seiner Kutte erinnerte mich eher an einen weißem Kartoffelsack als an Leinen. Er sah aus wie selber gewebt. Sein Schuhwerk bestand aus ledernen Sandalen und sahen ebenfalls so aus. Anscheinen fertigten sie diese Kleidung extra selber um noch authentischer zu erscheinen. Doch irgend etwas stimmte nicht. Auch sein Federkiel…. es war irgendwie verrückt. Sicher lag es an dem was er sagte.

Mein Sohn, du weist wer ich bin?“

Einen Moment dachte ich wirklich über diese Frage nach. Wie von selbst wanderte mein Blick.Wir saßen auf dieser Felsenspitze im nachmittaglichen dunstigen Licht der Sommersonne. Nur die Spitzen der Bäume waren zu sehen, alles andere war versunken in diesem Dunst, der sich wie eine dünne Watteschicht auf die Welt gelegt hatte. Dann verneinte ich Wahrheitsgemäß.

Mein Name ist Marcus Christianus und ich werde dich jetzt wieder verlassen.“ Ern stand auf und sprang auf den nächsten Felsen drehte sich aber noch einmal um und sagte,

Wir werden uns wiedersehen! Bis dahin, Gottes Segen auf all deinen Wegen!“ Hinter ihm der riesige Granitblock, der dunkel und grau da lag wie der Schatten der Vergangenheit, ein schlafender Cerberus.

Dann war er verschwunden. Sprachlos und verwirrt, ließ er mich zurück. Erst sehr langsam begann mir zu dämmern, was ich gerade erlebte! Ich war mittlerweile elf Jahre alt. Damals lebten wir Kinder nicht so behütet wie heute. Manche meiner Mitstreiter mussten schon so früh erwachsen sein, mir ging es ja ähnlich. Und niemand half uns dann.

Niemand würde mir das glauben. Marcus Christianus! Zögernd sah ich mich nach anderen Leuten um. Doch es war niemand da. Ich war alleine!

Und ich musste gehen, denn der Religionsunterricht würde gleich beginnen. Wollte ich Ärger vermeiden, musste ich los. Doch ich wollte nicht! Ich wollte diesen Moment nicht verlieren. Den Zauber der gerade auf diesem Ort lag festhalten. Diese Stille darinnen. Ich wollte diesen Moment auf keinem Fall verlieren. Ich fühlte mich wie zuhause. So sehr, wie noch nie zuvor. Alles war richtig. Doch es war an der Zeit zu gehen.

So machte ich mich endlich, wenn auch widerwillig an den Abstieg. Unten angekommen stand ich noch einen Moment still und reglos da und dachte nach. Fühlte! Etwas hatte sich verändert. Als ich die kleine Höhle ansah, die mit der Feuerstelle, fühlte ich mich ihr tief verbunden. Etwas von mir, würde ab jetzt für immer hier bleiben dachte ich. Wie vielen Menschen mochte es ähnlich ergehen, oder ergangen sein und etwas von ihnen war hiergeblieben? So betrachtet könnte es recht eng hier geworden sein.

Ganz genau weiß ich nicht mehr was ich damals dachte. Nur das ist hängen geblieben. Aber was ich fühlte weiß ich genau. Glück und Zufriedenheit. Seltene Gefühle für mich. Deswegen wollte ich dort nicht weg.

Trotz allem musste ich bei diesem Gedanken lächeln. Das muss ich heute noch. Und trotz allem machte ich mich, auf den Rückweg. Die anderen waren schon gegangen. Dann Endlich kam ich am Kinderheim, oder Waisenhaus an, wo Bruder Aurelius und der Kaplan im Essaal schon auf mich warteten.

Glücklicher weise war ich für meine Verlässlichkeit bekannt. Ich war kein aufsässiges Kind. Eines das kritisch war, ja, aber keines das ungehörig war. Vermutlich ersparte mir dies für den Moment eine höhere Strafe, doch vorab kann ich sagen, es sollte nicht bei diesem einen Vorfall bleiben. Die Geschichte ging noch weiter. Davon genug für den Moment.

Ich war jetzt in dem alter in dem ich das erste mal zur Beichte gehen musste und genau das wurde jetzt von mir erwartet, was mich mit allergrößtem Unbehagen erfüllte. Denn bei uns Kindern übernahm diese Aufgabe der Herr Kaplan. Das ich mich diesem mit meinen geheimsten Gedanken anvertrauen sollte, missfiel mir doch sehr. Aber wer nicht beichtete, kam in die Hölle, oder schlimmer in den Keller, oder den Dachboden. Da war der Kaplan das kleinere Übel. Aber ich löste dieses Problem auf meine Weise. Ich log!

Doch das ausgerechnet er von unserem Geheimsten wusste oder wissen sollte?

Trotz des Einwandes des Kaplan, musste ich keine hundert Vaterunser beten, sondern in den Küchendienst, was ihm sichtlich h missfiel. Für heute einstweilen, war ich gerettet. Auch wenn ich in der Küche wirklich schuften musste, so war mir dies hundert mal lieber.

Meine Freunde Walter und Thea würde ich heute nicht mehr besuchen können. Am Abend ging ich müde in den großen Schlafsaal Die noch klammen Leinentücher, die über den kratzigen Decken lagen, legten sich wohltuend kühlend auf meine Haut, als ich mich müde unter meine Decke kuschelte. Ein zwei Kinder waren schon da, doch sie sprachen nicht mit mir. Langsam füllte sich der Schlafsaal und es wurde flüsternd unruhig. Dann kehrte endgültig Ruhe ein. Bis über die Lautsprecher an der Decke gedämpfte Klaviermusik erklang und sich anschließend die Stimme von Bruder Nicolas zum Abendgebet meldetet.

Liebe Kinder. Ein wundervoller Tag, den uns der Herr Jesu Christi schenkte ist vorüber gegangen. Dank seiner Gnade können wir in diesem herrlichen Haus leben und haben ein Dach über dem Kopf. Unsere Bäuche sind von dem Essen gefüllt das er uns geschenkt hat. Lasset uns in Demut dankbar sein und beten.“

Nach dem Abendgebet, schlief ich dann ein.

Nicht aber ohne vorher noch einmal an Marcus Christianus zu denken. Und seine Worte die mir wieder einfielen. Als er sie sprach war ich noch zu beeindruckt um sie wirklich wahrzunehmen. Jetzt standen sie jetzt vor meinem Geist.

Gesegnet seist du auf all deinen Wegen!“

War das alles wirklich geschehen und hatte ich nicht nur geträumt? Nannte er sein Buch wirklich die Chronik der Welt? Und in diesem stand jetzt mein Name? In einer Chronik?

Was waren diese Druiden eigentlich? Wo kamen sie her und was taten sie?

Das Kindliche bewahrt uns vor zu vielem Grübeln. Die unbekümmerte Neugierde der Kinder ist in der Lage die Dinge die ihnen begegnen als das hinzunehmen was sie sind. Denn sonst hätte ich diese Nacht sicher kein Auge zu getan! Oft wünsche ich mir diese Unbekümmertheit zurück,

So aber schlief ich müde ein und träumte die ganze Nacht von in weite weiße Gewänder gekleideten Druiden, die an großen Feuern saßen und beteten.

Als ich wie jeden Tag um fünf Uhr von der Klaviermusik und dem folgenden Morgengebet erwachte hatte ich wieder dieses Gefühl des Verlustes. Eigentlich wollte ich weiter träumen, doch der neue Tag und meine Aufgaben riefen. Es war Samstag und heute konnte ich wieder Walter besuchen. Was ich auch vorhatte, nachdem ich meine Zeitungen ausgetragen und meine häuslichen Aufgaben erledigte hatte.

Kapitel 2. / 3

Johannes Morgenrot

Ich kam vom austragen der Zeitungen zurück und freute mich auf das Frühstück. Frau Köhler, der ich meinen neuen Namen verdankte, war heute seltsam still gewesen. Das war sie oft in letzter Zeit. Und sie wirkte auch immer öfter sehr traurig. Selbst das Wetter schien heute morgen dieser Stimmung zu sein. Aus einem grau verhangenem Himmel, viel ein feiner, kaum wahrnehmbarer Regen.

Das Gestern geschehene war wie ich feststellen musste noch nicht erledigt. Nach dem Frühstück musst ich noch einmal zu Bruder Aurelius. Auch der Kaplan war anwesend. Dies war die „Sünderstunde“ wie wir Kinder es nannten. Immer Samstags, nach dem Frühstück mussten die Kinder, die in der vorangegangenen Woche ungehorsam oder sonst irgendwie sündig waren, zu ihm. Dann wurden die Strafen ausgesprochen. Wurde Montags etwas angestellt, hatte derjenige die ganze Woche Zeit sich zu sorgen. Eine Vorgehensweise die äußerst perfide war, wie ich heute finde. Da ich vorher noch nie etwas angestellt hatte, vergaß ich diesen Termin. Erst als wir frühstückten wurde ich von dem Jungen neben mir daran erinnert.

Bruder Aurelius war so freundlich und so verständlich. Und ich wusste in diesem Moment nicht wohin mit mir und dem erlebten.

Ich erzählte ihm von Marcus Christianus und auch von seinem Segen zu mir und dem Buch. Die Chronik der Welt! Vor allem bei dem Segen hätte das Entsetzen nicht größer sein können. Die schallende Ohrfeige die ich vom Kaplan bekam, ließ meinen ganzen Kopf dröhnen. Mehrfach schlug Bruder Aurelius das Kreuz. Noch eine Stunde später schmerzte meine Rechte Wange. Denn der Schlag kam mit dem Handrücken, und die Knöchel brannten sich tief in meine Wange.

Wie kannst du es wagen!“

Ich wünschte mir so sehr ich dürfte glauben. Jenes Etwas das mich führte. Mich in Wort und Tat so leitete, das die Menschen mich doch lieben mochten. Diese freie in sich ruhende Kraft, die mir alles geben konnte, das ich suchte. Vor allem eine liebende Familie. Ich blickte auf die verkrampfte beringte Hand des Kaplan und sein wütendes verzerrtes Gesicht. Auf den herablassen blickenden Bruder Aurelius und senkte den Blick. Mein Wunsch viel hinter meinen Augen in die Asche.

Von da an verwarf ich den Willen, diesem Glauben auf die Spur zu kommen. Verwarf gleichzeitig jede Spekulation diese Antike Kirche könnte irgendjemandem zu nutze sein. Glaubte ich bei meinen Grübeleien über diese Kirche ein gewisses Licht entdeckt zu haben, erlosch es im selben Augenblick.

Dieses Gefühl als ich heute morgen erwachte und das Bild des Marcus Christianus zwischen meinen Augäpfeln hatte, das war ich! Das war mein Glaube! Dieses friedvolle miteinander.

Und noch ein Gedanke gesellte sich in mein Kindliches Gehirn. Sank in mich hinein. Frei zu sein! Frei von allem. Sich frei zu bewegen, ohne jede Grenze, wohin ich wollte auch über die Zeit. So wie Marcus Christianus. Das wollte ich, das konnte ich wenn ich es nur genug wollte. Wenn ich mich nur genug anstrengte! Dann verschloss ich diese Gedanken in meinem Herzen.

Eine Woche durfte ich das Heim nicht mehr verlassen. In dieser Woche waren es noch zwölf andere Kinder die mein Los teilten. Wir drückten uns wie Diebe in den Ecken herum. Vorzugsweise den dunklen. Auf keinem Fall wollten wir dem Kaplan begegnen. Denn jedes mal wenn das geschah, schikanierte er uns in irgendeiner Art und Weise.

Ich durfte nur in die Kirche zu gehen und dort dem Abbé zur helfen. Ein netter junger Mann, der manchmal wundersam freundlich war.

Er stellte mir die alles entscheidende Frage.

Johannes, mein Junge. Hast du schon einmal darüber nachgedacht was nach dem Waisenhaus kommen soll?“

Nein! Hatte ich nicht!

Willst du immer eines dieser Kinder bleiben, die nirgendwo erwünscht sind, die keiner haben will? Ich weiß nicht was es ist mein Kind. Aber an dir ist etwas ganz besonderes. Da ist etwas, das dich für größeres bestimmt!“

Ich wusste nicht warum er das zu mir sagte. Aber tief in mir regte sich etwas. Noch war es klein und nicht erkannt, aber es war da! Und es wollte wachsen.

Dann beugte er sich zu mir herunter und legte vertrauensvoll seine Hand auf meine Schulter. Das war mir zu viel Nähe und ich trat einen Schritt zurück. Ich konnte die Enttäuschung deutlich in seinen Augen sehen. Bruder Nicolas kam herein und der Abbe´drehte sich weg.

Eines der größeren Kinder, Hartmut Schuster, musste auf mich aufpassen und mich hin und wieder zurückbringen. Seine spöttischen Bemerkungen über den Abbé verstand ich nicht. Davon mit mir eine Woche hin und her rennen zu müssen, war er natürlich total begeistert und ich bekam jeweils auf dem Hinweg und auf dem Rückweg jedes mal dutzende Kopfnüsse.

Eines war danach klar.

Nie! Nie wieder würde ich darüber reden. Zumindest nicht in dem Waisenhaus! Mit niemandem. Ich würde allem abschwören und es offiziell als Einbildung abtun. Nur mit Walter wollte ich darüber sprechen! Er war ja in einer Woche auch noch da!

Vieles verschloss ich damals in meinem Herzen.

Walter sagte immer wieder man solle aus seinem Herzen keine Mördergrube machen. Aber ich dachte; lieber eine Mördergrube, als verprügelt zu werden.

Diese Woche war erfüllt mit allen möglichen unangenehmen Arbeiten. Drinnen vom Boden schrubben und in der Küche die Kacheln bis kein einziger Fleck mehr zu sehen war, bis zum Toiletten saubermachen. Draußen Holz hacken, Unkraut jäten, auf einer sehr hohen Leiter die wackelig angelehnt war, die Dachrinne säubern. Im Sommer bei größter Hitze. Zum Glück war dauernd einer von uns dran, so das es mit dem Dreck einigermaßen ging. Und wir waren zwölf für diese endlosen Liste.

Aber am allerschlimmsten war es für mich dass ich alleine in den Keller geschickt wurde, um zwei Säcke Kartoffeln für die Küche hoch zu holen. Zwei mal musste ich dort runter in dieses finstere Gewölbe. Und zu allem Überfluss standen die Kartoffeln ganz hinten. Mit dem Rücken zur Wand, presste ich mich dorthin. Jede Sekunde erwartete ich das Erscheinen eines fürchterlich entstellten Kindes. Das kleinste Knacken ließ mich zu einer Säule erstarren und ich verharrte Bewegungslos. Als ich endlich fertig war, war ich schweißgebadet. Und das lag nicht an der Anstrengung.

Es wurde die bis dahin längste Woche meines Lebens!

Kapitel 2. /4

Johannes Morgenrot

Der Erwachsene sinniert über Glauben. Das Kind glaubt.

In dieser Zeit begann meine Schlafwandelei. Gewaschen und sauber legte ich mich abends hin und erwachte angezogen staubig und dreckig am nächsten Morgen. Aus Angst vor weiteren Bestrafungen hielt ich es so lange es ging geheim. Jedes mal fand ich ein Bündel Kraut aus dem Tal der Wackelsteine in meinen Taschen. Dank Bruder Nicolas erfuhr ich das es sich um Johanniskraut handelte. Er sagte mir auch, das es nicht ungefährlich war. Warum ich dies tat und vor allem was ich tat außer Johanniskraut zu sammeln, wurde nicht geklärt. Oder war nicht zu klären.

Meine Geheimhaltung hielt nicht sehr lange. Ich wurde gesehen und es war vorbei.

Um weitere nächtliche Ausflüge zu verhindern, band man mich nach einiger Zeit kurzerhand an mein Bett.

Anfangs dachten die Priester meine nächtlichen Aktivitäten blieben von alleine aus, doch das taten sie nicht. So kamen sie auf die Idee es lag an meinen merkwürdigen Fantasien. Also beschlossen sie, mir diese aus dem Leib zu schlagen. Aber auch ihre Prügel änderte daran nichts. Angst, war die Meinung des Kaplans, würde mir diesen Teufel austreiben und er war einige Zeit nicht davon abzubringen. War es doch Gottes Wille. Gottes Wille! Andere Kinder hörten; „so lange du deine Füße unter meinen Tisch steckst…..!“ bei uns war es Gottes Wille. Das ist nichts gegen Gottes Wille. Ich wäre froh gewesen wenn es der Tisch gewesen wäre. Den Hölzernen Tisch, gegen ein über alle vorstellbare Größe mächtiges Wesen.

Ich kann gar nicht sagen welchen Widerwillen ich gegen diesen Gott entwickelte! Das war kein Gott – für mich war das der Freund des Teufels, und diese Priester waren seine Gehilfen!

Diese unangenehme Eigenart machte mein Leben also nicht leichter. Nicht nur wegen der Schläge. Denn auch meine Hoffnung all dem zu entfliehen wurde immer kleiner.

Denn eine der Aufgaben dieses Waisenhauses war, die Kinder zu neuen Familien zu vermitteln. Und eines mit solch einem Makel den interessierten Eltern anzubieten, machte es den Priestern nicht leichter. Mann wurde dann in das Büro des Heimleiters gerufen. Immer fertig gemacht wie zum Weihnachtsfest. Fehlte nur noch der Apfel im Mund! Die „Eltern saßen am Schreibtisch und drehten sich beim eintreten herum. Mal freundlich lächelnd, mal noch nicht einmal das. Bruder Aurelius pries uns dann an. Wie auf einem Viehmarkt kam ich mir immer vor. Es gab sogar „Eltern“ die uns etwas fragten! Aber bei mir schüttelten sie nur meist einfach nur den Kopf und ich durfte wieder gehen. Was mir jedes mal sehr recht war! Ich ging dann immer mit einem Lächeln direkt zu meinem Bett und legte mich, nein stürzte mich in dieses. Aus purem Protest zog ich dann noch nicht einmal die Schuhe aus.

Immerhin durfte ich jetzt öfter zu den Bibelfreunden. Denn die Priester waren froh, wenn sie mich nicht sehen mussten. Wenn ich dorthin ging, versuchte ich immer so nahe an das Tal der Wackelsteine zu kommen wie möglich. Warum ich das tat war klar, aber es geschah nichts. Marcus Christianus ward nicht mehr gesehen und ich begann zunehmend zu glauben was die Priester immer wieder sagten. „Alles Einbildung.

Das Haus der Bibelmenschen stand auf einem riesengroßen Grundstück. Eines Tages saß ich mit Walter dort auf einer Bank. Wir redeten über die aktuellen Geschehnisse. Ich erzählte ihm von meinen nächtlichen Wanderungen und wie ich in dem Waisenhaus behandelt wurde. Ich hatte mich entschlossen es Waisenhaus zu nennen. Ich war ein Waise, und im wesentlichen war es das auch.

Als ich ihm von den Schlägen erzählte wurde er sehr traurig. Aber er konnte nichts daran ändern. Keiner würde gegen die Kirche etwas unternehmen. Aber er wollte mir dennoch helfen. Er bot mir an bei dem Hausmeister ihres Konferenzortes aushelfen zu können. So konnte ich viel handwerkliches Geschick erlangen, was mir sicher noch nutzen würde. Die Hoffnung die er mir damit gab, war für mich mit Gold nicht aufzuwiegen.

Walter, was sind Druiden.“

Druiden? Druiden waren zu ihrer Zeit Heiler und Weise. Sie lebten in Harmonie mit der Natur und dem Unendlichen. Es gab sie überall hier in Europa. Im Süden Frankreichs wurden sie zum Beispiel auch Catharer genannt. Frei übersetzt bedeutet das Gutmensch. Und genau das waren sie. Gutmenschen. Sie waren in ihrer Lebenshaltung unserem Glauben nicht weit fern.“

Aber warum wurde sie getötet. Verbrannt von der katholischen Kirche.“

Weil sie anders waren. Und weil sie die katholische Kirche nicht anerkannten als den waren und einzigen Glauben. Sie sagten das das Himmelreich und Gott eine Einheit ist. Und das der Mensch in seinem inneren Teil dieses Himmelreich ist. Und wenn er dieses Bewusstsein erlangt, sich dieser Einheit bewusst wird, dieses Himmelreich auch findet und noch zu Lebzeiten alles andere hinzugegeben wird. Das also alle Menschen göttlich sind.“

Waren sie denn gefährlich für die Kirche?“

Gefährlich? Kommt darauf an was du unter gefährlich verstehst. Sie waren eine Gefahr für das perfide Gesamtkonstrukt der Kirche. Den Ablass zum Beispiel.“

Würdet ihr auch verbrannt werden wenn es so etwas noch geben würde?“

Walter sah mich sehr ernst an und dachte eine ganze Weile über meine Frage nach.

Wie alt bist du jetzt Johannes?“

Elf!“

Das sind sehr erstaunliche Fragen für einen elfjährigen weist du?“

Warum?“

Weil Kinder in deinem Alter für gewöhnlich nicht über derartiges nachdenken. Aber genau genommen ist dein Leben ja auch nicht gewöhnlich. Aber ja, so ist es. Wenn es die Inquisition heute noch gäbe, dann würden wir vermutlich in Ungnade fallen und möglicherweise auch verbrannt,“

Wirklich?“

Ich fürchte ja.“

Jetzt war es an mir darüber nachzudenken und zu schweigen. Aber er hatte recht. Denn immer wieder merkte ich das die anderen Kinder mich ablehnten. Nichts mit mir zu tun haben wollten. Ich war ihnen zu anders. Während ich viel Zeit damit verbrachte den Flug der Wolken zu betrachten, oder einer Spinne zusah die ihr Netz webte, spielten sie Fußball, oder Cowboy und Indianer.

Doch ich war in diesen Momenten der Stille glücklich. Es fehlte mir nichts.

Auch das ich mich vor diesen Götzenbildern in der Kirche fürchtete und diesen nichts abgewinnen konnte. Niemals, schwor ich mir, wollte ich so aussehen. Und Priester die die Diener Gottes waren und in seinem Namen kleine Kinder schlugen? Nein, das verstand ich nicht. Das war nicht der Gott, der Glaube, den ich mir zu eigen machen wollte. Das wusste ich schon mit elf.

Walter?“

Johannes?“

Ich habe einen gesehen.“

Was hast du gesehen?“

Einen Druiden!“

Wie meinst du das, du hast einen Druiden gesehen?“

Ich habe einen Druiden gesehen. Im Extertal, bei den Wackelsteinen. Er heißt Marcus Christianus. Muss verwandt sein mit dem der da mal gelebt hat.“

Diese Erklärung war mir auf dem Weg hierher eingefallen. So war alles wieder normal!

Johannes, es gibt hier keine Druiden mehr. Schon seit hunderten Jahren nicht. Auch nicht im Extertal. Ich weiß nicht was du gesehen hast, aber ein Druide war es nicht! Anscheinend hat dir jemand einen Streich gespielt“

Aber er hat mit mir gesprochen!“

Ich weiß. Was hältst du von einer schönen großen Tasse Kakao und einem Stück Apfelkuchen?“

Ich fand das es eine gute Idee war. Also gingen wir zu Thea auf die Terrasse und setzten uns gemütlich zusammen. Wie sie das machte wusste ich nicht, aber Thea wusste schon Bescheid.

Johannes.“ sagte sie. „Du bist noch ein sehr junger Mensch und du hast es wirklich nicht leicht. Lass dich von all dem Kummer nicht herunterziehen und mache dir nicht zu viele Sorgen. Es wird sich wieder ändern. Du wirst es sehen. Sehr bald schon, werden die guten Dinge in Deinem Leben überwiegen. Du bist ein wunderbarer junger Mensch. Du wirst es sehen!“

Ich kann nicht sagen wie gut diese Worte taten.

Sieh dies alles als eine Vorbereitung auf ein schönes erfülltes Leben. Denn das wirst du ohne jeden Zweifel haben!“ Sie sah mir direkt in die Augen legte beide Hände auf meine Schultern und sagte. Johannes Morgenrot!“ Es war sehr selten das sie mich mit meinem vollen Namen ansprach. Mit Morgenrot. „Du bist ein guter Mensch. Du wirst eines Tages ein wunderbarer Lehrer sein!“

Dann füllte sie unsere Tassen mit dampfendem Tee und Kakao, schnitt den Kuchen und machte auf jedes Stück einen Klacks Sahne. Da saßen wir und dann und aßen und tranken wir in Ruhe, ohne ein weiteres Wort.Ich hätte auch nicht reden können, so voll wie mein Mund ununterbrochen war. Und ich wünschte mir, nicht zum ersten mal, sie wären doch meine Großeltern. Aber ich hatte die Antwort auf die Frage des Abbe´ gefunden. Wie Morgenrot, war sie mir gegeben worden!

Ich würde ein Lehrer werden. Nicht so ein achtloser und verachtenswerter wie die Priester in dem Waisenhaus. (außer Bruder Nicolas und dem Abbe´.

Sondern ein richtiger Lehrer!

Kapitel 2. /5

Johannes Morgenrot

Leider holte mich die Wirklichkeit schnell wieder ein und härter als ich es in diesem Moment vermutet hätte.

Kann ich nicht bei euch bleiben?“

Walter und Thea sahen mich lächelnd an.

Aber du bist doch immer bei uns!“ sagte Walter und legte seine rechte Hand auf sein Herz. Seine linke legte er auf meine Hand.

Hier! Hier in unserem Herzen tragen wir dich immer bei uns!“

Kann ich nicht bei euch leben?“

Ach Johannes. Wie gerne würde ich ja sagen. Aber es geht nicht. Die Verantwortung für dein Leben wurde der Kirche übertragen und darüber können wir uns nicht hinwegsetzen. Bitte mein Junge verstehe das. Versuch es zu verstehen.“

Da saß ich nun und sah die beiden an, hatte meinen tiefsten Herzenswunsch ausgesprochen. Obwohl ich die Antwort schon vorher kannte, trug ich dennoch im Stillen diese Hoffnung in mir. Und getragen von dieser, äußerte ich meinen Wunsch. Ohne irgend ein Arg sahen sie mich ihrerseits freundlich an. Nein! Ich konnte ihnen nicht böse sein. Ich stand auf und drückte beide so fest ich konnte. Als ich ging sah ich Tränen in Theas Augen schimmern.

Es war ein herrlich warmer Sommertag und ich konnte den Backsteinbau schon von weitem sehen. Einige der Jungs spielten auf dem Acker Fußball. Der Bauer dem dieser gehörte war auch ein Kind dieses Waisenhauses und wurde selber adoptiert. Er hatte nichts dagegen, denn dieses Jahr baute er dort nichts an. Jedes Jahr gab er in der Erntezeit einigen Kindern gut bezahlte Arbeit. Was er nicht wusste war, das leider das meiste dieses Geldes dort abgeliefert werden musste.

Gerade schlugen sie wieder eine Schlacht gegen Italien und es stand 3:0 für Deutschland. Welch heroischer Sieg! Immer wieder gab es Streit wer für Deutschland spielen durfte. Ich sah ihnen zu, besaß aber kein Interesse mich zu beteiligen. Als ich das Waisenhaus betrat wurde ich argwöhnisch vom Kaplan betrachtet, der hinter seinem großen Schreibtisch in seinem offenen Büro saß.Die großen kalten hellbraunen Fliesen im Treppenhaus taten an den Füßen gut. Wie ein bösartiges, haarloses, leichenblasses, großes, vollgefressenes, dickes Kind. Entflohen aus dem Keller, oder dem Dachboden! Vielleicht war er genau das. Hinter ihm ein Regal voller uralter Bücher. Allesamt handelnd von irgendwelchen Heiligen. Ich las mir einmal, in einem unbeobachteten Moment, die Buchrücken durch. Von dort hatte er alles im Blick und im Griff. Und er verließ dieses Büro auch nur um irgend jemanden von uns zu schikanieren. Sein ganz persönliches kleines Gefängnis. Es ist kaum zu glauben, aber in diesem Moment hatte ich Mitleid mit ihm. Was mochten diese Heiligen über solch einen Kaplan denken, wenn sie von ihm wüssten. Vor allem dann wenn er sie zitierte um seine Unrechtmäßigkeiten zu rechtfertigen. Und er war nur ein kleiner Kaplan. In einem X- beliebigen Waisenhaus, an einem X- beliebigen Ort.

Als ich ihn dort so sitzen sah, dachte ich zum einen was er eigentlich den ganzen Tag so tat und zum anderen was Bruder Aurelius den ganzen Tag so tat. Ich meine außer uns zu, …….nun ja.

Nichts konnte mir heute die Laune verderben, denn ich fand meinen Weg. Meinen Plan, meine Vision, mein Ziel! Meine Bestimmung! Sicher war es mir in diesem Moment noch nicht wirklich klar, aber heute weiß ich das es so war. Denn alle Zweifel, alle Unsicherheit waren verschwunden. In mir war eine Klarheit und Sicherheit, wie nie zuvor. Ohne es erklären zu können wusste ich wohin! Alles weitere würde schon kommen! Ich wusste das ich das Waisenhaus verlassen würde und das dort draußen ein Platz für mich war. Mein Platz. Mein Platz der mich finden würde.

Und ich tat was ich in dieser Zeit immer tat. Ich redete dort mit keiner Menschenseele darüber.

Hinter den Kulissen, für mich noch verborgen geschah derweil außergewöhnliches.

Der Dekan erzählte meine Geschichte, als Anekdote gedacht. Wollte sich wichtig machen und etwas skurriles über eines seiner Kinder zum besten geben. Er tat dies als er zusammen mit einer Angehörigen des Fürstenhauses zu Schaumburg Lippe auf einem Bankett zu Abend aß. Es war ein großes Bankett, zu dem auch das Haus der Barone von Münchhausen anwesend war. Und Bänker und Unternehmer. Alles wichtige, und vor allem reiche, Leute. Zumindest die allermeisten. Und das passte ja! Solche Gelegenheiten wollten genutzt werden um aller Welt zu zeigen welch aufopferungsvoller Mensch und Christ er war! Und natürlich um Spenden für seine selbstlosen Taten zu sammeln. Nur das wir von diesen Spenden nie etwas sahen. Woran sich, glaube ich, im wesentlichen bis heute nicht viel geändert hat. Anstatt scheinheilig eine Überweisung zu tätigen, sollten die Menschen lieber Hand anlegen und aktive Nächstenliebe leben.

>Morgenrot kann so etwas sagen. Er lebt ja nur in meiner Fantasie!<

Ebenfalls anwesend war eine weitläufige Verwandte dieses Fürstenhauses. Eine alte verhärmte Adelige die den Dekan nicht mochte, weil sie ihn längst durchschaute. Die Rittersfrau Theodora von Alverdissen. Sie war nicht besonders reich. Aber weit davon entfernt arm zu sein. Und sie war die Nachfahrin von Katharosa Theodora von Alverdissen. Deren gemeinsamer Vorfahre für irgendeine Heldentat, von der ich keine Kenntnis habe, zum Ritter geschlagen wurde. Als sie die Geschichte von meinen Wahnvorstellungen über den Druiden und ihrer Vorfahrin hörte, setzte dies verschiedene Geschehnisse in gang, die sehr bald mein Leben nachhaltig verändern sollten.

Im Moment jedenfalls war ich voller Hochgefühl. Und das sollte den ganzen Tag so bleiben. Und zunächst geschah auch nicht aufregendes. Und alles ging voran wie gewohnt. Ich verschloss Marcus Christianus und meine Bestimmung in meinem Herzen und hoffte das sich seine Ankündigung, das wir uns bald wiedersehen würden, schnell erfüllte.

Doch die Worte des Abbé ließen mich nicht mehr los. Was sollte nach dem Waisenhaus kommen? Und die Antwort die mir Thea darauf gab. Lehrer! Ich wollte Lehrer werden. Ich wurde mir immer sicherer. Aber nicht an einer Schule! Und auch wenn ich noch nicht wusste was ich lehren wollte, oder sollte.

Am nächsten Morgen machte ich mich wieder auf meine Zeitungen zu verteilen.

Das Sonntagsblatt.

Wie üblich war meine erste Adresse Frau Köhler. Jeden morgen freute ich mich auf sie. Denn sie war die einzige die sich bei mir dafür bedankte das ich ihr die Zeitung brachte. Von den Süßigkeiten die sie mir gab einmal ganz abgesehen. Natürlich bekam ich etwas Geld für meine Arbeit. Aber ein Danke als Anerkennung war mit Geld nicht zu vergleichen.

Doch heute morgen stand sie nicht vor der Tür um auf mich zu warten.

Schüchtern trat ich näher um zu horchen ob sie irgendwo zu hören war. Nichts.

Als ich einer inneren Eingebung folgend „die Zeitung“ rief und anklopfen wollte bemerkte ich das die Tür nur angelehnt war. Außerdem saß ihre Katze vor einem leeren Napf und jammerte kläglich als sie mich bemerkte. Ich trat ein und rief, mit der Zeitung in der Hand ihren Namen. Nichts.

Wie unter Zwang trat ich aus dem Vorraum in den Flur. Wo sie auf dem Boden lag. Ich dachte sie wäre gefallen und wollte ihr helfen. Doch als ich sie berührte und sie ansprach fühlte sie sich so seltsam fest und kalt an und ließ sich auch kaum bewegen. Diese Frau schlief nicht. Und sie spielte nicht. Diese Frau war tot. Frau Köhler hatte sich umgebracht! Das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber so sollte es sich erweisen.

Kapitel 3. /1

Theodora von Alverdissen

Ich bekam nur Schemenhaft mit das der Postbote kam. Und nach ihm die Polizei.

Die Zeitungen trug ich an diesem Sonntag nicht mehr aus. Was mir mein Chef natürlich vom Lohn abzog. Leistung und Gegenleistung. Damals fand ich das nur gerecht. Denn ich hatte ja meine Leistung nicht erbracht.

Später erzählten sie das ich vollkommen regungslos neben Frau Köhler stand, als sie uns fanden. Das sie mich zum Waisenhaus brachten bekam ich nicht mit. Glücklicherweise kannte mich der Postbote und wusste wo ich hingehörte. Wer weiß wo ich ansonsten gelandet wäre.

Sie legten mich auf mein Bett, wo ich den Rest des Tages ebenso regungslos verbrachte. Die ganze Zeit die leeren Augen von Frau Köhler vor Augen. Es war nicht der Umstand an sich das sie tot war, es waren diese Augen. Diese Abwesenheit von Leben in ihnen. Ich hatte keine Angst oder gruselte mich oder so. Ich wusste das es etwas normales war zu sterben. Meine Mutter hatte mich das gelehrt, durch ihren eigenen Tod.

Auch wenn sie sich und ihrem Leben selber ein Ende setzte. Sie fanden leere Verpackungen Schlaftabletten und eine halbleere Flasche Hochprozentiges in ihrer Küche. Der Brief auf dem Tisch gab dann Sicherheit. Warum sie es tat wurde mir nie gesagt. Aber ich war mir sicher sie hatte ihre Gründe.

Alles gute Frau Köhler. Dort wo sie jetzt sind gibt es keinen Schmerz, keine Wut, keine Zweifel, keine Trauer, nur Liebe!

Doch ich bin mir sicher das egal was passiert, das Leben dem Tod vorzuziehen ist. Wenn wir selber diese Entscheidung haben, sollten wir uns immer für das Leben entscheiden. Denn es endet von selbst sowieso irgendwann. Wozu das unnötiger weise beschleunigen?

Bruder Nicolas setzte sich immer wieder an mein Bett und sprach mich an. Aber erst am Abend reagierte ich wieder.

Johannes.“

Ohne ihn anzusehen sagte ich.

Bruder Nicolas. Was ist Leben?“

Junge bitte. Was geschehen ist und was du gesehen hast war sehr schlimm. Ich weiß das du sie sehr gerne hattest. Komm setz dich auf.“

Als ich saß setzte er sich neben mich und legte den Arm um meine Schulter. Eine wunderbar warme Berührung.

Ich kann dir diese Frage noch nicht beantworten, denn ich glaube das du sie noch nicht verstehen würdest. Aber du sollst eins wissen, auch wenn es hart ist. Leben ist auch Tod. Denn wir alle teilen das gleiche Los. Alles belebte und beseelte auf dieser Welt ist sterblich. Auch wir. Nur der Herr, Gott der unser aller Vater ist, kennt den wahren Grund dafür. Leben ist das Geschenk des Herrn an uns und wir dürfen niemals diesem selber ein Ende setzen. Das ist widernatürlich, das ist wieder Gott!“

Bruder Nicolas, gehen wir wenn wir sterben in den Odem? Was ist Odem?“

Ich denke schon mein Junge. Odem ist der Herr. Doch es kommt aber vor allem darauf an wie wir leben. Es ist nicht entscheidend wie wir sterben. Entscheidend ist wie wir leben! Leben ist so mannigfaltig wie die Menschen die es erfüllen. Die einzige Ausnahme ist der Freitod den dieser ist wieder unseres Herrn!“

Heute weiß ich das seine Worte nicht selbstverständlich waren für einen Katholischen Priester.

Da saßen wir beide in dem großen Schlafsaal. Der alte Mann der um die richtigen Worten rang, und das Kind das Antworten suchte.

Frau Köhler war Tod, daran würde sich nichts mehr ändern.

Ich konnte nichts gegen meine tiefe Trauer anrichten. Ich kannte sie kaum, nur vom Zeitung austragen. Aber etwas in mir trauerte so sehr, das ich es kaum aushalten konnte.

Mein und unser aller Leben ging weiter. Alles ging weiter. In dieser einen Nacht schlafwandelte ich nicht. An ihrer Beerdigung durfte ich aber nicht teilnehmen.

Jahre später, als ich erwachsen war, legte ich an ihrem Grab einen Strauß Anemonen nieder. Ihre Lieblingsblumen. In Stille bedankte ich mich bei ihr. Und entschuldigte mich dafür das es so lange dauerte bis ich an ihr Grab kam.

Auf ihrem verwitterten Grabstein stand;

„Ertragt Leid mit Stärke

denn darin überragt ihr Gott.

Er steht außerhalb

des Erduldens der Übel.

Ihr aber steht darüber!“

Als Junge, viele Jahre vorher, hörte ich diese Worte von jemandem anderem. Allem Anschein nach, war sie eine Wissende.

Die ersten Tage nach ihrem Tode erwartete ich etwas besonderes. Erwartete ich das irgend etwas geschah! Denn Frau Köhler war gestorben! Das musste doch etwas zu bedeuten haben!? Und das Ferien waren half auch nicht. Das einzige was geschah war, das ich als ich meine Zeitungen wieder austrug sah, das ihre Wohnung leer geräumt wurde. Keine Woche nach ihrer Beerdigung. Ich blieb auf der anderen Straßenseite stehen und sah eine kurze Weile zu. Was aus der Katze wurde wusste ich nicht. Am nächsten Tag sah es aus, als ob sie nie dort gewohnt hätte. Selbst ihr Name war aus dem Klingelschild entfernt worden. A.Köhler.

Um mich abzulenken meldete ich mich bei dem Hausmeister der lieben Bibelmenschen. Walter und Thea waren verreist, aber er wusste Bescheid. Sein Name war Jürgen. Er arbeitete in einer große Werkstatt mit allem möglichen Werkzeug. So verbrachte ich ab diesem Zeitpunkt meine Freizeit meist mit werkeln und lenkte mich ab. Da ich in diesen Dingen etwas Talent besaß, konnte ich in kürzester Zeit schon verschiedene Arbeiten alleine Durchführen. Auch wenn meine Gedanken immer wieder abwanderten, erfüllte mich diese Arbeit mit einiger Zufriedenheit.

Doch viele Fragen blieben. Wieso war Frau Köhler so alleine? So alleine das sie sterben wollte? Überall um sie herum waren doch Menschen! ihre Nachbarn, ihre Familie, ihre Freunde, der Postbote, ich! Aber manchmal schien es nicht zu reichen wenn Menschen um einen herum waren.

Jürgen sagte dazu.

Jeder Mensch ist alleine! Mit sich und seinen Gedanken. Hinter deinen Augen bist du immer alleine. Selbst wenn du dich in einem Saal mit hunderten von Menschen befindest bist du alleine. Manche kommen, wenn ihnen das klar wird damit nicht klar und dann verliert das Leben jeden Wert für sie. So einfach ist das!“

Jürgen war ein Mann der einfachen und ehrlichen Worte.

Ich wusste nicht einmal was Leben war, woher sollte ich dann wissen was lebenswert war?

Das lernst du wenn du älter wirst.“

Aber hatte Bruder Nicolas nicht gesagt das nur Gott, unser aller Vater wusste was Leben ist? War das der Grund für all dieses Übel was immer wieder geschah? Weil wir es nicht wussten? Und immer noch nicht wissen?

Ich fand in seiner Werkstatt ein Buch und ich durfte darin lesen. Es hieß Demaskierung. Ich dachte es handelte sich um einen Abenteuerroman. Aber weit gefehlt. Nach den ersten Sätzen die dort standen war es um mich geschehen:

(Durch die tiefernsten Zeiten gedrängt und voller Verlangen der Menschheit nach bestem Vermögen zu dienen entstand dieses Buch! Es ist manchmal von einem Reich die Rede, das wie eine unangreifbare Burg des Lichtes und des Lebens in dieser Welt der Finsternis und des Todes zu Hilfe und zu Troste gegründet wurde!)

Aber ich musste ihm ein Versprechen geben. Nicht über dieses Buch zu reden. Dann schenkte er es mir. Heute spreche ich zum allerersten mal darüber! Ich werde aber vielleicht noch einmal aus diesem Buch zitieren.

Versteckt vor den Priestern begleitete dieses Buch mich fortan und ich besitze es, auch wenn es abgegriffen und zerfleddert ist von all den Jahren, heute noch.

Die Handwerklichen Kenntnisse die ich erwarb und mein Geschick, wollte ich natürlich anwenden. Also bot ich mich im Waisenhaus bei allen möglichen Gelegenheiten an, was auch angenommen wurde. Natürlich ohne jede Gegenleistung, und auch ohne irgendwelchen Dank. Das heißt ich durfte mich bedanken. So konnte ich etwas von der grenzenlosen Güte die mir entgegen gebracht wurde, wieder gut machen.

Als unsere Köchin mich bat ihr Fahrrad zu reparieren, wofür sie sich im übrigen überschwänglich bedankte, musste ich nach getaner Arbeit natürlich eine Probefahrt machen. Wohin mich diese führte? Natürlich ins Extertal.

Doch obwohl ich fürchterlich aufgeregt jeden Quadratmillimeter der Wackelsteine absuchte, fand ich ihn nicht. Ihn laut zu rufen wagte ich bei der Menge an Touristen ebenfalls nicht. Denn es war mir zu gefährlich festgenommen oder von einem Krankenwagen abtransportiert zu werden.

Ich kam ohne einen einzigen Hinweis auf ihn gefunden zu haben wieder zurück und zu meiner Überraschung wurde ich in das Büro von Bruder Aurelius gerufen. Schmutzig von den Reparaturen und schwitzig vom Radfahren ging ich zu ihm. Er saß an seinem Schreibtisch und ihm gegenüber eine, schlanke ältere, verhärmte Frau die anscheinend aus besserem Hause zu kommen schien, denn ihre Kleidung war edel und fein. Solche Kleidung hatte ich noch nie gesehen. Wenn ich heute darüber nachdenke sah sie ein wenig aus wie Katharine Hepburn in ihren alten Tagen.

Ah, ein Handwerker.“ sagte sie hochnäsig und schnippisch.

Komischer weise schämte ich mich plötzlich für mein Erscheinungsbild. Auch wenn ich keine Ahnung hatte worum es hier ging und was ich hier sollte.

Johannes!“ Herrschte mich Bruder Aurelius an. Wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt und wie siehst du eigentlich aus? Na darüber werden wir noch reden! Fräulein von Alverdissen und ich warten hier schon die ganze Zeit auf dich“

Fräulein? War diese Dame nicht etwas zu alt für ein Fräulein und von…? Damals war Fräulein eine gängige Anrede für junge Frauen.

Euer Hochwürde, ich wusste nicht einmal das jemand auf mich wartet.“ sagte ich während meine Augen hin und herwanderten. „Ich habe das Fahrrad der Köchin repariert und dann….“

Es ist gut Junge! Der Dekan hat das sicher nicht so gemeint.“ sagte das Fräulein bestimmt und sah mich abschätzend an.

Euer Fräulein. So würde ich sie ab jetzt nennen.

Wie ist sein Name?“ fragte sie Bruder Aurelius.

Morgenrot Euer Fräulein!“ Antwortete ich. Das mein Vorname Johannes war wusste sie ja schon. Als sie meine Anrede hörte schmunzelte sie kurz.

Ich kann mich nicht erinnern mit dir geredet zu haben.“ sagte sie dann wieder sehr hochnäsig, um dann im gleichen Ton zu sagen. „Morgenrot? Ist das alles oder hast du deinen ganzen Namen vergessen?“

Im nach hinein betrachtet war ihre Reaktion sehr erstaunlich.

Johannes! Reiß dich zusammen!“ Herrschte mich nun wieder Bruder Aurelius w an.

Johannes Morgenrot,“ sagte ich schnell, immer noch keine Ahnung habend worum es hier ging.

Morgenrot ist kein Name sondern ein Zustand! Und jetzt stell er sich gerade hin! Haltung! Haltung ist etwas was wir niemals verlieren dürfen!“

Er? Wer ist ER? Dachte ich und stand stramm.

Sie stand auf und kam zu mir. Sie sah mich an, nahm ein Spitzentaschentuch und fasste mein schmutziges Gesicht am Kinn und hob es an um mir genau in die Augen zu sehen. Dann sagte sie bestimmt.

Du kannst gehen!“

Nach kurzem zögern sah ich den Heimleiter an, der kurz nickte. Dann rannte ich fast hinaus. Was hatte das alles zu bedeuteten.

Kapitel 3. /2

Theodora von Alverdissen

Ohne Halt! Oder auf irgend jemanden zu achten rannte ich hinaus zu den anderen Kindern auf den Innenhof. Dort stellte ich mich neben ein Klettergerüst und schnappte nach Luft.

Das gerade war unheimlich. Die anderen sahen mich besorgt an denn sie wussten ja das ich in letzter Zeit einiges mitgemacht hatte.

Es war Hartmut Schuster der mich mit ebensolchem besorgtem Blick ansprach. Der Junge, dem ich hunderte Kopfnüsse verdankte und der seit dem auf mich aufpasste. (Hab nie einen kleinen Bruder gehabt! Jetze bist du´s klar?)

“„Hey, Morgenrot, is alles klar bei dir?“

Klar ist alles klar, warum sollte den etwas nicht klar sein.“ Er nickte, schlug mir kräftig auf die Schulter und ging weg.

Was hatte das zu bedeuten? Oder sollte es tatsächlich möglich sein dass dieses Fräulein sich für mich interessierte?

Je älter wir wurden um so schwieriger wurde es uns zu vermitteln. Am liebsten wurden natürlich Säuglinge genommen. Die hatten wir hier nicht zu bieten. Nur mich wollten sie als Säugling nicht. Lag wohl daran das meine Mutter aus dem Milieu kam. Damit hat sie mir auch das versaut. Mit fast zwölf gehörte ich schon langsam zu den alten Kindern. In meinem alter wurde man äußerst selten vermittelt und meist dann nur in sehr schlechte Verhältnisse, als Haussklave für irgend eine reiche Familie. Dort hatte man zu allermeist nicht viel zu erwarten, außer Misshandlungen und Erniedrigungen. Wir standen in unserer Situation außerhalb der Gesellschaft. Klappte es nicht, waren die undankbaren Kinder schuld die nichts taugten. Die Polizei wurde gerufen und die Kinder kamen in ein Besserungsheim. Alles weitere war nur noch Formsache. Eine Psychologische Betreuung oder so ausgefeilte Pädagogik wie heute gab es noch nicht.Außerdem war es dort wo ich lebte noch sehr ländlich.

Immer wieder verschwanden Kinder dann und wurden nie wieder gesehen. Einmal war ein Junge aus solchen Verhältnissen nach Monaten zurückgekommen. Er sprach mit keinem und saß immer mit wippendem Oberkörper alleine.

Eines Tages fand der Kaplan ihn auf dem Dachboden an einem der Deckensparren.

Vielleicht ist meine Panik in diesem Moment jetzt besser zu verstehen. Denn ich hatte mir schon einen groben Plan zurecht gelegt wie es weitergehen sollte. Noch drei Jahre Schule, Lehre und dann…. dann würde man sehen. Doch jetzt könnte alles ganz anders werden. Doch wollte ich diese Hoffnung nicht aufkeimen lassen. Zu oft, zu viele Enttäuschungen die hinter mir lagen. Nein! Ich würde meinen Weg alleine gehen.

Wenn wir nicht vermittelt wurden, kamen wir normaler weise meist auf Bauernhöfe oder Handwerksbetriebe mit Familienanschluss in der weiteren und näheren Umgebung. . Wer Pech hatte verrichtete dort irgendeine Sklavenarbeit ohne etwas zu lernen und landete als Jugendlicher wer weiß wo. Wer Glück hatte wurde gut behandelt und konnte eine Ausbildung machen. So hatte man dann alle Möglichkeiten. Deswegen war ich so dankbar für das Angebot meiner lieben Bibelfreunde allgemeines im Handwerk schon vorab zu lernen. In den letzten Jahren nahm das Jugendamt immer mehr Einfluss. Doch hier auf dem Land war dieser noch nicht all zu groß.

Die dritte Möglichkeit war man bekam ganz normal eine Lehrstelle und dann in ein anderes Heim. Ein Jugendheim. Wir nannten es den offenen Jugendknast. Diese und ähnliche Gedanken rasten mir durch den Kopf.

Was hatte das gerade zu bedeuten? Wohin würde mein Weg jetzt gehen? Walter würde mich jetzt beruhigen und sicher zu mir sagen das ich doch überhaupt nicht wusste was geschehen würde. Diese Frau konnte wer weiß wer sein, die wer weiß was wollte. Es musste ja nicht gleich bedeuten das sie mich an Kindes Statt annehmen wollte.

Vielleicht war sie eine Unternehmerin die mich für eine Aushilfsarbeit suchte, oder irgend etwas anderes. Und wenn ich für was auch immer ihren Vorstellungen nicht entsprach, würde überhaupt nichts passieren. Also Ruhe bewahren!

Das es Bruder Aurelius vollkommen egal war wo wir landeten und was aus uns wurde wussten wir alle. Hauptsache vermittelt, Hauptsache die Zahlen stimmten. Es war also nicht nur eine reine Freude vermittelt zu werden.

Aber welches Schicksal mich erwartete würde ich sicher bald erfahren.

Auch dieser Tag verging.

Eine Beobachtung ist noch erwähnenswert. Als ich eine Stunde später auf meinem Lieblingsbaum mit einigen anderen Kindern die Beine baumeln ließ, sah ich wie eine große schwarze Limousine vor dem Haupteingang vorfuhr. Ein Chauffeur stieg aus und öffnete die rechte Hintertür. Kurz danach kam das Fräulein aus dem Haus, stieg ein und fuhr davon. Das alles ließ mich mit noch mehr Fragen zurück. Zum Beispiel; Was hatte sie so lange mit Bruder Aurelius zu besprechen? Denn andere Kinder wurden nicht mehr hereingerufen. Was ebenfalls sehr merkwürdig war? Fast schien es sie wollte nur mich sehen? Doch ich wollte nicht mehr denken. Also kletterte ich von meinem Baum und schlenderte ein bisschen herum. Alle swar im Moment so verwirrend. Meine Welt schien immer unsicherer zu werden. Ich hatte Angst das alles auseinanderfiel. Meine kleine Welt. Das Heim, die Schukle, meine Bibelfreunde. Das Zeitung austragen und meine Gedanken. Alles schien sich zu verändern und ich wollte es so nicht!

Natürlich wollte ich aus dem Heim!

Etwas geschah! Dinge gerieten in Bewegung. Ernste Dinge. Ich stand an einer Schwelle zu einem neuen Weg und ich musste mich entscheiden ob ich diesen Weg gehen wollte. Ich wusste ja nicht was kam. Ich war fast zwölf, also noch ein Kind. Andere Kinder in diesem Alter spielten und tobten. Sahen sich Kinderfilme an und freuten sich auf Weihnachten oder ihren Geburtstag. Bliesen an ihrem Geburtstag auf dem Kuchen die Kerzen aus.Hatten Freunde mit denen sie ihre Interessen teilte.

Ich stand auf einem Berghügel und sah in das wellige Tal während ich über meine Zukunft nachdachte. Die Felder waren zum Teil schon abgemäht und die Apfel und Kirschbäume hingen voll. Die anderen saßen sicher in einem dieser Kirschbäume und aßen diese leckeren kleinen Wunder der Natur. Ich wusste nicht was da auf mich zukam. Aber es kam etwas auf mich zu.

Abhauen! Abhauen war eine Möglichkeit! Ich war schlau. Ich war begabt. Ich war für mein alter schon sehr weit entwickelt und kräftig. Es war jetzt Erntezeit! Keiner würde Fragen stellen wenn ich meine Arbeit anböte. Überall standen Schuppen voller Heu in denen ich übernachten konnte. Wirklich vermissen würden mich nur Walter und Thea. Und die würden mich verstehen. Tatsächlich stellte ich mir die Frage was mich hier hielt. Das da draußen war meine Welt! Ich würde sie erobern!

Als mich diese Gedanken erfüllten sah ich mich voller Tatendrang um und blickte auf den nächsten Hügel.

Ein kleine Gestalt stand dort. Sie war in eine weite weiße Kutte gehüllt und blickte zu mir herüber. Als ich sie sah erhob sie den Arm und winkte mir zu.

Marcus Christianus! Er war es, ohne jeden Zweifel! Ich wusste es. Ich hob ebenfalls meinen rechten Arm und winkte zurück. Ein breites Grinsen und eine tiefe Euphorie erfüllten mich. Denn jetzt wusste ich was zu tun war. Wohin ich gehörte. Was mir noch vor ein paar Momenten als vollkommen unmöglich erschien war jetzt vollkommen klar. Ich konnte das Ende nicht sehen, aber das kleine Stück des Weges, das vor mir lag.

Kapitel 3. /3

Theodora von Alverdissen

Dieses Stück des Weges das konnte ich sehen.

Und dieses Stück führte in das Waisenhaus.

Vorerst gehörte ich in dieses Waisenhaus und nirgendwo anders hin. Als ich darüber nachdachte sah ich kurz auf den Boden. Als ich wieder aufsah, war die kleine Gestalt verschwunden. Er hatte mir ein Zeichen gegeben.

Ob alle Kinder in meinem alter so etwas erlebten? Zum tausendsten mal versuchte ich mir vorzustellen wie es sein sein könnte, wenn ich in einer normalen Familie leben würde. Mit einer Mutter die mir Lieder vorsang und mich ins Bett brachte als ich ganz klein war. Die Lecker Essen kochte. Oder meine kleinen Schrammen versorgte an den Knien und dem Schienbein. Die mir zuhörte wenn ich nach Hause kam. Oder einem Vater der mir beibrachte eine Flöte aus einem Ast zu bauen. Von dem ich lernen konnte eine Bogen zu bauen und Pfeile zu schnitzen.

Mit dem ich Lagerfeuer machen konnte. Zusammen würden wir dann am Lagerfeuer an Stöcken Fleisch braten. Er könnte mich dann immer zum Fußball bringen. Oder wir würden zusammen Angeln gehen. Am Badesee alle zusammen schwimmen. Er wäre manchmal auch streng und mit meiner Mutter hätte ich dann kleine Geheimnisse. Beide könnten mir abwechselnd bei den Hausaufgaben helfen. Lauter solche Sachen. Nur einen Bruder, oder eine Schwester konnte ich mir nicht vorstellen.

Da stand ich und sah hinüber zu dem Platz wo ich den Druiden sah. Nicht eine Sekunde daran zweifelnd das er wirklich dort gestanden hatte. Langsam drehte ich mich um, und ging zurück.

Die Sommerferien näherten sich langsam wieder ihrem Ende. Ich feierte einen ziemlich öden zwölften Geburtstag im Waisenhaus. Kein Kuchen kein nichts.

Walter und Thea hatten natürlich einen kleinen Kuchen für mich. Einen mit einer Kerze drauf. Thea´s selbstgebackene Kuchen waren wie immer fürchterlich lecker und wir aßen ihn gemeinsam bei Kaffee und heißer Schokolade gleich auf.

Doch ansonsten geschah nichts aufregendes mehr. Ich ging zwar immer mal wieder auf den Hügel auf dem ich den Druiden gesehen hatte (ich war mir absolut sicher das er es war den ich sah) , doch er blieb wieder verschwunden.

Einmal kam ich sogar zu den Wackelsteinen. (Die Köchin lieh mir ihr Rad) Ebenfalls ohne Ergebnis. Von dem Fräulein von Alverdissen hörte ich zunächst auch nichts mehr und die Trauer um Frau Köhler wurde immer weniger. Auch dank der Gespräche mit Walter. Wo ihr Grab sich befand konnte ich allerdings noch nicht herausfinden.

Die allmorgendlichen Schläge wegen der Schlafwandelei blieben mir ebenfalls erhalten. Seit das Fräulein im Waisenhaus erschien, war es jedoch nicht mehr so schlimm. Diese Aufgabe übernahm seit dem meist Bruder Nicolas. Mit ihm war das einfach nicht mehr so schlimm. Er fragte bei fast jedem Schlag. „Und? Geht es? Ist es zu fest mein Junge?“ Oft stellte ich mir die Frage warum er nicht zu den Bibelmenschen wechselte. Doch wer sollte uns dann beschützen? Ich liebte diesen alten Mann!

Einige male erwischte mich aber doch der Kaplan. An diesen Tagen vielen mir das Zeitung austragen und meine sonstigen Aufgaben schwer. Jürgen merkte es immer sofort und schickte mich jedes mal nach Hause.

Was blieb waren also die Pflichten im Heim, mein Status als Allesreparierer dort und die Aufgaben die ich beim Hausmeister der Bibelmenschen übernahm. Diese wurden immer umfassender, was mich sehr stolz machte. Doch nie wurden es so viele das ich es nicht schaffen konnte. Im Gegenteil! Jürgen achtete genau darauf, das ich mir nicht zu viel aufhalste.

Eigentlich hätten es die schönsten Sommerferien sein können, die ich bis dahin erlebte.

Doch das Geschehene lag wie ein Schatten auf diesen.

Eine Woche vor dem Ende der Ferien wurde ich zum Dekan gebracht. Ich sollte meine besten saubersten Sachen anziehen, keinen von den komischen Anzügen aus dem „Ankleideraum“. Dieses mal kam er nicht in das Waisenhaus, sondern ich musste in die Kirche im Ort gebracht werden. Was an sich schon sehr ungewöhnlich war. Als ich vom Kaplan zu seinem Auto gebracht wurde konnte ich noch einen Blick in den Schlafsaal erhaschen und sah, das mein Bett abgezogen und meine Matratze zusammengerollt war. Was das bedeutete war mir sofort klar.

Mir lief es kalt den Rücken herunter. Zu fragen was eigentlich los war, das war mir klar, war bei dem Kaplan vollkommen sinnlos. Es war offensichtlich so das ich dorthin nicht wieder zurückkehren würde. Trotz allem, Dem harten Leben in diesem Waisenhaus, den schlagenden Priestern, der Armut. Trotz allem, war es mein Bett. Mein Platz, mein Zuhause. Es war das einzige Zuhause das ich kannte, das einzige das ich hatte. Der einzige feste Platz in meinem Leben. Den ich, so wie es jetzt aussah nicht wiedersehen würde. Als ich das erkannte, wurde ich wie taub. Ich ging, ich atmete, ich sah mich um. Aber ich spürte nichts mehr in diesen Momenten. Als ich fragte, sagte der Kaplan das sich meine Sachen schon in seinem Auto befanden. Einfach so, ohne ein weiteres Wort.

Meine Sachen bedeutete meine Tasche. Denn alles was ich besaß hob ich in einer Tasche auf. Ich besaß nicht viel.

Was diese Momente so schrecklich für mich machten war, das niemand mir etwas sagte! Keiner Sprach mit mir. Ich wusste nicht im geringsten was passiert war, oder geschehen würde, und warum. Dachte schon ich würde an irgendwelche Kinderhändler weggeben überlegte was ich verbrochen hatte. Meine Fantasie schlug Purzelbäume. Auf den wenigen Metern zwischen Tür und Auto überlegte ich drei mal einfach weg zu rennen! Traute mich aber nicht. Auch weil die Angst mich lähmte.

Wir gingen zu seinem Auto, einem schwarzen Opel Rekord mit dunkelroten Sitzen, und stiegen ein. ich sollte hinten auf der riesigen Rückbank Platz nehmen. Dort lag auch meine Tasche mit meinen wenigen Sachen. Der Kaplan setzte zurück und fuhr langsam los. Ich kam mir vor wie ein Tier das zum Schlachter gebracht wurde.

Viele der anderen Jungs standen auf dem Hof und sahen mich an. Einige fragend, die meisten ängstlich.

Wir fuhren zur Kirche. Wortlos während der ganzen Fahrt. Ich war derart aufgeregt, das ich weiterhin nichts um mich herum wahrnahm, außer dem Schloss des Handschuhfaches vor mir, das ich die ganze Zweit anstarrte. Die Hände verkrampft zwischen den Knien. Meine Fingernägel gruben sich in meine Handflächen, bis es weh tat. Das zumindest spürte ich. Als wir an der Kirche ankamen gingen wir, immer noch wortlos, hinein und ohne anzuhalten zügig in in das Vorzimmer des Dekans, was mich erst einmal beruhigte. Zumindest die Kinderhändler waren vorerst ausgeschlossen.

In dem Wartezimmer standen drei große schwarze lederne Sessel in denen wir Platz nehmen sollten. Die freundliche Sekretärin des Dekans brachte mir einen Keks und dem Kaplan der mich keine Blickes würdigte, einen Kaffee. Die Standuhr tickte laut. Mit jedem ticken lauter fand ich. Wie wir dort saßen nahm ich mir den Keks und sah mich an diesem knabbernd mit einem beklemmendem Gefühl um. Die dunklen Einbauschränke waren voll mit Büchern. Verschiedenen Bilder von Jesus Christus und einer Marienstatue. In einem goldgefassten Rahmen hing ein Bild des Papstes an der Wand. Über der Tür die zu seinem Büro führte ein goldenes Jesuskreuz. Auf dem Boden lag ein gepflegter grauer Teppichboden, der jeden Schritt schluckte. Für mich war all das eine andere Welt.

Unterbrochen wurde die tickende Stille nur von der Sekretärin, wenn sie mit irgendwelchen Papieren Raschelte oder etwas tippte. Meine Ohren begannen zu rauschen und es juckte mich überall. Es war mir unmöglich still zu sitzen.

Da saß ich in meinen kurzen abgetragenen Hosen mit meinen verschorften Knien. Die Kniestrümpfe nach unten gerutscht, meine alten Sandalen vielen fast auseinander. Mein kariertes Hemd war ebenfalls zerschlissen. Meine Sachen waren sauber aber abgetragen. Genaugenommen waren sie schon abgetragen als ich sie bekam. Erst jetzt viel mir selber auf das ich keinen dieser Anzüge anhatte, mich also nicht umziehen musste. Keiner war mit mir in die Kammer gegangen um mich aus dem Heimfundus raus zu putzen. Selbst meine Haare waren nicht gekämmt und noch ganz strubbelig! Die Sekretärin schien bemerkt zu haben wie ich mich begutachtete, denn sie sagte. „Es ist alles gut mein Junge. Mach dir keine Gedanken!“ Was den Kaplan veranlasste mich kurz anzusehen und die Stirn zu runzeln. „Ich weiß nicht was sie an dir findet!“ sagte er. „Das müssen sie auch nicht!“ Antwortete ihm die Sekretärin herablassend. Es war klar das er mich meinte aber wer war sie“? Oder war es doch möglich?

Nach einer Ewigkeit wie mir schien hörte wir plötzlich die Stimme des Dekans aus einem Lautsprecher auf dem Schreibtisch der Sekretärin, die zu meiner Verwunderung nicht nur sehr jung und hübsch war, aber vor allem keine Nonne.

Sie können den Jungen jetzt hereinbringen Fräulein Degenhardt!“

Sehr wohl euer Hochehrwürden.“

Sie nickte dem Kaplan zu, stand auf und kam zu mir. Reichte mir die rechte Hand und sagte.

Hab Vertrauen kleiner Johannes, komm wir müssen zu dem Dekan. Du bist ein glücklicher kleiner Junge. Ab jetzt wird es für dich besser werden.“ Einen Moment sah ich sie, dann ihre Hand an.

Los jetzt Junge. Der Dekan wartet nicht ewig!“ raunzte der Kaplan mich an.

Ich nahm ihre Hand und stand auf. Doch bevor wir gingen sah sie voller Abscheu noch einmal den Kaplan an, der ihren Blick mit einem säuerlichen Grinsen erwiderte.

Dann gingen wir in das Büro des Dekans. Die zweiflügelige Tür schwang auf und was ich jetzt sah, prägte sich mir bis an mein Lebensende ein!

Vor dem riesigen Schreibtisch stand ein kleiner Kaffeetisch an dem der Dekan und das Fräulein von Alverdissen Tee trinkend saßen. Ein dritter Stuhl der dort stand war unbesetzt.

Als ich hereinkam unterbrachen sie ihr Gespräch und blickten mich an. Das Fräulein stand sogar auf auf und Lächelte was mir schon etwas unheimlich war. Denn außer Walter und Thea und ihren Bibelfreunden, lächelte mich normalerweise keiner an. Mit einem Stich in meinem Herzen dachte ich an Frau Köhler. Sie würde mich nie wieder anlächeln.

Johannes? Ist alles gut mit dir?“ sagte das Fräulein.

Setz dich doch einfach zu uns und lass uns etwas besprechen!“ Wunder, über Wunder! Doch ich konnte mich nicht rühren, so eingeschüchtert wie ich war.

Kapitel 3. /4

Theodora von Alverdissen

Ich war im Moment einfach unfähig mich zu bewegen. Auch mein Gehirn war unfähig sich zu bewegen. Ich hörte die Worte, doch ich konnte sie nicht erfassen. So schnell wie sie in mein Gehirn drangen, verflüchtigten sie sich wieder. Mir war schlecht und ich hatte Angst. Frau Degenhardt neigte sich zu mir herunter, „Johannes?“ sagte sie mit sanfter Stimme. Aber ich konnte mich nicht bewegen. Stand mit hängenden Armen einfach nur so da.

Sie stellte sich hinter mich und legte mir ihre Hände behutsam auf meine Schulter. Ich folgte dem sachten Druck von Fräulein Degenhardts Händen, die mich zu dem freien Stuhl geleitete und als sich alle setzten half sie mir mit einem milden Lächeln mich ebenfalls zu setzen. Dann stellte sie mir eine Tasse Kakao hin und ging. Für einen Moment saß ich dann da und sah vom einen zum anderen. Den Keks, wie einen wertvollen Schatz, immer noch in der Hand haltend.

Der Dekan sah zumindest nicht unfreundlich aus, eher geschäftsmäßig. Das Fräulein Alverdissen hingegen schien mich immer noch leicht an zu lächeln.

Es war der Dekan der anfing zu sprechen. Im Moment so schien es, war es ihm egal ob ich überhaupt aufnahmefähig war.

Nun Johannes wie ich höre hattest du deinen zwölften Geburtstag, alles gute dafür. So langsam kommst du in ein Alter in dem man dich schon fast als einen kleinen Mann betrachten kann. Im Waisenhaus könntest du jetzt am Religionsunterricht teilnehmen.“

Ja, dachte ich. Ein Mann. Vor allem wenn man in eurem Waisenhaus groß wird euer Hochehrwürden! Hütete mich aber etwas zu sagen. Immerhin schien mein Hirn wieder durchblutet zu werden.

Jetzt liegt ein neuer Weg vor dir, und es ist unser Wunsch…..“

bei diesen Worten räusperte sich das Fräulein und sah ihn scharf an.

Fräulein von Alverdissens Wunsch ist das du verstehst warum das was jetzt geschieht so wichtig ist für dich!“ Fuhr er fort. Man konnte ihm jetzt aber eine gewisse Verunsicherung ansehen.Aber er hatte sich schnell wieder im Griff. „Du wunderst dich sicher warum du hier bist. Es war der persönliche Wunsch des Fräuleins von Alverdissen das wir jetzt hier zusammensitzen und das ich dir genau erkläre warum.“ er unterbrach kurz seine Rede und sah sie an, ich folgte seinem Blick. Sie nickte kurz und forderte ihn auf weiter zu sprechen.

Fräulein von Alverdissen möchte das du zu schätzen weist was das bedeutet.

Wie du weist ist es eine Aufgabe des Waisenhauses, aus euch ehrliche, ehrbare und gesetzestreue aber vor allem gottesfürchtige Menschen zu machen. Die den Wert der Dinge zu schätzen wissen. So das ihr einen rechten Platz in unserer Gemeinschaft einnehmen könnt, und somit zu wertvollen Menschen werdet.

Eine weitere ist es euch an die Bauern und Handwerkerfamilien in der Umgebung zu vermitteln, die bereit sind auch aufzunehmen. Diese wissen zu schätzen welche Rohdiamanten unser Waisenhaus verlassen. Und geben den Kindern die sie aufnehmen den weiteren letzten Schliff fürs Leben. Viele bekommen sogar eine Ausbildung. Deswegen bekommen wir, nun, nennen wir es einen Obolus dafür wenn wir euch an sie abgeben. Das ist Teil des Vertrages. Denn immerhin bedeutet es viel Arbeit und Zeit aus euch diese Rohdiamanten zu formen die ihr dann seit. Und das bedeutet natürlich auch Kosten!“

Es ist ja nicht so das ihr Waisenhaus aus Steuergeldern finanziert wird.“ Warf Fräulein von Alverdissen ganz beiläufig ein. Da ich nicht wusste was Steuergelder sind, verstand ich das nicht.

Das Fräulein von Alverdissen hat dich nun aus einem solchen Vertrag herausgelöst um dich aufzunehmen. Noch kannst du es nicht, aber bald wirst du ermessen können wie dankbar du ihr dafür sein kannst. Warum sie das alles für dich tut wird sie dir noch erklären.“ sagte der Dekan ungerührt.

Da er eine kleine Pause machte wagte ich zu fragen.

Euer Hochwürden und Euer….. Fräulein….. , ich verstehe nicht was das bedeutet? Was heißt herauslösen?“

Falsche Reihenfolge. Der Adel kam hier zuerst. Aber das würde ich noch lernen. Deswegen sagte sie.

Ein Rohdiamant, fürwahr.“

Schweig Junge!“ herrschte er mich an. Das Fräulein hob nur die Hand und er fuhr Butterweich fort.

Johannes. Das bedeutet das Fräulein von Alverdissen bereit ist dich an Kindes Statt bei sich aufzunehmen.

Wirklich?“ sagte ich mit weit aufgerissenen Augen. Jeder im Heim wusste was „an Kindes Satt“ bedeutete!

Ja mein Junge. Du kommst heraus aus diesem Rohdiamanten produzierenden und teuer verkaufenden Haus.“

So ist es.“ sagte der Dekan nur knapp.

Aber dank dir, wird das ja jetzt ein Ende haben, nicht war Herr Dekan? Oder möchten sie das dass Fürstenhaus von ihrem Treiben erfährt?“

Aber Fräulein von Alverdissen, sie wollen doch sicher nicht den Unmut des Heiligen Stuhles auf sich ziehen?“

Diese antwortete jetzt mit eiskaltem messerscharfem Unterton.

Wer hier welchen Unmut auf sich zieht bleibt abzuwarten. Denn, Herr Dekan, sie wollen doch sicher nicht meinen Unmut und den des Fürstenhauses auf sich ziehen. Auf sich ganz persönlich. Also ich meine nur auf sie. Sie sollten sehr vorsichtig sein wem sie womit drohen. Denn sie haben nicht das Blatt dafür. Diese Umstände werden umgehend abgestellt! Sie werden sich nicht eine Sekunde länger an diesen armen Kindern persönlich bereichern.“

Dieser Disput hörte sich nicht gut in meinen Ohren an und auch wenn ich keine Ahnung hatte worüber die beiden redeten, saß ich wie ein Häufchen Elend zwischen ihnen und sah meine Felle schon wieder davonschwimmen.

Als sie aufstand und kurzerhand sagte. „Komm Johannes mein lieber. Ich denke der Herr Dekan hat verstanden und ist jetzt fertig! Ich bin mir sehr sicher er wird jetzt das richtige veranlassen.“

Da ich in keinster weise den Unmut dieser Frau erregen wollte, nahm ich ihre Hand die wie ich jetzt bemerkte in schwarzen Spitzenhandschuhen steckte und stand ebenfalls auf. Als wir gingen sah ich nur sie, wie sie neben mir herging. Ich sah zu ihr auf und ignorierte alles um mich herum. Sah nicht den mürrischen Kaplan und das mir die Sekretärin verstohlen zuwinkte.

Das Fräulein war eine gepflegte Frau in schon fortgeschrittenem Alter. Die grauen Haare dezent überdeckt. Jetzt kam sie mir überhaupt nicht verhärmt vor. Für mich war sie in diesem Moment die schönste Frau auf Erden! Mit einer damals üblichen Dauerwellenfrisur.

Geschminkt war sie immer eher dezent. Sie trug in der Regel Kostüme in gedeckten Farben, Blusen mit hohem Kragen und immer diese Spitzenhandschuhe. So wie heute auch. Gelegentlich trug sie auch Hauben, oder Damenhüte. Heute als erwachsener Mann würde ich sagen; immer alles stimmig und gepflegt. Nur etwas altmodisch. Man könnte auch sagen klassisch!

Erst als wir im Auto saßen begann ich zu glauben das ich wirklich nicht mehr zurück musste. Trotz des leisen Bedauerns wegen all meiner Freunde dort in mir, erfüllte mich doch noch mehr Freude. Oder besser eine Euphorie. Ich fühlte mich zwar sicher, doch tief in mir drinnen war immer noch ein Rest Misstrauen. Dieses Misstrauen würde mich noch sehr lange begleiten. Fast mein ganzes Leben!

Der Dekan sagte das sie mir alles erklären würde, deswegen nahm ich allen Mut zusammen und fragte. „Fräulein von Alverdissen? Was passiert jetzt mit mir?“

Wieso fragst du mich das?“

Ich, ähh, na ja ,also im Waisenhaus werden so Sachen erzählt.“

So Sachen? Welche so Sachen werden denn erzählt?“

Sie war vollkommen ruhig. Der Chauffeur stieg ein und sie hielt ihn an zu warten. Wieder nahm ich allen Mut zusammen. „Na so Sachen eben. Keiner hat mir gesagt was heute geschieht und ich frage mich ob , na ja ob….. Sie erzählen das Kinder verschwinden und so.“ sagte ich schließlich matt. Keine Ahnung wie sie jetzt reagieren würde. Doch sie lächelte nur milde.

Es wird dir nichts geschehen mein Kind. Aber habe ich das richtig verstanden? Keiner hat dir gesagt warum du heute zum Dekan kommen solltest? Sie haben einfach deine Sachen gepackt und dich weggebracht?“

Ich nickte stumm.

Also das ist doch! Dieser unmögliche Mensch! Dieser…. dieser!“ Dann schüttelte sie nur noch den Kopf und drehte sich zu mir herum.

Johannes, sieh mich an! Sie mich an! Es wird dir nichts passieren, hörst du? Wir fahren jetzt nach Hause. Und ich hoffe sehr, das du es irgendwann auch als dein Zuhause ansiehst. Was hältst du davon!“ „Ja, das wäre schön Fräulein von Alverdissen.“

Ich habe gehört das du Schlafwandelst, ist das richtig?“ „Ja.“

Nun, auch dafür werden wir eine angemessene Lösung finden, nicht war?“

Eine ohne Schläge?“

Grundgütiger ja! Willst du damit sagen das…“ sie sprach nicht zu ende, sondern schüttelte nur den Kopf. Dann sagte sie.

Ja mein Kind, eine ohne Schläge. Ist das nicht schön?“

Wieder nickte ich stumm und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Sie lächelte zurück und klopfte zwei mal auf den Fahrersitz. Dann ging es los!

Während der Fahrt sah ich mich in ruhe um. Sah die Straßen, Häuser, Bäume, Menschen, sah wie alles an uns vorbeiglitt. Das Innere des edlen Autos. Immer wieder sah ich Fräulein von Alverdissen an und hoffte inständigst das ich nicht träumte. Was wohl Walter und Thea sagen würden wenn sie wüssten was gerade geschah? Sie würden sich sicher sehr freuen für mich.

Was ich noch nicht wusste war, das ich meine lieben Bibelfreunde auch in Zukunft sehen würde. Denn Walter und Thea durften mich jederzeit besuchen, und auch umgekehrt. Denn mein neues Zuhause war nicht weiter weg von ihnen als das Waisenhaus und sogar näher an den Wackelsteinen. Aber das wusste ich alles noch nicht.

Und das das Fräulein einiges von mir erwartete. Es würde nicht einfach werden dieses zu erfüllen. Aber alles war für mich besser, als das Waisenhaus.

Doch ich greife den Dingen vor.

Ich saß neben ihr! So voll! Voller Gefühle, voller Gedanken! Ob ich Marcus Christianus jemals wiedersehen würde? Damals hatte ich keine Ahnung warum ich gerade jetzt an ihn denken musste. Ihre Hand lag neben ihrem Oberschenkel auf dem Sitz und ohne das ich darüber nachdachte, einer plötzlichen Eingebung folgend, ergriff ich sie. Sie war warm und fühlte sich schön an. Überrascht sah sie mich, dann meine Hand an, dann drückte sie meine Hand ganz leicht und sah wieder nach draußen. Ich ließ sie erst wieder los, als wir ausstiegen. Es war das einzige mal, das sie etwas derart vertrauliches zuließ. Dennoch hatte ich nie Zweifel, was sie für mich empfand.

– Luke Elljot –

Kapitel 3. /5

Theodora von Alverdissen

Schließlich bogen wir von der Hauptstraße ab und auf eine kleine Zufahrtsstraße. Sie führte direkt zu einem großen Herrenhaus. Aus großen grauem Stein gemauert, links und rechts zwei kleine Türme. Es sah fast aus wie ein kleines Schloss ohne Brustwehr mit Zinnen.

Dann kamen wir an einem großen eisernen Tor an. In der Mitte des Tores befand sich etwas das aussah wie ein Wappen. Ein Mönch der vor einer Linde kniete und betete. Die Linde war mit ihren Ästen geformt wie ein Kreuz. Auf der anderen Seite ein Aufbäumendes Pferd. Zusammen eingefasst von so etwas wie einem Lorbeerkranz. Auf meine Frage was das bedeutete, gab mir das Fräulein unmissverständlich zu verstehen, das ich diese Frage niemals wieder an sie richten sollte und das niemand außer ihr wusste welch Bedeutung dieses Wappen hatte. Niemals würde ich von ihr den Sinn dieses Wappens erfahren! Das Tor schwang wie von Geisterhand zitternd auf und gab den Weg zu einem mit weißem Kies belegtem Weg frei. Er führte durch den sehr gepflegten Rasen bis vor den Haupteingang in ein kleines Rondell. Breit genug, um auch für Gegenverkehr Platz haben. Auf dem Grundstück verteilt standen riesengroße uralte Linden und einige Buchen. Knirschend blieb der Wagen vor einer breiten Treppe mit vier Stufen stehen. Die mit Nieten verzierte große zweiflügelige Tür schwang auf und zwei Personen kamen heraus. Die Haushälterin und der Butler wie ich später erfuhr.

Der Fahrer stellte meine Sachen vor der Treppe ab und fuhr wieder davon.

Diese beiden Bediensteten waren der einzige Luxus, wie es das Fräulein nannte.

Das Haus selber war zwar groß, aber eher Praktisch eingerichtet. Neben dem großen Salon mit einem riesigen offenen Kamin, gab es im Erdgeschoss noch die Schlafräume für den Butler und die Haushälterin, sowie zwei Gästezimmer. Dazu noch eine große altertümliche Küche und Lagerräume, sowie ein Raum der nach hinten rausging in dem Gartengeräte und Werkzeug aufbewahrt wurden. Es diente als eine Art kleine Werkstatt und wurde von mir sozusagen annektiert.

Die persönlichen Gemächer des Fräuleins die keiner betreten durfte, eine extra Bad, mein Zimmer und zwei Büroräume im ersten Stock. Letztere konnte man auch noch als zusätzliche Gästezimmer umrüsten. Was solange ich dort lebte nie vorkam. Überhaupt bekam das Fräulein nicht all zu oft Besuch.

Der zweite Stock war ein riesengroßer Dachboden, mit allerlei Geheimnissen die noch entdeckt werden wollten.

Alles ohne Schnickschnack wie es das Fräulein immer nannte.

Mein Zimmer! Das stelle man sich nur vor! Mein eigenes Zimmer! Im ersten Stock!

Das alles sollte ich noch zu sehen bekommen. Heute sah ich einstweilen nur Türen, den Salon in dem wir reden würden und mein Zimmer. Ja und noch einmal! Mein Zimmer!

Da ich das alleine schlafen nicht gewohnt war, würde es eine unruhige Nacht werden.

Einstweilen stand ich aber neben dem Fräulein, sah dem Butler und der Haushälterin entgegen und sah mich um. Das ganze Grundstück war umgeben von einer Mannshohen Mauer aus dem gleichen Stein wie das Haus. Es wäre groß genug gewesen um mit den Jungs hier Fußball zu spielen. Da hätten die riesigen Bäume auch nicht gestört. Als ich an sie dachte, wurde es mir ein wenig wehmütig. Dass hätte ich nie erwartet. Auch wenn ich sie nie vergessen sollte, währte dieses Gefühl nicht all zu lange.

Beide, Butler und Haushälterin, entsprachen allen Klischees die man mit diesen Berufen verbindet. Nur das der Butler vielleicht etwas zu dicklich war und sie etwas zu schlank.

Entsprechend vielen die Begrüßungen aus. Das Fräulein stand freundlich distanziert daneben und ließ es geschehen. Überschwänglich wurde ich von Frau Everding, Genannt Anne, begrüßt. Die mehrfach betonte was ich doch für ein stattlicher junger Mann sei und welches Glück sie doch hätten das ich jetzt bei ihnen wohnte. Das Fräulein schüttelte nur lächelnd den Kopf. Der Butler den ich einfach nur Anton nennen sollte war eher freundlich reserviert. Ich erfuhr nie ob dies sein richtiger Name war.

Er nahm mein spärliches Gepäck, ohne eine Miene über den Zustand meiner Tasche zu verziehen. Es war das letzte mal das ich sie sah. Nachdem er meine paar persönlichen Sachen in mein Zimmer brachte verbrannte er sie. Keine Kleidung kam in mein Zimmer. Nur mein Tagebuch und das Buch das ich von Jürgen bekam, sowie meinen „Glücksstein“, mein Taschenmesser und ein kleines silbernes Kreuz, das mir Walter schenkte. Das war es. Zu meinem Glück sah der Kaplan anscheinend nicht in die Tasche hinein, denn dann wären das Buch von Jürgen und das silberne Kreuz von Walter weg gewesen. Da ich keinen eigenen Spind oder Nachttisch besaß, bewahrte ich alles einfach in der Tasche auf die immer unter dem Bett lag. Wir Kinder beklauten uns nicht.

In meiner Zeit im Waisenhaus erlebte ich einmal das ein Junge klaute. Was dann mit ihm geschah, schreckte jeden der dabei war ab, so etwas selber zu tun. Wir regelten das unter uns. Manche von den Jungs kannten da keine Gnade. Wir erzählten dann dem Kaplan er wäre aus dem Baum gefallen.

Die wichtigen Dinge versteckte ich in meiner Unterwäsche. Vorzugsweise in der dreckigen. Da guckte bestimmt keiner nach.

Was meine Tasche anging, wurde bis auf diese paar Sachen, alles andere mit der Tasche verbrannt und ich vermisste sie nicht, und auch nicht ihren Inhalt.

Die nächsten zwei Stunden verbrachte ich mit offenem Mund und großen Augen staunend. Das Fräulein von Alverdissen zog sich müde zurück und Anton zeigte mir im Schnelldurchgang das Haus und das Gelände.

Das Fräulein war sicher nicht arm, aber zu sagen sie wäre steinreich war ebenso falsch. Sie selber sagte immer „ich komme klar!“ Doch sie musste gut haushalten. Solch ein Besitz wollte erhalten werden. Für eine alleinstehende Frau keine leichte Aufgabe. Und da kam ich mit meinem handwerklichem Geschick und der kleinen Werkstatt ins Spiel. Denn an solch einem Haus, das schon so alt war, gab es immer etwas zu tun und zu reparieren.

Es ging mir bei ihr wirklich gut und was ich tat, tat ich sehr gerne und freiwillig. Mein Talent war hier gut angebracht. Und dank des Fräuleins konnte ich auch bei einigen Handwerkern noch viel dazulernen. Doch ich greife den Dingen wieder vor.

Sehr lange blieben Anton und ich in der Werkstatt. All diese wundervollen Werkzeuge wollten genau inspiziert werden. Ich liebte Holz und hier fand ich alles was ich brauchte. Über die Schneiderpuppe die dort stand, gab Anton mir keine Auskunft.

Das ich ein eigenes Zimmer bekam realisierte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht. Doch etwas anderes realisierte ich langsam. Das ich wirklich Glück hatte! Und deswegen erfüllte mich eine tiefe Dankbarkeit. Gut das ich neulich nicht abgehauen war. Dafür wollte ich Marcus Christianus gerne danken!

Gerade waren ich fertig alles zu inspizieren, da rief Anne zum Kaffee und Kuchen. Genauer mich. Von der Werkstatt aus mussten wir das ganze Erdgeschoss durchqueren. Ich sog alles was ich sah ein wie ein Schwamm auf. Diese ersten Minuten und Stunden werde ich nie vergessen.

Was mir vor allem auffiel waren die Bilder und Symbole die überall hingen und standen. Besonders viel mir ein goldenes Kreuz auf. Es hing gleich im Eingangsbereich an der Wende des Treppenaufganges hoch in den ersten Stock. War aber auch von unten nicht zu übersehen. Aber statt diesem armen abgemagerten, leidenden Mann befand sich in der Mitte des Kreuzes eine wunderschöne goldene Rose. Aber auch andere Zeichen Symbole waren zu sehen. Zum Beispiel ein Bild von einem Mann, der mit ausgebreiteten Armen in einem Kreis, Quadrat und eine Dreieck stand. Später wurde mir erzählt das ein Bild von Leonardo da Vinci als Vorlage dafür diente. Oder umgekehrt, ich weiß es nicht mehr.

Auch ein Pentagramm konnte ich sehen. Das kannte ich vom Religionsunterricht. Bilder einer siebenstrahligen Sonne. Deren einzelne Strahlen wieder aus sieben Strahlen bestanden und in deren Mitte sich ein Herz befand. Auf einer Kommode stand eine Kleine goldene Statue die einen Frauenkopf darstellte die den Finger an die Lippen legte und zur Ruhe mahnte. Ein anderes Bild zeigte einen Kelch auf dem ein M stand. Auf diesem Kelch stand ein Dreieck auf der Spitze und in diesem etwas das aussah wie ein runder Tisch. Und Wellen, und Wolken eine Sonne und vieles mehr. Ich verstand das alles nicht. Verschiedene Heiligenbilder und weitere Symbole. Anton bemerkte das dass Fräulein so etwas sammelte. Alte Symbole der Ägypter, der Maya und aus Indien oder so. Aber ich verstand das Fräulein von Alverdissen anscheinend gläubig war. Ein wenig brachte es mir ein beklemmendes Gefühl, da ich es nicht einordnen konnte. Denn dieser Glaube hatte nichts mit der Kirche zu tun. Und das war das einzige was ich kannte.

Vor allem viel mir auf, das keines dieser Bilder oder Symbole mir Angst machte. Ganz im Gegenteil!

Bei einem dieser Symbole blieb ich sogar stehen um es genauer zu betrachten. Für einen Moment vergaß ich die Welt um mich herum! Ich kannte dieses Symbol. Aber woher? Ein großer Kreis, der einen kleinen Kreis auf dem ein Kreuz stand umschloss. Der kleine Kreis wurde durch einen Strich in zwei Hälften geteilt. Dass hatte ich schon einmal gesehen!! Anton räusperte sich, was mich wieder zurück holte!

Wir betraten den Salon, in dem schon eine Kaffeetafel hergerichtet war. Sofort ins Auge viel der riesige Kamin und ein Mannshohes Bild auf der gegenüber liegenden Seite. Über dem Kamin hing ein Rahmen mit einer Inschrift.

Wahrlich, wahrlich ich sage euch:

Wenn jemand mein Wort bewahrt,

wird er den Tod in Ewigkeit

nicht sehen.“

Johannes Evangelium 8.51

Darunter auf einem Sims stand ein siebenarmiger Kerzenleuchter.

Da kam Fräulein von Alverdissen ebenfalls herein. Anton zog sich zurück und plötzlich waren wir allein.

Besonders dieses riesige Ölgemälde tat es mir an. Es nahm sicher die ein drittel der Wand ein. Das Fräulein erkundigte sich was ich schon alles gesehen hatte und wie es mir hier gefiel. Aber während des Gespräches musste ich es immer wieder ansehen denn es hing direkt hinter dem Fräulein. Auch später stand ich immer wieder davor und entdeckte jedes mal irgend eine neue Kleinigkeit.

Dort war vor einem aufgewühlten gewittrigem Himmel, ein wilder bärtiger sehr muskulöser Mann abgebildet. Seine weite Kleidung wehte im Wind. Er hielt ein riesiges Gefäß in den Händen, aus dem endlos Wasser zu fließen schien. Er stand barfuß auf spitzen zerklüfteten, kantigen Felsen und das Wasser floss auf ein Meer von Rosen.

Als wir uns beide gegenüber saßen bemerkte sie meine Blicke. Drehte sich zu dem Bild um und sagte. Mir den Rücken zugewandt.

Das ist Aquarius der Gott des Wassers. Es ist auch ein Sternzeichen. In dessen Zeitalter wir laut der Astrologie gerade eingetreten sind. Was laut verschiedener mystischer Weissagungen mit großen Veränderungen einhergeht.“

Dann sah sie mich wieder an und musste an meinem Blick erkannt haben das ich jetzt mehr Fragen hatte als zuvor.

Keine Sorge, wir werden noch viel miteinander reden mein Junge.“

Ich konnte nur stumm nicken.

Kapitel 3. /6

Theodora von Alverdissen

Nun gut Johannes. Es gibt also noch einiges zu bereden, nicht war? Aber für Aquarius haben wir ja auch noch später Zeit?“

Ja Fräulein von Alverdissen.“ Antwortete ich brav. Und traute mich schon fast nicht mehr dieses wandfüllende Riesenbild überhaupt anzuschauen. Ich empfand es wie eine Mahnung. Eine Mahnung die Blumen die uns das Leben schenkte, immer zu Pflegen und zu gießen. So hätte ich es damals sicher nicht ausgedrückt.  Ich musste an Frau Köhler denken. In meinem jugendlich kindlichen Geist erkannte ich noch nicht, das manche Rose auch messerscharfe Dornen hat.

Ich bin bis heute der festen Überzeugung, das das Leben immer ein Geschenk ist! Auch wenn es all zu oft nicht zu erkennen ist. Wir müssen uns lösen von unserer übertriebenen Selbstbetrachtung. Wir sind letztendlich auch nur verschiedene Variationen des Großen und Ganzen. Und jede Erfahrung zählt!

Doch Fräulein von Alverdissen sprach weiter.

Und genau damit wollen wir beginnen. Wenn es dir recht ist möchte ich das du ab jetzt Mutter zu mir sagst!“

Mutter?“ Nicht nur das es sehr altmodisch klang. Es wurde noch besser.

Ich möchte das du Mutter sagst und mich weiterhin siezt.“

Ja Mutter!“ antwortete ich etwas verwirrt. „Ich werde sie ab jetzt Mutter nennen Fräulein….. ich meine Mutter.“

Gut, gut. Ich sehe du bist schnell im Geist.“ Ich wusste nicht ob das wirklich ein Lob war. Sie sah mich nachdenklich an. „Und gehorsam. Was hier in diesem Haushalt für ein Kind eine unschätzbare Eigenschaft ist! Zumindest das ist etwas positives was ihr in diesem unsäglichen Waisenhaus lernt. Aber nun gut

Es ist für dich heute viel passiert, nicht war“ Ich nickte stumm. „Ja, der Tag ist fortgeschritten und du hast heute viel erlebt. Und ich denke es wäre jetzt langsam gut für dich wenn du etwas zur Ruhe kämst. Anne wird dir gleich dein Zimmer zeigen. Dort kannst du dich einrichten und ausruhen. Es ist dein Zimmer. Dieses Zimmer ist nur für dich. Anton wird dich dann zum Abendessen abholen. Alles klar?“

Aufmerksam sah sie mich an.

Ja Mutter.“ Zufrieden nickend sagte sie.

Du kommst aus einem Katholischen Waisenhaus und deswegen verstehst du dich sicher auf die Bibel. Da du sicher bemerkt hast das auch ich ein gläubiger Mensch bin, wirst du sicher verstehen das es diesbezüglich auch hier christliche Regeln gibt. Wir werden auch darüber noch sprechen nicht war? Aber mach dir deswegen keine unnötigen Gedanken. Alles zu seiner Zeit. Doch jetzt nimm dir von dem Kuchen und dem Kakao. Guten Appetit.“

Für mich war das alles sehr irreal. Ich dachte jeden Moment ich würde erwachen. Doch ich erwachte nicht. Erst langsam kam die Freude. Wie ein verstörter kleiner Hund lugte sie hervor. Bereit sich sofort wieder zu verstecken und in Sicherheit zu bringen wenn nötig.

Die Freude darauf mein Zimmer zu sehen. Mein neues Leben zu entdecken. Ich würde diese Nacht nicht mit dreißig anderen Kindern in einem Raum schlafen, sondern für mich ganz alleine! Oder war ich im Himmel? Johannes Morgenrot, der kleine Junge der die Zeitung austrug und Dinge sah die keiner sonst sah. Der nichts hatte, würde in seinem eigenen Zimmer schlafen. Das konnte nur der Himmel sein. Vermutlich war ich gestorben und wandelte jetzt im Kinderhimmel.

Nein Johannes! Du träumst nicht!“ sagte Mutter und las anscheinend meine Gedanken.

Fräulein von Alverdissen wa….. ich meinte Mutter, warum habt ihr ausgerechnet mich aus dem Waisenhaus geholt?“

Weil du ein reizender Junge bist Johannes. Und weil deine Geschichte so sehr traurig ist und mich berührt hat. Aber wir werden darüber später später noch genauer reden. Wir haben noch viel Zeit dafür.“ Ja. Man kann über Mutter vieles sagen, aber eins nicht. Das sie nicht zuhörte und mit mir redete. Dafür hatte sie immer Zeit, oder nahm sie sich.

„Du hast jemanden kennengelernt, über den ich noch mehr wissen möchte. Jetzt trink deinen Kakao bevor er kalt wird und dann rufen wir Anne. Glaube mir, dich erwartet noch einiges und ich erwarte einiges von dir. Du wirst mir zum Beispiel bei der Essenausgabe für die Bedürftigen helfen. Doch keine Sorge. Alles was du wissen musst, werden wir dir zu gegebener Zeit beibringen. Doch alles zu seiner Zeit.“

Jemanden kennen gelernt? Dachte ich. Wen habe ich den kennen gelernt?

Der Kakao schmeckte herrlich. Nie zuvor habe ich so etwas leckeres getrunken. Nicht zu vergleichen mit dem wässerigen Zeug aus dem Waisenhaus. Was Anne damit auch immer tat, außer dem Sahnehäubchen oben drauf und den Schokosträußeln. Sahne! Heute trank ich das erste mal in meinem Leben Sahne, Es war ein Wunder! Es musste ein Wunder sein. Der Himmel musst heruntergekommen sein. Das hier war der Himmel auf Erden. Dieser Moment durfte niemals zu Ende gehen!

Und auch der Kuchen schmeckte….. natürlich! Ich wohnte jetzt in einem Haus in dem es so lecken Kuchen gab, wie ihn auch Thea machte! Ich hatte eine Werkstatt! Ein eigenes Zimmer! Kuchen, Sahne, und ich saß mitten drin! Ich konnte nicht genug von all dem bekommen!

Johannes?“

Ja Mutter?“

Ich wollte wissen ob es dir schmeckt?“

Oh ja Mutter. Es Schmeckt so sehr. Ich habe noch nie etwas gegessen und getrunken was besser geschmeckt hat!“ antwortete ich wahrheitsgemäß! Das sie mich vorher schon zwei mal fragte, bekam ich überhaupt nicht mit, so vertieft war ich in mein drittes Stück Kuchen und meine zweite Tasse Kakao! Ich hatte wirklich Hunger.

Und genau so wie Mutter es sagte sollte es auch geschehen. Meistens geschah es so wie es Mutter sagte.

Anne kam um mit mir die breite Treppe zu meinem Zimmer rauf zu gehen. Vorher räumte sie aber noch den Tisch ab. Als ich ihr helfen wollte sagte sie dankend nein und ich solle sitzen bleiben. Dann, als sie fertig war stand ich auf und ging auf Mutter mit ausgebreiteten Armen zu.

Was willst du?“ fragte sie irritiert.

Ich fragte sie ob ich sie vorher nicht noch einmal in den Arm nehmen sollte. Das sah ich bei anderen Kindern, wenn sie sich von ihren Eltern verabschiedeten, und dachte das müsste so sein.

Johannes, du gehst nur in dein Zimmer, nicht auf eine Weltreise. Geh jetzt“ sagte sie mit einem leicht herablassenden Ton der deutlich ihr Unverständnis ausdrückte.

Ich kam mir jetzt zwar blöd vor, doch andererseits konnte ich nicht leugnen das mir ihre Reaktion recht gelegen kam. Ich war mit solcher Nähe ebenfalls nicht vertraut und mochte sie auch nicht. Denn wenn mir bis dahin Erwachsene näher kamen, dann meist erwachsene Männer und es war, irgendwie……… komisch. Daher war ich darum letztendlich nicht traurig und folgte Anne, die schon in der Tür stand und auf mich wartete.

Und dann gingen wir endlich hoch. So konnte ich mir auch das Kreuz genauer ansehen! Es sah einfach wunderschön aus! Eine goldene Rose auf einem goldenen Kreuz! Wunderschön. Allerdings musste ich mich sehr konzentrieren das ich nicht hin viel. Die Treppenstufen waren sehr tief und meine Aufregung tat ihr übriges..

Du darfst der Herrin nicht böse sein mein kleiner Johannes!“ sagte Anne während wir die Treppe hochgingen. „Sie hat das Herz auf dem rechten Fleck. Aber sie kommt aus einem sehr strengen Elternhaus und sie ist schon sehr sehr lange allein. Glaube mir, sie mag dich. Ansonsten wärst du überhaupt nicht hier.“

Ich wusste zunächst nicht so recht was ich sagen sollte. Dann sagte ich.

Mutter ist der großartigste und liebenswerteste Mensch den ich kenne!“

Anne blieb stehen und sah auf mich herunter.

Ja kleiner Johannes!“ dabei lächelte sie herzhaft. „Das glaube ich dir aufs Wort. Und ich glaube das sie es für dich auch immer bleiben wird.“

Immer!“ sagte ich nachdrücklich und voller Inbrunst. Und das blieb sie auch und würde sie immer bleiben. Bis heute füllt sie einen großen Teil meines Herzens aus! Mutter war hart! Aber nie, niemals herzlos!

Anne strubbelte meine Haare und nickte ebenfalls.

Dann wollen wir mal dein Zimmer anschauen.“

Oben ging nach rechts ein Flur zu den Räumen von Mutter und nach links zu meinem Zimmer.

Bevor ich dich in dein Zimmer bringe möchte ich dir eines noch sagen. Du kommst aus einem Waisenhaus und ich weiß das dort, auch wenn es ein Katholisches Haus ist, oft ein rauer Ton herrscht. Fräulein von Alverdissen legt wert auf einen gepflegten Umgangston. Hier im Haus oder in ihrer Nähe wird nicht geflucht, oder sich sonst irgendwie unflätig ausgedrückt.“

Anne, was ist unflätig?“

Keine Schimpfwörter. Es wird im Haus nicht geflucht und auch nicht gerannt. Zum Rumtoben haben wir einen großen Garten. Du wirst auch keine deiner Sachen hier irgendwo rumliegen lassen Verstanden ?“

Aber, aber ich habe keine Sachen die ich rumliegen lassen könnte.“

Ach Johannes. Das wird sich bald ändern mein kleiner Schatz. Das wird sich bald ändern. Aber du hast verstanden was ich meine.“

Ja, das habe ich verstanden.“

Um den Rest musst du dich nicht sorgen, denn wenn du dich daran hältst, kann vorerst nicht viel schief gehen. Jetzt los!“

Kapitel 4. /1

An Kindes Statt , oder mein neues Obdach

Noch vor kurzem stand ich im Waisenhaus auf dem Spielplatz und dachte über mein Leben nach.Und das mit zwölf Jahren. Glücklicherweise wusste ich bis dahin nichts über eine glückliche Kindheit. Später, als es mir klar wurde, hatte ich durch Mutter genug Großmut erlernt um es verzeihen zu können.

Wohin sollte es mich führen? Warum war ich überhaupt hier? Das waren die Fragen. Niemand der mich kannte, kein Platz zu dem ich gehörte. Die einzigen Menschen die mich schätzten waren die lieben Bibelmenschen. Und ein geheimnisvoller Druide, von dem ich mir noch nicht einmal sicher war, das es ihn wirklich gab. Eigentlich alles Fremde. Fremde die mir so nahe waren. Und jetzt? Jetzt stand ich in einem riesengroßen Haus vor der weißen Tür die in mein Zimmer führte. Neben dieser stand ein kleiner Tisch mit einem kleinen Strauß Blumen. Alles hier oben war weiß. Die Türen, die Türrahmen, die Fenster die Wände. Auch hier hingen einige Bilder die ich mir noch ansehen würde. Auf dem Boden lag dunkles Parkett.

Ich zeigte nach rechts auf die einzige weitere Tür in diesem kleinen Flur und fragte. „Wohin geht diese Tür?“

In dein Badezimmer.“

Mein Badezimmer?“ „Ja, dein Badezimmer mit der Toilette.“ Mein Badezimmer? Ich starrte auf die Tür als ob ich so Löcher in diese brennen könnte.

Aber jetzt geh erst mal rein.“ sagte Anne, öffnete die Tür zum meinem Zimmer und forderte mich so noch einmal auf hineinzugehen.

Geh in dein Zimmer und finde wenn möglich etwas Ruhe. Du bist jetzt zu Hause Johannes.“ Ich bin zu Hause…..

Dann gingen wir hinein. Und ich wusste ab jetzt würde nichts mehr so sein wie vorher. Das war der entscheidende Schritt. Der Schritt der mein Leben veränderte. Den dieses mal machte ich ihn. Ich ging über diese Schwelle in vollem Bewusstsein was ich tat und wohin dieser Schritt führte.

In mein Zimmer!

Manche mögen jetzt denken das ein Zimmer betreten doch nun wirklich keine große Sache ist. Doch wer etwas vom Leben versteht weiß das es Kleinigkeiten sind die unser Leben all zu oft nachhaltig beeinflussen. Meist werden diese dann noch nicht einmal wahrgenommen, oder so nebenbei erledigt und die Bedeutung wird einem erst hinterher klar. Werden in Sekundenschnelle getroffen.

Nehme ich die linke oder die rechte Tür. Fahre ich jetzt los, oder erst in einer halben Stunde. Spreche ich das Mädchen mit den schönen blauen Augen an, oder die mit der blonden Mähne. Doch immer haben die allermeisten bei diesen Entscheidungen die freie Wahl. Diese hatte ich bis dahin nie. Doch dieses mal, dieses mal war es zum ersten mal anders! Damals empfand ich es so. Damals war es so für mich! Und das machte alles was daraus entstand, zu „meiner“ Erzählung. Zu der Erzählung meines meines Lebens! Das alles war mir in diesem Moment natürlich so nicht klar!

Niemand der mir sagte was ich tun sollte, niemand der mich irgendwohin brachte und mich in irgendeinen Stuhl setzte. Niemand der entschied was für mich gut wäre oder auch nicht! Der freie Wille, oft nur eine Illusion, in diesem Moment war er für mich der meinige! Ich allein traf diese Entscheidung. Es war ein unauslöschlicher Moment. Als ich dieses Zimmer betrat stand für einen Moment meine Zeit still.

Das Zimmer war Lichtdurchflutet. Mein Tor in das Licht! So beschrieb ich es später wenn ich danach gefragt wurde.

Was ich sah waren zwei schöne zweiflügelige Fenster mit weißem Holzrahmen über Eck, durch die den ganzen Tag die Sonne schien. Auf den ausladenden Fensterbänken stand eine Skulptur, dieser Frauenkopf mit dem Zeigefinger an den Lippen. Sie mahnte immer zur Stille und zur inneren Einkehr. Dieses mal aus weißem Gips. Und eine eine schöne kleine Standuhr aus eine dunklen Holz. Ein bisschen erinnerte sie mich an einen Kirchturm und ich musste sie einmal in der Woche Aufziehen.

Das Bett stand so, das ich durch beide hinaus sehen konnte. Weiße Wände, helle Möbel und helles Parkett. Keine Bilder an der Wand. Das war Mutters Art. Kein unnötiges Gedöns wie sie immer sagte.

Ich stand mitten im Raum und sah mir alles an. Anne war in der Tür stehen geblieben. Mein Zimmer war größer als das Büro des Kaplan im Waisenhaus. Ich hatte sogar einen Schreibtisch mit einer Lampe drauf und einem eigenem Stuhl. Ein Holzstuhl mit braunen Lederpolstern. Selbst die dünnen Armlehnen waren gepolstert. An den äußeren Rändern befanden sich, ebenso wie an der Lehne und dem Sitz, Messingfarbene Nieten.

Die Ablage auf dem Schreibtisch war grün und aus dickem Leder. Ebenso grün wie der Schirm der Schreibtischlampe. Auf dem Schreibtisch lagen auch ordentlich nebeneinander meine Sachen. Das silberne Kreuz und so. In eine Ablage lagen einige Stifte.

Auf dem Bett, das schon mit weißen Bezügen und Laken bezogen war, lagen neue Sachen. Hose, Hemd und Pullunder. Auf dem Boden davor, peinlich genau nebeneinander, standen schöne Hausschuhe in denen graue Socken steckten. Das es Hausschuhe waren wusste ich weil Anne es mir sagte.

Anne sagte die Sachen wären für mich, damit ich heute Abend schön anzusehen bin. Dabei lachte sie und ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Ich und schön anzusehen! Im Waisenhaus haben sie viel zu mir gesagt. Aber nichts davon hatte mit schön anzusehen zu tun. Eher im Gegenteil.

Neben dem Bett stand ein Nachtschrank ebenfalls mit einer Lampe in der gleichen Farbe drauf.

Und dann, der Kleiderschrank. Ich wusste nicht was ich zuerst anschauen sollte.

Für mich?“ fragte ich Anne aufgeregt und sah mich um Sie konnte mit Tränen in den Augen nur nicken.

Das alles ist für mich? Mein Zimmer?“

Ja Johannes. Das alles ist für dich. Es ist dein Zimmer.“ sagte sie mit belegter Stimme.

Ich konnte das alles nicht fassen. Wie war das alles bloß möglich?

Anne zog langsam die Tür zu und sagte kurz bevor sie diese schloss.

Schau mal in den Schrank. Und bevor du wieder herunterkommst, wasch dich und zieh dich um. Im Bad sind Handtücher und ein Bademantel. Das darfst du nicht vergessen mein lieber Junge.“

Dann war ich allein, stand noch eine ganze Weile da und sah mich immer wieder um. Mein erster Gedanke war die Frage danach was ein Bademantel ist. Sicher ein Mantel in dem man badet. Aber was sollte das?

>Man bedenke das alles ist über 40 Jahre her und nicht jeder hatte einen Bademantel. Als Waisenkind in Morgenrot´s Situation war so etwas normal. Er hatte wirklich noch keinen Bademantel gesehen!<

Die Vorhänge, die Möbel, ich konnte mich nicht satt sehen. Ich setzte mich auf das Bett. Alles fühlte sich herrlich an. Nicht zu vergleichen mit diesen Stahlrohr-Etagenbetten im Heim. Eine Richtige Matratze. Ein richtiger Lattenrost. Richtige Decke und Kissen. Herrliches Leinen.

Da saß ich und sah mich einfach um, die Hände im Schoß. Ich atmete ein und aus. Und nochmal das selbe! Nochmal! Kniff mir zur Vorsicht heftig in den Unterarm. Nichts geschah. Respektvoll zog ich meine alten Sandalen aus und legte mich hin. Meine dreckigen Strümpfe und nicht viel sauberen braunen Beine hoben sich von dem weißen Leinen ab. Eigentlich hob ich mich im ganzen von dem weißen Leinen ab! Ich sah zur Decke. Schloss die Augen. Öffnete die Augen. Legte meine Hände auf den Bauch und wieder neben meinen Körper. Lauter so Sachen eben. Sah den Schreibtisch wieder an. Atmete tief durch. Biss mir auf die Lippen und Blähte die Backen.

Pffffffff! Ließ ich die Luft wieder raus.

Dann lag ich still da und Döste leicht weg!

Ich stand vor einem der großen Druidensteine. Marcus Christianus stand neben mir.

Wie heißt du?“ sagte er.

Ich wusste es nicht.

Wie heißt du? Wie ist dein Name?“ Ich hatte einen Namen, aber war es meiner? Im Traum brach mir der Schweiß aus.

Junge! Wie heißt du? Deinen Namen!“

Dann sagte eine Stimme in mir.

Johannes Morgenrot! Mein Name ist Johannes Morgenrot!“

So sei es!“

Von unten hörte ich raue Männerstimmen laut rufen und die Stimmen von ängstliche Frauen und Kindern schreien.

Johannes, du kannst jetzt nichts tun. Geh!“

Dann schreckte ich hoch und lehnte mich auf meinen rechten Arm. Was für ein komischer Traum! Dachte ich noch und brauchte auch einen Moment um wieder klar zu werden.

Als mein Blick wieder auf den Kleiderschrank viel. Anne sagte ich solle dort mal hineinsehen! Also stand ich auf und näherte mich ihm langsam. So, als ob er jeden Moment wegrennen könnte. Als ich die Hand nach dem Türgriff ausstreckte, war ich derart aufgeregt, das es einen Moment dauerte bis ich begriff, das ich den Türknauf nach rechts drehen musste um die Tür öffnen zu können.

Dann tat ich den Traum als Übermüdung ab denn was ich sah lenkte mich vollkommen ab.

Kapitel 4. /2

An Kindes Statt , oder mein neues Obdach

Ich stand mit offenem Mund vor dem Schrank. Einem Kleiderschrank. Einem Kleiderschrank voller neuer Sachen.

Hosen, Hemden, Strümpfe, Pullover Jacken, Schuhe. Alles in verschiedenen Ausführungen. Selbst die Unterwäsche und Strümpfe. Es war alles da. Zu viel für mich. Ich wusste nicht wo ich zuerst und wo ich zuletzt hinsehen sollte. Aber vor allem konnte ich nicht glauben dass das alles für mich war. Sicher stammte das noch von dem Jungen der vorher hier wohnte und bald wiederkommen würde. Langsam schloss ich wieder die Türen und drehte mich zum Bett um. Dort lagen ja schon einige Sachen über dem Fußende die für mich waren und die ich anziehen sollte. Wenn ich mir etwas aus dem Schrank hätte nehmen sollen, wäre ich überfordert gewesen.

Bis jetzt hatte ich immer zwei Hosen zwei Hemden, eine Jacke und ein Paar Schuhe. Na ja, und die Sandalen. Und zwei Unterhosen und einen Pullover. Ach ja… und die Socken die ich anhatte. Ein Teil war immer in Benutzung,ein Teil war immer in der Wäsche. Da war nichts mit aussuchen. Und völlig unabhängig davon machte es auch keinen Unterschied ob Sauber oder nicht, bei diesen alten Lumpen. Aber diese alten Lumpen waren eben alles was ich hatte. Bis jetzt.

Der nächste Raum der von mir erforscht wurde war das Bad. Wie man duscht wusste ich ja. Aber eine einzelne Dusche sah ich bis dahin noch nie. Ich kannte nur die Gemeinschaftsdusche im Waisenhaus. Ein Rohrgestänge mit Duschköpfen an der Decke unter denen sich jeder seinen Platz suchen musste. Die Wassertemperatur war wie sie war. Meist kalt. Der Boden und die Wände mit grauen Fliesen bis zur Decke, die Abläufe wie Gullis.

Dieses Badezimmer war natürlich ganz anders. Hellgrüne glänzende Fliesen. Kein Waschbecken aus Stahl, sondern weißes Porzellan. Wie die Wannen und das Klo auch, ganz nebenbei. Da war Klo schon fast eine Beleidigung. Und eine Dusche und Badewanne getrennt kannte ich auch nicht! Den Bademantel erkannte ich sofort. Sah für mich aus aus wie ein großes Handtuch mit Ärmeln. Er hing neben der Dusche. Ich zog meine alten Sachen aus und hängte sie an einen dicken Haken neben den Handtüchern. Ging in die kleine Duschwanne, zog die Vorhänge zu und dann duschte ich mich ausgiebig. Keine anderen Kinder die nervten, sich kloppten oder sonst was. Kein Bruder Wasweißich, der uns ausschimpfte weil wir zu viel Wasser verbrauchten und der drohte gleich alles abzustellen. Nur das warme Wasser, die gut riechende Seife und ich! Das Wasser drehte ich so warm, das ich mich fast verbrühte. Ich wollte unbedingt den alten Waisenhausdreck loswerden. Äußerlich gelang es mir auch. Aber es gibt Stellen an die kommt man mit Wasser und Seife nicht heran. Diese Flecken sollten bei mir noch sehr lange bleiben. Zu lange! Als ich fertig war zog ich den Duschvorhang beiseite und sah das der ganze Raum mit Dampf erfüllt war. Meine alten Sachen waren weg! Einfach verschwunden. Ich zuckte mit den Schultern und verschwendete keinen unnötigen Gedanken mehr an diese.

Schnell öffnete ich zum lüften das Fenster und hatte ein schlechtes Gewissen wegen meiner Verschwendung. Doch wer immer meine Sachen nahm, gesagt hat er nichts.

Mit dem flauschigen Handtuch trocknete ich mich ab und zog dann den ebenso flauschigen Bademantel der für mich bereit hing an. Ich fühlte mich wie erhaben. Und wie ein König ging, nein schritt ich wieder in mein Zimmer. Zu meiner Überraschung war es immer noch da! Genau so wie ich es verließ.

Den Bademantel und das Handtuch legte ich ordentlich zusammengelegt auf den Stuhl. Im Waisenhaus bekamen wir mächtigen Ärger wenn wir unsere Sachen einfach irgendwo liegen ließen.Das tat ich noch viele Tage. Bis Anne zu mir wiederholt sagte das ich es einfach im Bad hängen lassen soll. Es viel mir immer schwer es so zu machen.

Heute jedenfalls stand ich schließlich frisch geduscht in meiner neuen braunen Hose, dem neuen beigen Hemd und dem grünen quergestreiften Pullunder (damals modern), vor dem Spiegel in meinem Zimmer. Sogar die Hausschuhe hatte ich an. Gekämmt hatte ich mich auch. Ich sah in den Spiegel und sah aus wie ein Kind aus der Stadt die ich eigentlich nicht mochte. Aber jetzt….. schon.

Ich sah in meine Hand. Dort lag die goldene Halskette mit einem runden Anhänger. Beides fand ich zwischen dem Hemd und dem Pullunder liegend. Als ich den Anhänger jetzt genauer ansah war ich so verblüfft, das es einige Minuten dauerte bis ich mich wieder fing. Er zeigte Ein großer Kreis, der einen kleinen Kreis auf dem ein Kreuz stand umschloss. Der kleine Kreis wurde durch einen Strich in zwei Hälften geteilt.

Dass Symbol das mich schon einmal so fasziniert hatte. Ich sah es schon einmal, ich kannte es! Von viel früher als vorhin!!

>Natürlich gibt Morgenrot in seiner Geschichte zu diesen ganzen Symbolen noch Erklärungen. Doch es gibt auch noch recht unterschiedliche andere Deutungen. Deswegen habe ich mich entschlossen diese nicht zu hinterfragen und sie wortgetreu niederzuschreiben. Jeder kann glauben was er will, sich selber informieren, oder auch nicht. Morgenrot und mir ist das recht. <

Der Anhänger selber war etwas größer wie ein Ein-Markstück. Das Symbol war eingraviert. Am Rand sah er aus wie geflochten. Ich nahm mir vor bei Gelegenheit mit Mutter über all diese Zeichen zu sprechen und sie über deren Bedeutung zu fragen. Ich nahm fest an, das er von ihr kam.

Die Kette war weit genug das ich sie mir einfach über den Kopf streifen konnte. Ich steckte sie unter mein Hemd und genoss das Gefühl auf meiner nackten Haut.Dort, an meinem Hals hängt sie bis heute. Seit damals habe ich sie nie wieder abgenommen. Doch das stimmt nicht so ganz. Denn ich nahm die Kette gleich wieder ab und hängte das Kreuz von Walter noch daneben. Aber danach nie wieder.

Was störte war der kratzigen Kragen von dem Hemd den ich nicht gewohnt war. So müsste ich mal Zeitungen austragen, dachte ich. Zeitungen austragen? Ich nahm mir vor Mutter beim Essen auch deswegen zu fragen. Denn meine Kunden warteten schließlich auf ihre Zeitung. Das war meine Verpflichtung!

Abendessen!

Steif, reserviert und erhaben getragen kam Anton und holte mich runter.

Ich betrat den Salon. Mutter saß schon am Tisch und sah mir entgegen.

Na also! Jetzt siehst du aus, wie in richtiger Mensch! Und? Passt dir die Kleidung?“

Ja Mutter. Danke Mutter, für all diese schönen Sachen!.“ Von dem kratzigen Kragen mochte ich nichts sagen und das mit dem Anhänger würde ich später ansprechen. Anne kam herein und war vollkommen begeistert.

Johannes! Wie du aussiehst! Einfach wundervoll! Deine alten Sachen habe ich weggeschmissen. Aber wie du aussiehst! Das ist wirklich, wirklich erstaunlich! Mein lieber Junge!“

Es ist gut Anne!“ sagte Mutter milde.

Also war Anne im Bad während ich duschte.

Ich war also wirklich an Kindes Statt aufgenommen und hatte ein neues Obdach bekommen. Das war mir jetzt bewusst.

Getragene Worte, für grundelementare Bedürfnisse. Für ein Zuhause, für Schutz, für Liebe.

Vielen mag dies als selbstverständlich erscheinen. Nehmen es als selbstverständlich und wissen es nicht zu schätzen.

Aber das ist es nicht! Das ist es weiß Gott wirklich und wahrhaftig nicht!

Sicher, nicht jedes Obdach ist ein Zuhause. Und Mutter und Vater sind beileibe auch kein Garant dafür! Ich hatte eines gefunden. Oder besser es hatte mich gefunden! Es war ein Wunder! Seit dem glaube ich an Wunder. Jeder sollte daran glauben.

Kapitel 4 /3

An Kindes Statt , oder mein neues Obdach

Meine Frage nach den Zeitungen tat Mutter ab.

Dein Verantwortungsbewusstsein ehrt dich. Aber Junge, mach dich doch nicht lächerlich! Du wirst hier genug Aufgaben bekommen. Mach dir da mal keine Sorgen. Es wird sich sicher jemand anderes finden, der deine Zeitungen austrägt. Diese Zeiten sind vorbei, den jetzt bist du hier.“ Damit war das Thema für sie erledigt und für mich war ich es auch zufrieden. Denn wenn ich ehrlich zu mir war, wollte ich nicht wieder in die Nähe das Waisenhauses kommen. Noch nicht! Erst viel später erfuhr ich, das Mutter einem anderen Jungen den sie mochte, und der das Geld gebrauchen konnte, diese Arbeit vermittelte.

Das Abendessen war eher ruhig. Mutter und ich unterhielten uns nur in kurzen Sätzen darüber ob ich noch etwas bräuchte und was mich noch so interessierte hier im Haus. Darauf war meine Antwort natürlich die Werkstatt. Das Brot war nicht trocken und hart und ebenso lecker wie die gute Wurst und der Tee. Jetzt das erste mal mit viel Milch und Kandiszucker. Ungewohnt war nur das ich das Brot mit Messer und Gabel essen sollte.

wir speisen wie Menschen, nicht wie die Tiere!“

Oh ja! Alles hatte sich veränderte.

Als Anne hereinkam und das Geschirr wegräumte sagte sie.

Und? Hast du schon die Tür entdeckt?“

Welche Tür?“ fragte ich. Mutter lächelte und Anne sagte freudig.

Na dann erwartet dich heute noch eine schöne Überraschung!“

Noch eine Überraschung?

Nach dem Essen gingen wir wieder in mein Zimmer und sie zeigte mir „die Überraschung“!

Es handelte sich um eine Tür die sich versteckt in der Wand neben dem Schrank in der Ecke befand. Sie war genau so Tapeziert wie die Wand und wenn man nicht wusste das sie sich dort befand kaum zu sehen. Ein kurzer Zug an dem kleinen Messingriff, es machte Klick und dann war sie offen.

Mein Zimmer befand sich ja auf der Ecke des Hauses und die Tür führte in einen der beiden Türme.

Dahinter befand sich eine Wendeltreppe mit 57 ausgetretenen Stufen nach oben in den Turm. Sie endete in der Turmspitze in einem Runden Raum mit Fenstern in alle Richtungen. Ein bequemer Stuhl, ein Tisch und eine kleine Lampe standen dort und luden zum gemütlichen Sitzen ein. Es war fast wie ein kleines Observatorium. In diesem Moment kam auch Anton und stellte ein altes und recht großes Teleskop aus Messing auf einem hölzernen dreibeinigen Ständer in den Raum. Er lächelte kurz und ging zum Abschied nickend ohne ein Wort wieder nach unten.

Anton macht nicht viele Worte oder?“ „Nein!“ Lachte sie. „Nein das macht er wirklich nicht!“

Das Fräulein dachte sich, es würde dir hier oben gefallen!“ sagte sie dann. „Von hier oben kannst du weit in das Land sehen und Abends in den Sternenhimmel. Als junges Mädchen saß sie selber oft hier und hat gelesen und die Sterne beobachtet. Dort Drüben in der alten Kommode liegen noch ein paar alte Sterntafeln. Und? Was sagst du, wie findest du es?“

Es ist toll, einfach super!“ flüsterte ich. Fast als ob ich Angst hätte das man es mir wieder wegnimmt wenn ich es zu laut sage. Ich sah den Stuhl und dachte an Mutter.

Und jetzt sitzt sie in dem anderen Turm? Dann will ich es nicht!“

Nein mein Lieber. Der steht leer. Das Fräulein ist aus diesem alter heraus.“

Geht das? Es ist so schön hier. Wenn ich es nicht mehr schön finde wenn ich älter werde will ich nicht älter werden.“

Mir war sofort klar das dies mein Lieblingsplatz werden würde.

Saß sie auch in diesem Stuhl?“ fragte ich ehrfürchtig.

Ja. Sie saß immer in diesem Stuhl.“ antwortete Anne. Sie sah sich um und und stellte fest das es langsam dämmerte und das sie mich jetzt alleine lassen müsse, da es noch viel für sie zu tun gäbe. Aber eigentlich glaube ich, wollte sie mir diese Momente lassen um sie zu genießen. Bevor sie ging sagte sie noch.

Ich werde nachher noch einmal nach dir sehen. Denn du sollst ja nicht die ganze Nacht hier oben verbringen nicht war?“

Als ich alleine war ging ich einige male im Kreis an den Fenstern entlang und sah mir die Aussicht an. Bis auf die Richtung in der die hohen Bäume standen, konnte man das ganze Tal überblicken. Bevor ich mich in den Stuhl setzte, untersuchte ich noch das Teleskop. Auch wenn ich mich damit noch nicht auskannte, fand ich es unheimlich spannend. Diese dicken großen und die kleinen Linsen. Die gebogenen, oder geschliffenen Gläser. Das schon etwas matte Messing. Die Stellräder, einfach alles. Allerdings konnte ich, als ich durchsah, nichts erkennen. Und es war erstaunlich schwer. Dieses Gerät bedurfte einer Intensiveren Untersuchung

In der Ferne konnte man die sanften Hügeligen Ausläufer der Berge sehen, die langsam im abendlichen Nebel verschwanden. Es war ein langgezogenes Tal an dessen Ende im Sommer die Sonne prachtvoll unterging.

Später erfuhr ich das ich im Grunde genommen nur einen Katzensprung weit weg war, von dem Waisenhaus. Aber damals waren es für mich unterschiedliche Welten.

Auf der echten Seite des Tales floss ein Fluss gemächlich vor sich hin. Die Weser. Wenn man diesem folgte, kam man in die nächste größere Stadt.

Still war es hier oben. Ja, das war mein Platz! Hier würde ich sitzen und nachdenken!

Dann entdeckte ich ein weiteres Buch das mich sehr beeinflussen würde. Bis heute bin ich mir sicher das es sich nicht zufällig dort befand.

Es steckte tief in dem Stuhl zwischen Sitzpolster und der rechten Armlehne. Entdeckt habe ich es, weil mir mein Taschenmesser das ich unten in meinem Zimmer wieder einsteckte, in diese Ritze fiel und ich es wieder herausfischen wollte. Da bemerkte ich einen Widerstand, der sich als dieses Buch herausstellte.

Es war ein altes abgegriffenes Buch über die Familie Alverdissen. Zunächst nahm ich an das es eine Handgeschrieben Familienchronik war. Mit zittrigen Händen öffnete ich den Hakenverschluss, schlug es auf und begann zu lesen. Die Seiten waren sehr dick und teilweise schon vergilbt und an den Ecken abgestoßen. Es roch auch etwas muffig. Die Schrift war geschwungen und leicht nach rechts geneigt. In dem Buch tauchten später auch noch zwei Namen auf, die mir Wohlbekannt waren. Doch so weit war ich noch nicht.

Im Buchdeckel stand ein Gedicht. Geschrieben mit der gleichen Handschrift.

Ich lebe in der Zeit schon ewig,

sehe alles durch den göttlichen Schein

Ich esse von dem himmlischen Manna

Und trinke von dem himmlischen Wein.

In des Regenbogen Farben,

purpurn golden und blau,

in seinem strahlenden Glanze,

die Liebe des Vaters ich schau.

Das schönste Gedicht das ich je las.

Auf der ersten Seite stand oben rechts ein Datum.

Alverdissen der 23.03.1893

Es war 80 Jahre alt!

Heute habe ich Kenntnis erhalten um Vorgänge der Familie von Alverdissen, die ich hier niederschrieben möchte. Es sind Geschehnisse um eine Liebe, die unglücklich endete, und die das Schicksal meiner Familie prägte. Es sind so tiefgreifende Dinge in der Vergangenheit geschehen, das ich diese kaum glauben kann.

Ich will hier nicht alles bekannt machen was in diesem Buch stand. Denn es war nicht einfach eine Familienchronik. Es war auch ein Tagebuch mit vielen persönlichen Einträgen. Im ersten Moment war ich so überrascht das ich es erschrocken wieder zuklappte und zurücksteckte. Denn ich kam mir wie ein verräterischer Schnüffler vor. Erwartete halb das jemand mich erwischte.Doch es ließ mich nicht mehr los.

Meine allererste Vermutung bestätigte sich also nicht. Mutter hatte es definitiv nicht geschrieben. Es musste eine nahe Verwandte von ihr gewesen sein. Vermutlich eine Tante oder Ur-Tante oder wie das hieß. Wer genau war nicht zu erkennen. Teilweise war es sogar sehr spannend geschrieben. Man kam sich vor wie ein stiller Beobachter.

Sie schrieb sehr nebulös von einer unglücklichen Liebe, die viele, viele Jahre vorher durch einen feigen Verrat tödlich endete. Aber wer wen verriet konnte ich nicht sofort erkennen. Aber es ging auf Vorkommnisse zurück die ihren Ursprung über hundert Jahre vorher hatten. Die Auflösung kam erst ganz zum Schluss wie sich herausstellen sollte.

Ich las dieses Tagebuch nicht sofort, sondern begann damit erst Tage später. Aber das musste erforscht werden. Denn ich kannte ja auch eine Geschichte in der der Name Alverdissen vorkam. Und wer weiß, vielleicht hatte das etwa damit zu tun?

Als mich diese Erkenntnis wie ein Blitz traf, verschlug es mir den Atem. Ich kannte eine Geschichte die diese Familie betraf. Und meine Suche würde auf dem Dachboden beginnen, das war mich schon jetzt klar.

Meine Neugierde war endgültig geweckt. Marcus Christianus war wieder da. Wenn auch anders als ich es erwartete. So saß ich in der langsam tiefer werdenden Dämmerung da und dachte nach.

– Luke Elljot

Kapitel 4. /4

An Kindes Statt , oder mein neues Obdach

Als Anne abends nach mir sah, saß ich immer noch gedankenverloren in dieser Stille. Es war als ob ich irgendwo zwischen Raum uns Zeit schwebte. Ich saß mit unterschlagenen Beinen in dem Stuhl und sah aus dem Fenster. Das Blut rauschte in meinen Ohren. Ich fühlte mich damals noch mehr als Kind und das meiste was ich an diesem Tag erlebte ging über mein Fassungsvermögen weit hinaus. Trotzdem war es mir sehr vertraut. Mit der wachsenden Erkenntnis der Scheußlichkeiten, die das Dasein mitunter über den Menschen verhängt, verlor sich dieses Kind aber nach und nach. Denn trotz meiner Kindheit, musste schon einige bittere Erfahrungen machen, die diesem Erkennen schon in jungen Jahren Gewicht verlieh. Vielleicht erkannte ich deswegen früh das der Mensch oft selber an seinem eigenen Grauen die Ursache war.

Tief in meinem Herzen wuchs damals kaum wahrnehmbar ein anderes leises unerklärliches Grauen. Das vor dieser Erkenntnis. Ein Grauen das in mir bis zu meinem eigenen Erwachsensein anhielt.

Damals als ich dort saß, erkannte ich es nicht als das was es war. Damals war es nur ein unerklärliches Unwohlsein, das mich umfing. Erst sehr viel später kam dieses Erkennen. Heute kann ich es in Worte fassen. Damals fühlte ich nur.

Alles klar Johannes? Warum sitzt du denn hier im Dunkeln?“

Ich denke nach.“ antwortete ich geistesabwesend.

Aber worüber denkst du denn nach?“

Darüber warum ich hier bin? Ich verstehe das einfach nicht. Warum sollte jemand so gut zu mir sein. Mein ganzes Leben war ich bis auf zwei Freunde allein. Ich verstehe das nicht.“

Ach Johannes mein Lieber. Ich verstehe dass das ist alles sehr viel für dich ist. Aber glaube mir, es ist alles in bester Ordnung. Mach dir einfach nicht zu viele Gedanken. Heute ist dein erster Tag. Warte nur es wird sich alles finden. Morgen ist ein neuer Tag, das wirst du sehen. Und mit jedem Tag wird es besser. Lass dir ein bisschen Zeit. Das Fräulein möchte vor dem zu Bett gehen gerne noch einmal mit dir sprechen. Sie hat unten den Kamin angemacht und wartet auf dich. Komm, geh mit mir runter.“

Ja Anne, das werde ich machen.“ So ganz war ich noch nicht wieder zurück aus der Tiefe meiner Gedanken. Doch ich stand auf und ging mit einem leisen Bedauern diesen schönen ruhigen Platz zu verlassen, zusammen mit Anne nach unten. Es war ja nicht so das ich Angst hatte, oder undankbar sein wollte. Nein, ganz im Gegenteil. Alles war nur einfach so unfassbar für mich. Alles war von einem Tag auf den anderen neu. Natürlich war mein Leben im Waisenhaus nicht sehr schön. Doch es war das Leben das ich kannte. Hier war ich ein Fremder. So schön es war. Ich wusste einfach nicht was ich machen sollte. Und als ich die Treppe hinunterging wurde mir eins klar. Wer nichts, oder nicht viel hat, der hat auch nichts zu verlieren. Ich hatte doch etwas Angst. Angst mich an das was ich hier fand zu gewöhnen und es dann doch wieder zu verlieren. Wie sollte ich das aushalten? Von diesen Gedanken aufgewühlt betrat ich den großen Salon.

Mutter saß tatsächlich an dem offenen Kamin und trank anscheinend ein Glas Wein.

Hallo mein Junge. Wie hat dir die Überraschung denn gefallen?“ sagte sie aufgeräumt.

Mühe habend meine Aufregung unter Kontrolle zu bewahren antwortete ich so ruhig wie möglich. „Danke Mutter. Danke für alles. Aber ich verstehe das alles nicht. Gestern war ich noch in dem Waisenhaus und jetzt ist alles so….“ Denn das hatte ich schnell gelernt. Mit unnötiger Aufregung erreichte ich bei Mutter nichts.

Anders? Johannes, komm setz dich zu mir. Dann können wir reden!“ Sie machte eine einladende Geste das ich mich setzen sollte und lächelte mich an. Also setzte ich mich zu ihr, auf den freien Sessel neben ihr.

Johannes sieh mich an.“ . Im nach hinein betrachtet, war ich mit dem folgenden Gespräch schon etwas überfordert. Fast kam es mir manchmal so vor, das Mutter zu vergessen schien, das ich erst zwölf war. Das Gespräch war manchmal so vertraulich. Es war als ob sie etwas in mir sah, von dem ich selber nicht wusste. Doch ich nahm es als gegeben. Wenn ich etwas nicht verstand, würde ich fragen. Sie sah mir tief in die Augen und sagte ruhig

Gut, gut. Also mein Junge ich bin hier alleine in diesem riesengroßen Haus. Ich habe keine Familie und ich habe schon lange überlegt ob ich ein Kind bei mir aufnehmen soll. Aber ich habe keins gefunden das hierher passen würde. Das ist ja immerhin keine Entscheidung die man von leichter Hand fällt. Denn man soll einen Menschen nicht versorgen nur das er versorgt ist. Er muss auch aus sich heraus wirken und wachsen können und nicht dem Ideal dritter entsprechen. Und das bedarf der richtigen Umgebung. Es muss auch das Miteinander gut sein.

Das alles will wohl überlegt werden nicht war? Ich habe von dir und deiner Geschichte gehört und dich dann kennengelernt. Und mein Entschluss stand fest. Johannes ich habe dich in mein Herz geschlossen. Und es ist mir eine Freude dich hier zu haben. Es macht mich glücklich dir hier ein Zuhause geben zu können. Du bist ein liebenswerter Junge. Das einzige worüber ich mich noch mehr freuen würde wäre, wenn du mir auch ein wenig zugeneigt wärst.“

Mutter was ist zugeneigt? Ich weiß nicht was zugeneigt ist?“

Johannes. Ich würde mich sehr darüber freuen wenn auch du mich mögen könntest.

Aber Mutter ich mag euch, sehr sogar!“ sagte ich schnell. Und das war die Wahrheit.

Danke mein Junge. Das freut mich“ Dabei lächelte sie so sehr, wie ich es bei ihr noch nicht sah.

Schau. Du bist alleine, und ich bin alleine und wir mögen uns. Ich gebe dir ein Zuhause und du mir das Gefühl wieder zu leben. Also ist es doch für uns beide eine schöne Sache. So können wir beide füreinander ein bisschen da sein und sind nicht mehr so alleine! Ist das für dich eine Antwort?“

Ja, da konnte ich nur erleichtert nicken.

Was hältst du von einem kleinen Spaziergang morgen früh. Morgen ist Samstag und wir könnten in den Ort gehen, und beim Bäcker ein paar frische Brötchen für unser Frühstück holen. Du darfst dir deine aussuchen. Aber vorher gehen wir beide noch zum Friseur! Dann siehst du etwas von deiner neuen Heimat und wir bekommen etwas frische Luft.“

Anscheinend konnte man den Ort vom Turm aus nicht sehen. Wahrscheinlich wegen der Bäume. Aber ich war froh zu hören das er so nah war. Denn das musste er, wenn Mutter dort zu Fuß hinlaufen wollte.

Das würde mich sehr freuen.“ sagte ich.

Gut dann gehen wir morgen früh nach Fuhlen.“ So hieß der Ort.

Einen Moment saßen wir still da und sahen in das Feuer, das lautstark knackte und knisterte. Ich konnte sehen das sie nach den richtigen Worten rang. Dann, ohne mich anzusehen sagte sie,

Johannes, ihr habt ja im Waisenhaus Religionsunterricht gehabt.“ „Ja Mutter.“ Das war natürlich keine Frage sondern eine Feststellung.

Und wie ich hörte hast du viel Kontakt zu Bruder Nicolas gehabt.“

Ja, wir haben oft miteinander gesprochen.“

Das ist gut. Du bist jetzt zwölf Jahre alt nicht war?“

Ich nickte zaghaft und überlegte wo dieses Gespräch hingehen würde. Denn mir war klar das ich nicht wegen dem Lagerfeuer hier war. Irgendwie fühlte ich mich unwohl. „Bei bei dir sind Hopfen und Malz also noch nicht verloren. Bruder Nicolas ist ein wahrhaft wissender.“

Dann sagte sie unvermittelt.

Ich will dich lehren zu beten, Johannes.“

Mutter?“

Ich will dich lehren zu beten.“

Das war sehr irritierend für mich zu hören. Ich sollte hier beten lernen? Was gab es da zu lernen?

Wir leben in einer sehr aufgewühlten Welt. Und das einzige was den Menschen zu allen Zeiten Halt gab und gibt ist der Glaube. Die Frage ist nur was glaubt der Mensch. Denn nicht jeder Glaube ist befreiend. Es gibt viele Götter an die man Glauben kann. Der wohl schrecklichste ist der Mammon.“

Geld?“ sagte ich glücklich etwas verstanden zu haben. Den kannte ich aus der Kirche.

Ja Geld, wenn man so will.“ sagte Mutter sichtlich erfreut.

Deswegen habe ich immer wieder in kirchlichen Heimen geschaut, bis ich dich glücklicher weise gefunden habe. Denn dort wird den Kindern zumindest etwas darüber beigebracht. Wenn auch sehr einseitig. Du sollst wissen das der Glaube mir sehr wichtig ist. Ich habe vor jeder Form von Glauben Respekt! Wenn er ehrlich und aufrichtig ist! Und ich ill dir sagen, das ich dich zu nichts zwingen werde. Aber ich will dich lehren zu beten und dir das nötige Wissen darüber vermitteln. Denn dieses unterwürfige auf die Knie fallen und irgendwelche vom Menschen verfasste und vorgegebene Ferse runter zu leiern ist kein beten, das ist betteln. Beten geschieht nie mit Worten, es geschieht durch das Herz. Und rechtes beten, bedeutet rechten Glauben. Von innen. Verstehst du diesen Unterschied.“

Ich glaube schon Mutter.“

Im Moment vielleicht noch nicht ganz, aber darüber würde ich noch lange Zeit nachdenken können. Vor allem deswegen weil ich zu tiefst erschrocken war, das sie das tun der Kirche an zweifelte. Nicht das ich selber die Kirche toll fand. Aber ich war ja nur ein Kind, was verstand ich denn schon davon. Aber das ein Erwachsener und so gebildeter Mensch wie Mutter so etwas sagte, beeindruckte mich sehr. Es ging sogar noch weiter.

Auch dieses jammervolle betteln das viele machen, vorzugsweise immer dann wenn es der oder demjenigen schlecht geht, hat nichts mit beten zu tun. Wer um etwas bettelt glaubt nicht Johannes. Und wer glaubt bettelt nicht.

Warum glaubst du kommen so viele Lebenslang oder zum Tode verurteilte zum Glauben an Gott?“

Ich weiß nicht Mutter.“ sagte ich ziemlich überrannt von diesem Gespräch. Genau genommen hörte ich gerade zum ersten mal davon, nahm es aber als gegeben.

Weil sie erkennen das unsere Zeit nur von der Unendlichkeit geliehen ist. Ein Geschenk an uns. Das ist Glaube! Dafür zu danken!

Wer glaubt hat Gewissheit alles zu erhalten, was er benötigt. Denn der Geist weiß was wir benötigen. Dann bittet man auch nicht, sondern man ist dankbar für das was man hat.Für den Geist bedarf es keiner Worte.

Wir alle sind ein Teil des Großen Ganzen. Gott ist in uns, deswegen müssen wir nicht betteln. Wir haben ein Erbrecht auf Erfüllung! Wir sind seine Kinder.“

Wenn das der Dekan hören würde!! dachte ich.

Kapitel 4. / 5

An Kindes Statt , oder mein neues Obdach.

Beten lernen.

Deswegen reden wir aufrichtig mit ihm. Aufrecht, von Angesicht zu Angesicht. Den Kopf nicht demütig zum Boden geneigt.

Ebenso wie der Tropfen des Meeres nicht gleich dem Meer ist. Enthält er aber alles was das Meer auch enthält. Aber das Meer ist unendlich viel Größer. Das zu erkennen ist Demut. Es gibt einen Unterschied zwischen Demut und Demütig! Aber all das werde ich dich lehren!

Haltung, Johannes. Haltung! Innere und äußere Haltung ist ein Teil dieser Handlung.

Und das ist einer der Gründe warum du jetzt hier bist. Denn ich habe diese Haltung in dir gesehen.“ Sie sah mich an und wartete auf meine Reaktion. Doch ich konnte sie nur Atemlos ansehen. So etwas bekam ich von den Brüdern im Waisenhaus nie zu hören!

Indem wir unsere Hände zusammenfügen verbinden wir das linke mit dem rechten, sind so in unserer gesamten Ganzheit geschlossen. So sagen es auch die ursprünglichen Christen. Dann sammeln wir unseren Geist und stellen uns vor worum wir beten. Und diese Gedanken schicken wir dann in die Mitte unseres Seins. Denn der unendliche Geist, die Schöpfung, oder Gott, was alles das gleiche ist, weiß schon was wir benötigen. Die Handflächen gegeneinander gelegt. Die Fingerspitzen sind dabei leicht geöffnet und zeigen zum Himmel. So kann die Flamme in uns aufsteigen! Das ist beten und so beten die wahren Christen. Aber so lernst du es in keiner Kirche. Ich werde dich richtig beten lehren!“

Mutter ich verstehen nicht ganz.“ stammelte ich. Durch mein erlebtes Leben, war ich sicher weiter in meinem Denken als die meisten Gleichaltrigen. Doch jetzt?

Noch nicht. Aber du wirst es verstehen mein Kind.“ antwortete sie beruhigend.

Sie neigte sich seitlich aus ihrem Sessel und gab mir einen alten hölzernen Bilderrahmen. Er war sehr breit und schwer und reichlich mit Ornamenten verziert. Er enthielt ein Gedicht. Geschrieben auf vergilbten Papier, mit einer breiten Feder in einem geschwungenem Schriftzug.

Lies das was dort steht!“

Dort standen die Worte, die ich viele Jahre später auch auf Frau Köhlers Grabstein las. Und während ich sie las, sprach Mutter sie laut aus.

„Ertragt Leid mit Stärke

denn darin überragt ihr Gott.

Er steht außerhalb

des Erduldens der Übel.

Ihr aber steht darüber!“

Darunter war, von Hand gezeichnet, ein Kreuz zu sehen, das an den Enden jeweils in einer Lilie endete und sich unter einer aufgehenden Sonne befand und auf einem fünfzackigen Stern stand. Der wieder über Wellenlinien schwebte.

Auf meine Frage erklärte mir Mutter das diese Zeichen bedeuten könnten, dass das Irdische durch den Menschen mit dem Göttlichen verbunden wurde. Aus der Quelle der ewigen Schöpfung in das Licht Gottes aufsteigend. So verstand ich es zumindest. Wobei der Mensch der Stern war. Sah ja auch aus wie ein Mensch.

Der kurze Moment des Schweigens danach hatte etwas magisches. Der große Kamin, die hohe Decke die im Dunkeln verschwand und so den Eindruck erweckte das der Kronleuchter dort oben schwebte. Die hohen Fenster, mit den schweren Vorhängen. Im Hintergrund Aquarius, der mich, wie ich fand, genau beobachtete. Das Wasser aus seinem Gefäß schien plötzlich zu fließen. Für einen Moment erwartete ich fast das ein Ritter in voller Rüstung den Raum betrat. Aber nichts davon bereitete mir Furcht.

Das ist das Glaubensbekenntnis der Templer.“ sagte Mutter in die prasselnde Stille des Kaminfeuers hinein. Was Templer waren wusste ich. Oder besser ich glaubte es zu wissen.

Die Symbole darunter soll einer meiner Vorfahren gezeichnet haben.“

Ist es schon alt?“

Sehr alt!“

Als Anton hereinkam erschrak ich fürchterlich. Er legte einige Scheite Holz nach wodurch das Feuer Funken sprühte und wieder richtig prasselte. Dann erkundigte er sich bei Mutter nach weiteren Wünschen, was sie verneinte. Als wir wieder alleine waren sagte sie.

Wenn du es möchtest kannst du es über dein Bett hängen. Es befindet sich dort ein Nagel in der Wand.“ Und genau dort hing es noch am gleichen Abend.

Also Johannes. Dies war die erste Lektion. Sorge dich nicht. Durch das was ich dir sage und beibringe, wirst du ein ehrlicher, Gott liebender aufrechter Mensch. Denn es gibt keinen Grund Gottesfürchtig zu sein. Furcht, ist immer der falsche Weg. Die Furcht kommt von den Menschen und sie dient nur einem Zweck. Der Beschränkung! Warum sollte Gott seiner eigenen Schöpfung, seinen Kindern das fürchten lehren? Er ist Schöpfung, Überfluss Liebe. Furcht ist einzig den Menschen zu eigen.“

Mutter? „

Mein Kind?“

Warum bin ich hier?“

Mutter sah mich lange an. Dann nahm sie sich zusammen und straffte sich. Keine Sekunde, nicht einen einzigen Moment hatte ich das Gefühl sie könne die Geduld mit mir verlieren.

Ich dachte darüber haben wir gesprochen. Doch anscheinend ist es für dich noch nicht so klar. Aber gut! Ich habe es vorhin gesagt. Ein Grund warum du hier bist ist der, das ich deine Hilfe benötige! Du hilfst mir und ich helfe dir! Nein! Jetzt ist es aber gut. Genug davon! Wie gefällt dir denn der Turm?“ Sie sah meinen Blick und reagierte sofort.

Ich erzählte ihr wie sehr ich diesen Ort schon liebte. Doch von dem Buch und von dem was in diesem stand, sagte ich noch nichts. Zu gegebener Zeit würde dieses Thema sicher noch erörtert werden. Außerdem wollte ich zuerst noch etwas davon lesen.

Danke für die schöne Kette und den Anhänger Mutter.“ sagte ich eher beiläufig.

Was für eine ‚Kette? Kind ich weiß nicht wovon du redest. Na da wird sicher Anne ihre Hände im Spiel haben. Ich werde sie darauf ansprechen.“ Diese Antwort fand ich etwas merkwürdig.

Ich wollte die Gelegenheit aber noch zu einer weiteren Frage nutzen die mir schon die ganze Zeit auf der Zunge brannte. Auch wenn ich jederzeit befürchten musste ihre Geduld mit mir über zu strapazieren.

Darf ich auf den Dachboden?“ sagte ich deswegen schnell und voller Ungeduld auf die Antwort wartend.

Eigentlich wusste ich von diesem nur weil Anne mir davon erzählte. Von einem riesengroßen Dachboden. Und sie übertrieb nicht, wie ich bald feststellen würde.

Ihre rechte Augenbraue zog sich nach oben und sie sagte meine Ungeduld sehr wohl wahrnehmend nach einer Pause in der ich die Antwort kaum erwarten konnte.

Das kann ich mir vorstellen das ein großer alter Dachboden mit all seinen Geheimnissen einen Jungen wie dich magisch anzieht. Selbstverständlich jederzeit. Dort oben liegen viele Erbstücke meiner Familie. Aber nur unter einer Bedingung. Du musst mir etwas versprechen. Mir dein Wort geben. Und in meiner Familie ist das etwas heiliges. Du musst mir dein Wort geben das du egal was es ist, mich immer erst fragst, bevor du etwas von dort wegnimmst.“

Ich verspreche ihnen Mutter, das ich sie immer erst frage!“ sagte ich. Jetzt war meine Neugierde vollkommen.

Mutter ich habe noch eine letzte Frage.“

Kapitel 4. / 6

An Kindes Statt , oder mein neues Obdach

und der Ort

Ja. Das kann ich mir vorstellen. Und was möchtest du?“ Immer noch fand ich an ihr nicht den leisesten Hauch von Ungeduld. Nicht in ihrer Haltung, noch in ihrer Stimme. Als ich sie im Zimmer des Dekan zum ersten mal sah, konnte ich von ihrer äußeren Erscheinung und ihrem Gehabe, nicht auf ähnliches schließen. Schroff und hart schien sie da zu sein. Doch das war sie beileibe nicht. Mir schien sie eher zart und verletzlich. Und ihr Verhalten war lediglich ein Schutz.

Auch jetzt, obwohl hoch geschlossen in ein Kostüm gekleidet. Die Haare streng zurück gesteckt, dezent geschminkt. Mit einem Gesichtsausdruck der sie erscheinen ließ, als ob sie ständig etwas unangenehmes roch. Alles an ihr erschien abweisend. Doch in ihrem inneren Wesen war sie so ganz anders. Dieses Auftreten war weit mehr als nur ihr Schutz gegen die anderen Menschen um sie herum. Sie verbarg so, den tiefsten Kern ihres Selbst um keinem auch nur den Hauch ihres Seins zu zeigen. Es ging nicht um die Geringschätzung der anderen. Es ging nur um sie selbst. Keiner sollte sie kennen.

Warum sie dies tat und warum sie mir diese wahre Seite zeigte, das sollte ich noch erfahren.

Zuerst möchte ich danke sagen. Danke für alles Mutter. Aber auf den Sternkarten stehen keine Namen. Woher soll ich denn dann wissen welchen Stern ich betrachte und wie er heißt, oder ob es der richtige ist.?“

Johannes, was glaubst du wie egal es den Sternen ist, welche Namen wir ihnen geben, seien sie auch noch so hochtrabend? Und nur du entscheidest ob es der richtige ist, oder nicht“

Ich dachte einen Moment über ihre Frage nach und musste dann grinsen. Dann sagte ich.

Ich glaube das es den Sternen vollkommen egal ist wie wir sie benennen.“

Das denke ich auch.“ sagte sie und nickte.

Betrachte sie einfach für das was sie sind. Wozu sich mit Wissen belasten, welches keinem nutzt. Das im Grunde genommen vollkommen unnütz ist. Die Dinge existieren auch ohne das wir sie entdecken und benennen. Und zu allermeist stellt sich im nach hinein sowieso heraus das wir uns irren. Schau sie dir einfach an und genieße sie. Der Rest kommt dann von ganz alleine“

Das werde ich Mutter!“

Wir saßen noch eine kleine Weile zusammen und blickten ins Feuer. Für heute Abend war alles gesagt. Mutter trank ihren Wein und ich meinen Kakao, der wie immer fabelhaft schmeckte. Danke Anne!

Als ich dann endlich, mit vielen warmen Worten von Anne, die mir immer wieder gut zusprach und mich ermunterte, wieder in meinem Zimmer war, und ich ins Bett gehen wollte, nach einem einzigartigen Tag wie ich ihn nie zuvor und nie wieder erleben sollte, schlug ich die Decke zurück und fand meinen Schlafanzug. Einen Schlafanzug! Wer dies liest möge mir verzeihen wenn ich mich ein wenig in diesen Details verliere. Aber dieser eine Tag war so bewegend für mich, das ich alles festhalten möchte. Während ich diesen anzog, stand ich mit freiem Oberkörper vor dem Spiegel. Mein Blick viel auf den Anhänger und ich hielt inne um ihn noch einmal genauer zu betrachten. Denn auf meine Frage sagte auch Anne, das sie nichts von einem Anhänger wusste. Und wir beide schüttelten den Kopf, als wir an Anton dachten. Doch woher kam dann diese Kette? Versonnen betrachtete ich das gute Stück und sagte dann kopfschüttelnd zu mir selbst. „Wird sich schon alles klären.“

Aber meine Gedanken blieben bei Anton haften, der wie eine graue Eminenz überall war, ohne irgendwie Aufmerksamkeit zu erregen. Die hohe Kunst des Kammerdiener-Daseins.

Schließlich lag ich in meinem Schlafanzug in meinem Bett in meinem Zimmer, auf dem Rücken, unter dem eingerahmten und aufgehängtem Glaubensbekenntnis der Templer, und sah an die Decke und durch die Fenster den Sternenhimmel an. Die rechte Hand umschloss den Anhänger und lag auf meinem Herzen, was mir beim einschlafen zu einer festen Angewohnheit wurde.

Ich ließ in Ruhe diesen Tag noch einmal passieren und war selber erstaunt was alles geschehen war. Heute morgen noch ein Waisenkind und jetzt…… Sicher hätte ich als Erwachsener noch viel mehr Fragen gehabt, doch als Kind viel es mir sehr viel leichter mich schicksalsergeben dem Geschehen zu fügen und nicht all zu viele Fragen zu stellen. Das geschah auch aus der Sorge, dass wenn ich zu viel fragte, Dinge Erfahren könnte die das Schöne was ich jetzt hatte gefährden könnte. So wie mit dem Waisenhaus. Bei dem sollte man doch meinen das es wenn es von der Kirche geführt wurde, ein Hort voller Liebe uns Fürsorge wäre! Doch wie weit war die von der Realität entfernt. Schon damals erkannte ich das es besser wäre nicht alles immer wissen zu müssen. Doch meine Gedanken drifteten ab und ich musste sie zurückholen.

Also wiederholte ich laut einen Vers den Mutter mich lehrte und mich bat ihn heute Abend vor dem Einschlafen zu wiederholen. Er solle mir Ruhe und Besinnung bringen sagte sie.

Ich seh´ den Pfad auf dem ich steh´-

und so beschließ´ ich unverwandt´-

das diesen Pfad ich frohen Glaubens geh´-

obwohl das End´ mir nicht bekannt.“

Ich stand noch einmal auf und ging zu dem Fenster von dem aus ich das Tor sehen konnte. Dunkel lag das Grundstück da. Das Tor war geschlossen und in der Ferne konnte man die Motoren der vorbeifahrenden Autos hören. Ein Hase hoppelte nach Hause und in der tiefen Dämmerung gingen die die ersten Fledermäuse auf die Jagd. Die zu runden Kugeln geschnittenen Buchsbaumbüsche hockten wie schwarze Schatten zusammengekauerter Carnivore auf dem jetzt grauen Gras.

Obwohl ich wusste was sich dort unten befand, war es mir dennoch unheimlich.

Ich beugte mich nach vorne und sah an der Mauer herunter. Fasste den Stein an und fühlt wie rau und wie warm von der Sonne er noch war. Halb erwartete ich die kleine in eine weite weiße Kutte gehüllte Gestalt unten unter den Bäumen zu erblicken die ich auf dem Hügel am Waisenhaus sah. (war es wirklich erst zwei Wochen her?)

Wäre das nicht passiert, wäre ich abgehauen. Und dann…? „Dann stündest du nicht hier!“ Sagte ich halblaut zu mir selber. „Und all das wäre dir entgangen!“ Das war meine Lektion fürs Leben! Ich stand in meinem Schlafanzug am offenen Fenster dieses wundervollen Hauses, mit Menschen, da war ich mir jetzt sicher, die mich wirklich mochten. Da merkte ich das ich mich auf den nächsten Tag freute. Ich meine nicht auf etwas bestimmtes. Einfach so, auf den ganzen Tag.

Was für mich damals ungewöhnlich war. So ungewöhnlich das ich einerseits traurig, andererseits erfreut feststellte, das ich so etwas noch nie empfand. Erfreut, dass ich es überhaupt empfand!

Gespräche über beten und Gott? In einem Katholischen Kinderheim war das Alltag.

Doch was Mutter zu mir sagte war etwas ganz anderes. Weil es mich so sehr rührte und ich mich dem was sie sagte sehr nah fühlte. Nicht einmal empfand ich ähnliches im Heim. Aber wie Mutter schilderte wie man richtig betet, und was es bedeutete, das berührte mich tief in meinem Innern. Es war als ob sich etwas in mir regte. Als ob sich eine Aufmerksamkeit mir zuwandte, die ich bis dahin nie spürte. Nie wieder könnte ich sagen; ich habe es nicht gewusst. Ich verstand nicht alles, aber ich verstand das es so war. Ich fühlte mich nie so frei und glücklich wenn ich ähnliches im Heim lernte. Dort waren beten und an Gott denken behaftet mit Furcht und dem Bewusstsein der eigenen Wertlosigkeit. Sünder im Fleisch waren wir doch alle vor dem Herrn der strafend auf uns herabsah! Und nur die Kirche konnte uns vergeben.

Doch jetzt kostete ich erstmals den waren Nektar des freien Glauben´s.

Gott liebt seine Kinder! All das wurde mir erst später klar in Worten. Aber ich spürte es schon damals.

Glücklicher weise wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, das Marcus Christianus für eben diese, oder ähnliche Ansichten, verbrannt wurde! Die Kirche sprach „Ich habe recht! Und wer anders denkt wird gefoltert und ermordet!“ Was nicht erfassbar ist bei gesundem Verstand!

Doch zurück in jene Zeit, die, wie es mir heute erscheint, ein anderes Leben beschreibt.

Ich atmete noch ein zwei mal tief durch, schloss das Fenster und legte mich wieder in mein Bett. Es dauerte auch nicht lange, da musste mein noch kindlicher Körper den Anstrengungen des Tages Tribut zollen. So ich viel in einen traumlosen tiefen Schlaf.

In dieser Nacht wandelte ich nicht, und auch in keiner Nacht danach mehr. Es wäre auch nicht viel passiert. Denn wie ich gleich von Anne erfuhr, schloss Anton in dieser, und auch in den nächsten Nächten vorsorglich die Tür zu meinem Flur und diese auch ab.

  • Kapitel 4. / 7

    An Kindes Statt , oder mein neues Obdach.

    Der Friseur.

    Entgegen meiner Erwartungen fehlte mir auch die Unruhe wie ich es nicht anders kannte, in einem Schlafsaal voller Kinder und Jugendlichen nicht. Die Ruhe tat mir gut und ich schlief bis zum Morgen durch. Im ersten Augenblick des Erwachens wusste ich nicht so recht wo ich mich befand. Es dauerte einige Zeit bis ich realisierte wo ich tatsächlich war. Alles war so hell, so sauber und so still. Doch dann kam das Erkennen und um so größer war die Freude. Das erlebte war also doch kein Traum. Ich war wirklich an diesem wundervollen Ort!

    Kurz danach kam Anne herein und sagte das ich mich fertig machen sollte, denn das Fräulein wolle ja mit mir in den Ort gehen. Gesagt getan! Im Badezimmer war schon alles bereit. Ich zog meine neuen Sachen an. Die Halbschuhe die für mich bereitstanden waren wunderbar und passten genau. Was soll ich sagen. Natürlich waren es die ersten Halbschuhe die je anhatte. Dann zog ich mir eine Jacke an die ich mochte und ging nach unten. Ein bisschen begann ich mich schon daran zu gewöhnen. An diese Sachen und alles. Kinder sind eben doch sehr anpassungsfähig und finden sich deswegen schnell zurecht. Es war immer noch sehr neu und ungewohnt. Aber doch ein klein wenig geringer als gestern. Anne hatte in ihrer liebevollen und so herrlich einfachen Art, vollkommen recht. Es würde sich alles finden. Vor allem zusammenfinden. Irgendwann würde es dann eben passen und ich war auf dem besten Wege dorthin!

    Im Treppenhaus angekommen, sah ich unten Mutter, die aus dem Salon kam und ihre Jacke gerade anzog. Ein bisschen hatte diese Treppe etwas von diesen Treppen die man in den Hollywood Filmen sehen kann.

    Guten Morgen Johannes. Wie hast du denn geschlafen in deiner ersten Nacht hier.“

    Guten Morgen Mutter. Wie im Himmel“

    Na dann, wollen wir mal los.“ sagte sie lachend.

    So trat ich das erste mal durch die Tür, durch die gestern noch Anton und Anne gekommen waren um mich zu begrüßen. Heute jedoch war ich hier zu Hause!

    Über den Weg in den Ort gibt es wenig zu berichten. Außer das alles wunderbar, toll und unglaublich war. So kam es mir zumindest vor. Durch ein kleines Tor an der Seite des Grundstückes kamen wir auf diesen und er führte durch einen alten Eichenwald bis kurz vor den Ort.

    Fuhlen war ein kleines, für Niedersachsen typisches Örtchen. Rote Backsteinhäuser mit dunklen Dachschindeln und gepflegten Vorgärten. Und in der Mitte überragte der Kirchturm und die Kirche mit ihrer Gotischen Architektur, alle anderen Gebäude weit überlegen. Auch wenn ich bis dahin dachte das es bei unserem Erscheinen einen großen Aufruhr gäbe (warum ich auf diesen Gedanken kam wusste ich nicht), dann wurde ich jetzt eines besseren belehrt. Im Grunde genommen nahm niemand wirklich Anteil an unserem Erscheinen. Mutter wurde von einigen Leuten sehr höflich gegrüßt das war alles.

    Dann kamen wir an der Möbeltischlerei vorbei und ich blieb unvermittelt stehen um das Schaufenster zu betrachten. Da sah ich sie. Mai Ahnefeld. Die Tochter des Tischlermeister.

    Sie stand im Verkaufsraum und staubte die dort ausgestellten Möbel ab. Ihre dunkelbraunen Haare vielen in sanften Wellen um ihr Gesicht. Auch wenn sie klein war an Statur, so sollte ich bald bemerken dass sie einen überaus starken Charakter besaß, und einen nicht minder starken Willen. Beides war im Zusammenleben mit ihrem starrköpfigen Vater auch dringend nötig.

    Sie trug über ihre Jeans und Bluse, einen unansehnlichen Putzkittel. Doch mir war das egal! Ich sah nur die Silhouette ihres Gesichtes die ich nicht wieder vergessen konnte.

    Johannes!“

    Es war Mutter die mich rief. „Johannes!“

    Ich komme Mutter!“ Zunächst bekam sie es nicht mit, das ich stehen blieb. Doch dann traf sie Herrn Ahnefeld. Den verwitweten alleinerziehenden Vater von Mai und Tischlermeister seines Zeichen. Ein kräftiger Bärtiger Mann Mitte dreißig, der einen nicht unwesentlichen Teil seiner Aufmerksamkeit seiner einzigen Tochter widmete.

    Komm Junge!“ Und zu Herrn Ahnefeld gewandt. „Wir sehen uns Sonntag in der Kirche.“ „Einen Schönen Tag noch Fräulein von Alverdissen.“ Antwortete dieser. Man grüßte zum Abschied und ging fürs erste getrennter Wege. Mich immer wieder umschauend, ob dieses Mädchen nach draußen kam, folgte ich Mutter zum Bäcker.

    Unterwegs wies sie mich darauf hin das dieser Tischlermeister immer auf der Suche nach Lehrjungen war. Und nach Mutters Meinung ging nichts über das goldene Handwerk. Ganz dem Gedanken Goethes folgend;

    Allem Tun, allem Streben muß das Handwerk vorausgehen,

    welches in der Beschränkung hervorgeht!

    Du könntest, bis du mit der Schule fertig bist, dort schon etwas arbeiten und lernen.“ sagte sie. Wissend welche Vorliebe ich für die Bearbeitung von Holz hatte. Nicht wissend welche Vorliebe ich für Tochter Mai im Begriff war zu entwickeln. Hier von Bearbeitung zu sprechen wäre in einem Höchstmaße respektlos.

    Nachdem wir beim Bäcker Hohmeyer waren, bei dem mir nicht der Respekt der Anwesenden vor und für Mutter entging und ebenso entgingen wir nicht die neugierigen Blicke für mich. So verließen wir mit einem wohl gefüllten Leinenbeutel voller Brötchen die Bäckerei und gingen zum Friseur Dreyer. Auch eine neue Erfahrung. Nicht zu vergleichen mit dem Friseur der in das Waisenhaus kam. Denn dieser, so schien es, beherrschte nur einen Schnitt. Und den auch mehr schlecht als recht. Manche der Jungs, so auch ich, schnitten sich dann die Haare lieber gegenseitig. Entsprechend sahen wir auch aus am Kopf. „Wie ein Bund Wurzeln.“ Kommentierte Mutter meine Haarpracht. Na ja nun. Das würde jetzt ein Ende haben.

    Nach was es in diesem Friseurgeschäft auch immer roch, ich bekam kaum Luft als ich eintrat. Eine Blonde Frau mit hoch toupierten blondierten Haaren und einer enormen Oberweite kam auf uns zu und mit ….. Was kann ich für sie tun… und Fräulein Alverdissen da….. und ….Fräulein Alverdissen hier….. und so weiter, und …..der junge Herr…., wurde ich auf einen Stuhl verfrachtet und mir wurde mein erster wirklicher Haarschnitt verpasst. Dann, nachdem alle anwesenden Frauen mir bescheinigten wie toll ich doch jetzt aussähe und was für ein hübscher junger Mann ich wäre, verließen wir den Friseur wieder. Mutter, die sich die ganze Zeit dezent zurückhielt lächelte mich zufrieden an und fragte. „Und? Was sagst du?“

    Ja, äähm na toll!“ Damals fand ich es um ehrlich zu sein wirklich Ja…ääähm na toll. Also, was sollte ich anderes sagen?

    Toll!?“ sagte sie mit einem etwas pikiertem Unterton.

    Ja, wirklich echt toll. Ich war noch nie bei einem Friseur Mutter!“ Denn nach dieser Erfahrung wollte ich den aus dem Kinderheim so nicht mehr nennen. Erst später überlegte ich, wie man diese Luft dort den ganzen Tag atmen und ertragen konnte, ohne qualvoll zu sterben.

    Mit einem leicht säuerlichen Lächeln drehte sie sich um und wir hielten noch kurz beim Metzger Tristramm. Auch dieser hatte eine Tochter, Gundula mit Namen, die uns auch bediente. Jedes mal wenn ich sie ansah, lächelte sie mich an und senkte verlegen den Blick. Nannte mich Herr Alverdissen. Zugegeben war ich für mein alter hochgewachsen, aber Herr Alverdissen? Dennoch kann ich es nicht verleugnen, dass ich es auch genoss so angesprochen zu werden. Mutter nahm es mit ihrem leicht amüsierten Lächeln zur Kenntnis. Doch im Nachhinein mochte ich es lieber Morgenrot zu bleiben. Und was ich Mutter hoch anrechnete war, das es für sie auch vollkommen in Ordnung war.

    Zum Glück stellte Mutter beflissentlich keine weiteren Fragen mehr zu meinem Haarschnitt und wir gingen direkt nach Hause. Auf dem Heimweg schien sie mit sich und allem im reinen zu sein. Zumindest bis wir den Schustergesellen trafen.

    Nach Hause, das war neu! Sonst hieß es wir gehen ins Heim. Jetzt hieß es. Wir gehen nach Hause.

    Kapitel 5. / 1

    Herr Woitzek, der Schustergeselle.

    Morgenrot, Morgenrot, erst warst schön und dann warst tot…“ klang es in meinem Kopf immer wieder.

    Doch Gundula, des Metzgers Tochter hinterließ nicht den gleichen Eindruck bei mir wie Mai Ahnefeld. Auch wenn sie sicher gefällig anzuschauen war, hatte sie nicht diesen Liebreiz von Mai. Gundula war in ihrer ganzen Art, ihrem Wesen und ihrer Statur gröber und schwerfälliger, ja einfacher. Aber neben Mai konnte für mich kein anderes Mädchen bestehen. Sie bestach einfach durch ihre Natürlichkeit. Davon wie hübsch sie war ganz zu schweigen.

    Da ich bis jetzt in einem Waisenhaus für Jungen lebte, waren Mädchen doch weitestgehend ein fremdes neu zu entdeckendes Land für mich. Denn den Mädchen die ich bis jetzt kennen lernte, wurde der Umgang mit den Heimkindern verboten. Und den Unterschied würde ich bei meiner neuen Einschulung sofort bemerken. Denn ich war erstens kein Heimkind mehr und kam zweitens ab jetzt aus einem wie man so sagte, „guten Haus“ Ich war immer noch Johannes Morgenrot. Aber es hatte sich etwas verändert. Und dieses Land das ich zu entdecken wünschte, würde sich als weitaus komplizierter erweisen, als ich es je für möglich hielt. Oooh ja, das würde es.

    Mutter sähe es gerne das ich immer gesiezt worden wäre. Doch das war mir in einem derartigen Höchstmaße unangenehm das sie in weiten Teilen erst einmal davon absah! Deswegen wurde ich vorerst in der dritten Person angesprochen. Meist mit der junge Herr. Was wünscht…., möchte der Junge Herr… oder womit kann ich dem jungen Herren dienen. So der so ähnlich. Auch das war mir sehr unangenehm. Mein dreizehnter Geburtstag war noch fern. Nein, das wollte ich nicht, kam mir vor wie ein alter Mann.

    Doch Mutter erklärte mir das die von Alverdissens für hiesige eine respektvoll angesehene alteingesessene Adelsfamilie waren und das es sich daher geziemte mich so anzusprechen. Bei dieser Gelegenheit wies sie auch darauf hin, das ich bald gegebenenfalls auch die anderen Adelsfamilien kennen lernen würde. Fürsten, Barone und Grafen. Da musste ich mich entsprechend benehmen können und auskennen.

    Oh ja. Wir müssen diesen Rohdiamanten noch schleifen und polieren!“ sagte sie und tätschelte mir meinen Kopf

    Es war Sommer 1975, in diesen Zeiten tickten die Uhren noch etwas anders. Immerhin wurde einer ihrer Vorfahren für eine Heldentat die mir nicht bekannt war, zum Ritter geschlagen. Spätestens wenn ich adoptiert würde, wäre dies meine rechtmäßige Anrede. „Du wirst dich daran gewöhnen.“ sagte sie. „Und sei froh das heute nicht mehr Herr Junker von, oder Herr Ritter von … gesagt wird. Dann bist du Herr von Alverdissen,!“Aber in meinem Kopf hallte noch das Wort Adoption nach.

    Nun.“ sagte Mutter dann weiter. „Die Dinge müssen ja ihre Ordnung haben.Und dann werden wir auch noch einmal über Morgenrot sprechen, nicht war? Kommt Zeit, kommt Tat!“ Einer ihrer liebsten Aussprüche.

    Im laufe der nächsten Jahre würde nur einer bei der Anrede Morgenrot bleiben. Der Schustergeselle. Herr Morgenrot sagte er immer. Und den würde ich jetzt kennen lernen.

    Bevor wir aus dem Ort hinausgingen, kam uns ein kleiner gebeugt gehender Mann entgegen, der in seinem ganzen Verhalten durch und durch linkisch wirkte. Spontan musste ich an eine der Figuren denken die in Charles Dickens David Copperfield vorkam. An Uraiha Heep. Das war das Buch eines Jungen im Heim das ich las. Das wir alle lasen. Mehrfach! Und so sah es auch aus. Alt und abgegriffen. War der Renner damals im Heim.

    Glücklicher weise besaß Mutter ein große Bibliothek. Sie befand sich in einem Raum neben dem Salon. Alle Wände voll mit Büchern bis unter die Decke! Die meisten davon interessierten mich nicht, Aber einige sehr wohl. Dort fand ich auch David Copperfield und ich las es weiter. Als ich ihr die Frage stellte ob sie noch andere ähnliche Bücher hätte, holte sie einen fahrbaren Büchertisch, ging die Regale ab und nahm einige Bücher um sie darauf zu legen. Alle in Gebundener Erstausgabe! Bücher, wahre Schätze! Zum Beispiel Mark Twain, Jack London, Herrman Melville, Victor Hugo, Rudyard Kippling, Miguel de Cervantes, Alexandre Dumas. Und natürlich Jules Verne so wie Karl May. So wurde ich durch das Waisenhaus früh an Literatur herangeführt, die ich sonst sicher erst viel später kennen gelernt hätte. Aber ich greife den Dingen vor.

    Denn jetzt kam eine Leibhaftige Figur aus einem dieser Romane auf mich zu.

    Sein schmutzige Halbglatze, die von einem dünnen Kranz langer grauer strähniger Haare eingefasst war, glänzte in der Sonne. Und er kam direkt auf uns zu. Es sah so aus als ob er uns erwartete, sich dort mit Absicht positionierte. Ich konnte deutlich sehen wie unangenehm diese Begegnung Mutter war. Doch die Höflichkeit gebot ihr ihn anzuhören. Denn als er uns erreichte, baute er sich direkt vor uns auf und begrüßte Mutter überschwänglich. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, dann hätte ich glauben können das Mutter ihn fürchtete! Es war nicht einfach ihm zu folgen. Den dieser arme bemitleidenswerte Kerl, der nicht nur schmutzig und hässlich war, litt unter einem Tick. Immer wieder ruckte sein Kopf nach links oder rechts und er fasste sich ins Gesicht an Mund und Kinn. Die von seinen schmutzigen Händen vollgeschmiert waren. Es war der Schustergeselle und unter dem Gestammel kam heraus das ein Auftrag fertig zu Abholung sei. Er trug eine Lederne Schürze und sah ziemlich abgerissen aus.

    Aber Herr Woitzek. Sie werden doch sicher gerne zu mir kommen und mir die Schuhe bringen, oder?“

    Jjja…..sicher dochch….Fräullleinngngn…..Alverdddissss….. engngn!“

    Dann geschah etwas sehr bestürzendes. Plötzlich und ohne Tick sah er mich an und sagte.

    Ich kenne dich!“ Ich schwöre das ich diesen Mann nie zuvor in meinem Leben sah!

    Lebe im heute täglich wie in einem Fest.

    Was einzig zählt ist immer nur das jetzt.

    Und ebenso plötzlich stellte sich Mutter zwischen uns.

    Johannes! Wir gehen!“ sagte sie bestimmt.

    Sie fasste mich am Arm und wir gingen weg. Es kostete mich alle Mühe, mich nicht immer wieder umzudrehen und nach diesem merkwürdigen Mann zu sehen.

    Mutter, was war das?“

    Nichts Junge! Der Mann ist verwirrt. Du hast es sicher bemerkt.“

    Ja Mutter.“

    Kapitel 5. / 2

    Herr Woitzek der Schustergeselle.

    Der restliche Heimweg war eher still und Mutter reserviert freundlich. Neues bekam ich nicht mehr aus ihr heraus. Und es brannten so einige unbeantwortete und ungestellte Fragen auf meiner Zunge. Vor allem, was das gerade für eine merkwürdige Situation mit diesem komischen Mann war. Der, wenn ich so darüber nachdachte einen fast schon beängstigenden Eindruck bei mir hinterließ. Fast so als ob etwas von seiner sonderbaren Skurrilität an mir hängen geblieben wäre.

    Auf dem Rückweg nahmen wir nicht den direkten Weg durch den Wald, sondern den, der an der rückwärtigen, der Hauptstraße abgewandten Seite des Waldes entlang führte. Wir gingen auf einer sehr alten gepflasterten Straße die durch hohes Gras und wilde Wiesen führte. An den Rändern war die Natur dabei sie zu überwuchern und verschwinden zu lassen. Wie breit sie einst gewesen sein mag, war nicht mehr zu erkennen. Gras und alle möglichen Wildblumen, wie Löwenzahn, Distel, Kamille, Kornblumen oder Schafgarbe. Brenneseln. Brombeersträucher, und verschiedene

    Kräuter, wie Salbei, Beifuß Waldmeister oder Bärlauch wuchsen immer weiter über diese. Die Bauern der Gegend nutzten sie immer wieder. So mussten sie sich nicht dem allgemeinen Straßenverkehr aussetzen und hielten diesen Weg frei. Ansonsten wäre sie sicher schon lange verschwunden.Der Spätsommerliche Wiesenduft war herrlich. Die Pflastersteine waren sehr groß dunkel und glatt. Es handelte sich um eine der alten Handelsstraßen, wie mir Mutter erzählte. Auf dieser transportierten schon die alten Römer ihre Truppen und Waren und Sklaven. In meinem Geiste sah ich mich, wie ich durch eine Menge römischer Legionäre schritt, Pferde und Ochsenkarren links und rechts von mir. Überall stöhnende nach Hilfe wimmernde Gefangene, und Sklaven. An einem mangelte es mir noch nie. An Fantasie! Nur mich selbst sah ich dann nie. Ich war, wie ein unsichtbarer Beobachter. Außer wenn ich an Marcus Christianus dachte. Dann war ich selber auch gegenwärtig.

    Wir bewegen uns auf geschichtsträchtigem Boden.“ sagte Mutter noch.

    Nicht sehr weit von hier erlitten die Römer eine vernichtende Niederlage bei einer Schlacht um diese Länder. Schließlich kamen wir aber zuhause an. Auch wenn dieser Weg ein gehöriger Umweg war.

    Das Frühstück war ebenso eher still. Der Schustergeselle war es, der den bis dahin schönen Tag eintrübte. Nicht das Mutter schlechte Laune gehabt hätte. Sie wollte einfach nicht reden. Anne deckte für uns auf dem großen Balkon der von dem Salon abging ein, und wir wollten dort in der morgendlichen Sonne frühstückten. Als wir saßen kam sie mit einem Tablett auf dem zwei dampfende Kannen mit heißem Kaffee und Kakao standen, sowie ein geflochtenem Körbchen in dem unsere Brötchen lagen. Sie machte ganz beiläufig noch eine nette Bemerkung über meinen überaus adretten Haarschnitt, dann zog sie sich zurück. Mutter und ich begannen immer noch still zu frühstücken. Obwohl ich diese Frau kaum kannte und mit meiner Vorgeschichte normalerweise allen Grund gehabt hätte ihr zu Misstrauen, fühlte ich mich in ihrer Gegenwart so sicher wie noch bei keinem anderen erwachsenen Menschen zuvor. Da war etwas wie ein vertrautes Band das uns verband. Eine Vertrautheit wie ich sie mit Worten nie erklären konnte. Einfach so.

    Immer wieder ging mir der Vers den Herr Woitzek sagte durch den Kopf.

    Lebe im heute täglich wie in einem Fest.

    Was einzig zählt ist immer nur das jetzt.“

    Es dauerte nicht lange da erschien er unten am Tor um den fertigen Auftrag abzuliefern. Als Mutter ihn sah konnte sie sich ein abfälliges Schnauben nicht verkneifen. Wenig später kam Anton und nahm das Paket an. Das heißt er wollte es. Denn zunächst verwickelte der Schustergeselle in ihn ein lang anhaltendes Gespräch. Was Anton, selbst aus dieser Entfernung zu erkennen, sehr unangenehm war.

    Mutter?“

    Johannes?“

    Was meinte Herr Woitzek heute Morgen in der Stadt? Wieso hat er sich so komisch benommen?“

    Mein Junge, nicht jetzt. Dieser Mann ist sehr verwirrt. Der viele Alkohol hat seinem Verstand sehr zugesetzt. Noch so ein zerstörtes Waisenhauskind!“ Diesen letzten Satz bereute sie sofort.

    Er, er war auch in meinem Waisenhaus?“ schoss es aus mir heraus.

    In deinem Waisenhaus?“

    Im Waisenhaus.“

    Ja mein Junge. Damals gehörte es einer Gesellschaft die sich um Kriegswaisen kümmerte. Vorzugsweise solche die keiner irgendwo vermissen konnte oder würde. Aber das soll nicht unser Thema sein und ist lange her.“

    Ich sah über die breite steinerne Brüstung zu ihm herunter. Als er das sah winkte er mir verlegen, was ich ebenfalls verlegen erwiderte, was Mutter wiederum zu einem missbilligendem Kopfschütteln veranlasste.

    Johannes! Bitte!“

    Ich hörte von diesen Kindern. Sie wurden Kriegswaisen genannt, aber tatsächlich waren es vor allem Kinder die nicht dem Ideologischen Bild der Nationalsozialisten entsprachen. Geistig und körperlich behinderte zumeist. Sie wurden dort weggeschlossen und waren dann auch weg! Aus den Augen, aus dem Sinn, wie man so sagt. Kriegswaisenheim hörte sich damals ja auch besser an als Kinderbehindertenheim. Das Vaterland das sich kümmert! Wie sie behandelt wurden und was mit ihnen passierte? Es gab Gerüchte. Gerüchte von Elektroden die an den Köpfen angebracht wurden. Und es gab einen Raum. Einen Raum mit einer Stahltür gesichert. Wozu gab es so eine Tür in einem Waisenhaus? Eine Tür, die immer verschlossen war. Ich lebte dort, in diesem Haus. Wir alle wollten es nicht wissen.

    Hier in der Gegend wusste man ebenfalls nicht was sich früher dort tat. So sagten es jedenfalls alle. Keiner konnte etwas dafür. „Hätten wir das gewusst, dann…“ Allein mir fehlte der Glaube und er tut es noch!

    Kapitel 5. / 3

    Herr Woitzek der Schustergeselle.

    Oft hörte ich sie diese Worte sagen. Aber so unwissend konnte man doch nicht sein, dachte ich. Schon gleich überhaupt nicht einem so kleinen Ort.

    Heute denke ich das es eher so war, das sie selber genau das glauben wollten. Wohl wissend dass sie nicht in der Lage waren sich diesem Grauen zu stellen. Ihre eigene Machtlosigkeit, oder Gleichgültigkeit erkennend. Die grauen Lieferwagen die über Jahre alle zwei Wochen auf den Tag genau vorfuhren und die auf dem Hin- und auf dem Rückweg den Ort passierten konnte man nicht übersehen. Und sie mussten wissen, oder zumindest erahnen, was sich in diesen befand. Einige Ansässige betrieben Handel mit diesem Heim und von keinem befand sich Ware in diesen. Einer dieser Wagen fuhr zu meiner Zeit immer noch für das Waisenhaus um Vorräte und anderes zu transportieren. Mir wurde im Nachhinein noch schlecht, wenn ich bedachte was in diesem, außer Essen, alles transportiert wurde.

    Plötzlich empfand ich ein kaltes Schauern bei dem Gedanken wo ich bis jetzt lebte. Fühlte mich fast mitschuldig. Ich sah Mutters Blick die mich ernst ansah und stumm nickend ihre Hand auf meinen Oberarm legte.

    Ich weiß mein Junge. Ich weiß.“ Es war als ob sie in mir lesen konnte. Und ich betete inständigst das die von Alverdissens damit nichts zu tun haben sollten.

    Damals war diese Zeit unserer Geschichte noch sehr nahe.

    Wieder sah ich den Herrn Woitzek an und empfand tiefes Mitleid an ihm. Innerhalb von wenigen Sekunden sah ich ihn vollkommen anders. Er veränderte sich nicht, ich sah nur etwas anderes in ihm. Sah ihn so alt wie ich jetzt war. Und fühlte erstmals dieses Grauen. Dieses Grauen als Kind in diesen Raum mit den Elektroden geführt zu werden. Nicht wissend wie ich ihn wieder verlassen würde. Verstand jetzt diese tief in mir verwurzelte Angst vor dieser immer verschlossenen Tür aus Stahl, die ich mich noch nicht einmal zu berühren getraute. Noch nicht einmal in ihre Nähe wagte ich mich. Ein Grauen das sich über all die Jahre, tiefer und tiefer in mich hineinfraß. Ich war damals noch ein Kind. Und das meiste von dem was ich erfuhr, überstieg meinen Horizont bei weitem. Dennoch konnte ich wahr von unwahr, oder Gut von Schlecht unterscheiden. Um so schrecklicher war die Erkenntnis, wie wahr das war, das ich über das Waisenhaus erfuhr. Das es sich nicht um erdachte Geschichten handelte, sondern das es wirklich geschehen ist.

    Wie war das alles nur möglich?

    Und so erfuhr oder erkannte ich auch, wie war all diese Geschichten über die Inquisition der Katholischen Kirche wirklich waren! Das es ebenso wenig erdachte Geschichten waren, sondern wahrhaftig geschehenes. Menschliche Schicksale! Menschen, mit all ihren Empfindungen.

    Oft verbunden mit unsäglicher Qual, unsäglichem Leid!

    Glücklicher weise behütete mich mein kindliches Gemüt damals noch vor der vollen Wucht dieses Erkennens.

    Aber seit mir dies als Erwachsener in vollem Umfang klar geworden ist, verdamme ich dieses widerwärtige Gebaren der Kirchen genauso, wie das der Nationalsozialisten und betrete bis zum heutigen Tage vor Ekel keine Kirche mehr.

    Nie wieder würde dieses Gefühl des Grauens mich verlassen. Ich erwachte, auch als ich längst schon ein Erwachsener Mann war, von Albträumen geplagt schweißgebadet mitten in der Nacht.

    Zu meiner damaligen Beruhigung erfuhr ich noch am selben Tag, das die von Alverdissens nichts mit dieser Folter zu tun hatten. Falls man das in diesem Zusammenhang überhaupt sagen kann. Anton beantwortete mir diese Frage, denn Mutter mochte ich danach nicht fragen. Ich nahm mir dann aber fest vor mit meinen Urteilen künftig vorsichtiger zu sein. Und ich nahm mir fest vor mit Mutter über Herrn Woitzek zu reden. Denn ich wollte unbedingt erfahren warum sie ihn so sehr ablehnte! Ich spürte instinktiv das es da mehr gab, mehr dahintersteckte. Was war es das es ihr so unangenehm machte über, geschweige denn mit, diesem Menschen zu sprechen? Denn das im Waisenhaus geschehene konnte es nicht sein. Damit hatte sie ja nichts zu tun.

    Doch an diesem Tag würde ich sie nicht mehr danach fragen.

    Anton brachte die Schuhe und Mutter gab ihm den Auftrag mich in die Handhabung der Werkzeuge und Maschinen in der Werkstatt einzuweisen. So hatte sie mich für den Rest des Tages aus dem Weg und ich war beschäftigt und konnte mich mit Anton unterhalten. Denn bei dieser Gelegenheit sollten wir auch gleich einige kleinere Reparaturen am Haus vornehmen. Eine Tür die nicht mehr richtig schloss, die Spülung im Gäste WC musste repariert werden, Am Zaun gab es einiges zu tun und der Rasenmäher mähte nicht mehr richtig. So lernte ich auch gleich wie man das Messer des Rasenmähers schliff.

    Während Anton sich umzog dachte ich über Herrn Woitzek nach. Auch ich erlebte eine Veränderung die zunächst eigentlich nichts mit mir zu tun hatte. Ich war ja auch immer noch der selbe wie gestern. War ich wirklich erst seit gestern hier? Dann kam Anton wieder.

    Wenn man ihn jetzt so sah, in seinem blauen Handwerkerkittel, sah er aus wie ein ganz anderer Mensch. War es das was den Menschen ausmachte? Was er anhatte und was man über ihn wusste? Oder war es etwas ganz anderes. Etwas das aus dem Menschen selbst herauskam. Diese Frage begleitete mich sehr lange. Und im Grunde genommen begleitet sie mich immer noch. Auch wenn ich dem Gedanken am liebsten folge den Walter eines Tages mir gegenüber äußerte. Das der Mensch das ist was er tut. Und das es vollkommen unerheblich ist was er an hat. Oder was andere über ihn denken mögen. Denn letztendlich stehen wir alle irgendwann alleine vor der Waage des Lebens in der wir am Schluss gewogen werden und in der wir für zu leicht oder zu schwer befunden werden.

    Denn mit dem Maß mit dem ihr messt, werdet ihr gemessen.“

    Aus irgend einem Grund fühlte ich mich damals wie in einem Theaterstück. Ich kannte meine Rolle nicht, aber hier liefen Fäden des irdischen Daseins zusammen. Alles schien aus einem bestimmten Grund zu geschehen. Fast zwangsläufig. Wenn es dann geschah konnte man denken; „Ja! Genauso muss es sein!“

    Und damit sollte ich noch nicht einmal so weit von der Wahrheit entfernt liegen.

    Ich war jung, und ich wusste noch nicht viel. Aber all das was in den letzten Tagen bis heute geschah verdichtete sich immer mehr.

    Die arbeiten waren erledigt und Ich stand in der Werkstatt und dachte nach. Diese Visionen von Marcus Christianus, der eine Alverdissen liebte. Und der genau im richtigen Moment erschien um mich dazu zu bringen hier zu bleiben. Meine Träume von ihm waren so real. Die Nähe dieser Druidenstätte. Dieser Wackelsteine und was ich dort erlebte! Das kurz darauf eine Alverdissen mich fand. Das Buch im Turm und was ihn ihm stand. Und auch dieser merkwürdige schmutzige Schustergeselle. „Ich kenne dich!“ Dieses Zeichen das mich so sehr beeindruckte und das etwas mit diesem Glauben eben dieser Druiden zu tun hatte zu denen auch Marcus Christianus gehörte. Das wusste ich ebenfalls von Anton. Als ich ihn fragte während unserer Hausmannstätigkeiten. „So Druidenzeug!“ sagte er knapp. „Das ist die Leidenschaft vom Fräulein.“

    Das mit den Druiden sagte ja auch Walter. Wer sie waren und was sie so im allgemeinen glaubten. Urchristen nannte er sie.

    Das alles erschien mir wie ein Sog der mich in die Erlebnisse der Vergangenheit zog. Wie die Erforschungen eines alten Hauses in dem niemand mehr wohnte, in dem aber noch überall die Spuren seiner vorherigen Bewohner zu sehen waren. Eine Reise in die Vergangene Geschichte. Aber warum geschah all das?

    Da klopfte es sanft an der Werkstatttür. Anne stand dort.

    Und jetzt wollte ich mich nur freuen für den Moment. Denn gerade sagte Anne das wir Besuch erwarteten. Zum späten Kaffee sollten Walter und Thea kommen!

    Kapitel 5. / 4

    Herr Woitzek der Schustergeselle.

    Ehrlich? Walter und Thea kommen, hierher?“

    Ja Johannes. Das Fräulein hat sie eingeladen. Sie waren sehr überrascht und freuen sich sehr für dich. Das soll ich dir ausrichten. So! Jetzt geh auf dein Zimmer du kleiner Handwerker, ruhe dich etwas aus und zieh dich um.“

    Ich sah Anton an. Er trug wieder seine üblichen Sachen. Diese Schwarze Robe in der er mich immer an den Bestatter aus dem Ort vom Waisenhaus erinnerte. Herr Övermann. Schon als kleiner Junge fand ich es immer wieder sehr erstaunlich wie die Menschen sich auch im Erscheinungsbild ihrer jeweiligen Arbeit anpassten. Der rotbackige Obstverkäufer. Der ernste Postbeamte. Und eben der immer eine Trauer vor sich hertragende Bestatter.

    Und Anton der introvertierte Butler, der auf jedes Detail achtende ernsthafte Diener seiner Herrin.

    Den ich jetzt so glaube ich jetzt das erste mal lächeln sah.

    Ja, es ist gut Johannes.“ sagte er. „Wir haben alle Aufgaben erledigt die uns das Fräulein aufgetragen hat. Geh und zieh dich um.“

    Danke Anton!“ Dann drehte ich mich um und rannte auf mein Zimmer. Bevor ich jedoch aus der Hörweite war hörte ich Anton noch sagen. „Er ist ein guter Junge Anne. Fleißig und aufmerksam. Da hat das Fräulein wirklich eine gute Tat getan.“ Mein Herz ging auf und ich wäre fast gestolpert.

    Im Zimmer angekommen legte ich mich auf mein Bett und konnte vor Aufregung kaum atmen. Walter und Thea wollten mich hier besuchen! Kaum zu fassen das ich erst gestern hier ankam. Mir kam es so unendlich viel länger vor. Alles hatte sich so sehr verändert und ich erlebte so viel in dieser Zeit.

    Die beiden waren für mich das, was meinem Empfinden einer Familie am nächsten kam. Obgleich ich nie vergaß, das sie nicht meine Familie waren. Zumindest nicht dem Blute nach. Doch es gibt Verwandtschaft die sich nicht durch das Blut erklären lässt.

    Einmal sagte ein Junge im Heim zu mir, das er sich solche Großeltern wünschen würde. Seine lebten noch, wollten ihn aber nicht bei sich haben. Was war dann die Familie Wert, dachte ich. Wenn Fremde einem näher sind wie Blutsverwandte.

    Sollte man seine Familie nicht doch lieben? Doch das Wort „sollte“ ist der Liebe fremd. Ihrem tiefsten Wesen nach, wendet sich die Liebe dorthin wohin sie will, ohne wenn und aber.

    Es gibt Familien die vollkommen ohne Liebe füreinander sind, ohne das auch einen davon irgendeine Schuld trifft. Trotzdem ist keiner vollkommen ohne Liebe. Diese wohnt in jedem, denn ohne Liebe wäre ein Leben vollkommen unmöglich. Sie sind einfach ohne die Fähigkeit zur Liebe füreinander geboren. Aber sie sind nicht ohne Liebe, sind nicht leer. Das ist niemand. Niemals.

    Dieser zwangsläufigen Unsitte Väter, Mütter, Brüder und Schwestern räumlich nicht nur einfach zusammenleben zu lassen, sondern dies auch als einzig wirklich harmonische Lebensgrundlage anzusehen, bringt leider oft unabsehbaren Schaden.

    Niemand kann glücklich leben, es sei denn man lebt mit Menschen, die die gleiche gedankliche Ausrichtung haben, die die gleiche Aspiration oder Hoffnungen, die gleichen Impulse haben.

    Und das sind eben nicht immer unsere Blutsverwandten.Anfangs habe ich sehr darunter gelitten keine Familie zu haben. Doch dann kamen immer mehr fremde Menschen in mein Leben, die zu meiner Familie wurden.

    Manch einer sogar nur in den Büchern die ich las.

    Walter und Thea. Sie waren immer da und kümmerten sich um mich. Zumindest so weit dies möglich war. Denn das Gesetzt setzte ihnen klare Grenzen. Und jetzt kamen sie hierher um mich in meinem neuen Heim zu besuchen. Aber das war so nicht richtig. Denn es war nicht mein neues Heim, es war mein erstes Heim.

    Und Mutter. Ja Mutter, die ich trotz allem siezen musste. Was sie mir näher brachte, als diese ganze aufgesetzte liebhabhudelei. Wie unangenehm sind diese Berührungen von Menschen die man kaum kennt und die einen „lieb haben“. Und die Kinder begrüßen wie einen kleinen niedlichen Pudel. Sich dann wegdrehen und nicht mehr darüber nachdachten.

    Jeder der einmal als Kind sehr lange von seiner Familie getrennt war, kennt dieses Gefühl des Verlustes, des Getrennt seins. Doch ich empfand es erst als ich erfuhr das sie kamen. Erst da bemerkte ich wie wichtig sie für mich waren und wie sehr sie mir fehlten. Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte mir das ich noch genug Zeit hatte. Also beschloss ich ich hier einfach noch einen Moment liegen zu bleiben und zu denken und atmen. Einfach so.

    Erst ihr anstehender Besuch machte es für mich deutlich. Es machte mir deutlich wie sehr sich mein Leben in so kurzer Zeit veränderte.

    War ich doch bisher ein Waisenkind aus dem Nirgendwo des Seins. Ohne Existenz ohne Zukunft. Abgelegt wie ein Bündel vor eine Tür. Oft stellte ich mir die Frage ob es nicht eigentlich erst dieser Moment war der mich das Licht der Welt erblicken ließ. Vorher war ich nicht existent. Wäre ich nicht rechtzeitig gefunden worden, hätte ich dann überhaupt existiert? Immer wieder stand diese Frage in greller Nacktheit vor mir. Und diese Perspektive in meinem Gedächtnis konnte bisweilen zu einem Alpdruck werden. Diesen seltsamen Dissonanzen mein ganzes bisheriges Leben ausgesetzt, wenn ich mir meines jammervollen Schicksals bewusst wurde. Aber niemals war ich bereit mich diesem zu ergeben.

    Ich wusste ja nicht, war es Zufall oder Absicht das diese Tür zu Walter und Thea gehörte. Gerne stellte ich mir vor das meine Mutter dies genau so plante. Auch wenn Walter, der immer ehrlich zu mir sprach, sagte das er nicht wusste wer meine Mutter war.

    Als hilfloser Säugling einfach anderen vor eine Tür gestellt. Lediglich mein Namensschild gab einen Hinweis wer ich war. Ohne woher und ohne wohin kam ich in dieser Welt an und landete in dem Waisenhaus. Viele Jahre verschloss ich mein Herz vor den Gedanken an meine Mutter. Die es für mich nicht wert erschien, sich mit ihr zu beschäftigen. Die Frage; was war sie für ein Mensch? Wollte ich nicht stellen,

    Obwohl ich schnell verstand was mir geschah kann ich mich nicht daran erinnern das es je einen Moment gab in dem ich mir nicht sicher war aus all dem herauszukommen. Und wenn ich deswegen als sechsjähriger Zeitungen austragen musste, dann war es eben so.

    Immer schon zogen mich die Wackelsteine an.

    Und immer schon wusste ich das die Brüder des Waisenhauses Jesus nicht verstanden. Diesen aufrechten Mann mit seinen langen dunklen Haaren und seinen braunen Augen, und dem einfachen Gewandt. Der eine klare einfache Sprache sprach, die jeder verstand. So sie nicht durch das Latein entfremdet wurde. Den Jesus sprach kein Latein.

    Johannes?“

    Jetzt lag ich hier und tat das, was ich schon in Kindertagen am besten konnte. Was ich früh lernen musste. Abwarten. Auch wenn es mir dieses mal zugegebener Maßen so schwer viel wie noch nie.

    Johannes?Warum warst du nicht zur Beichte?“

    Was? Wer spricht da?“ Ich ging zur Tür, doch dort befand sich niemand. Die Stimme hörte sich an als spräche sie durch eine lange enge Gasse zu mir.

    So! Du bist nun von ihm eingetragen in das Buch des Lebens. Ich vergebe dir all deine Sünden. Die begangenen und die, die du noch begehen wirst!“

    HALLO!“ rief ich noch einmal laut in den Flur.

    Da sah Anne erstaunt um die Ecke.

    Johannes, ist alles in Ordnung?“ „Ja, ja ich dachte nur ich hätte jemanden gehört der nach mir ruft.“

    Nein mein Junge. Es hat niemand nach dir gerufen. Leg dich noch einen Moment hin. Es ist eben doch viel passiert nicht war? Ein kleiner Plausch mit deinen Freunden und dem Fräulein bei Kaffee und Kuchen, oder in deinem Fall Kakao, und danach kannst du machen was du willst. Morgen gehen wir zum Gottesdienst. (Und dieser Gottesdienst barg eine große Überraschung)

    Dann hast du die ganze nächste Woche frei. Und am Montag kommst du in deine neue Schule. Also geh in dein Zimmer und ruhe dich noch etwas aus. Ich sag dir dann Bescheid.“

    Kann ich auch in den Garten gehen?“

    Selbstverständlich! Wenn du möchtest? Ich muss noch einiges vorbereiten. Bis gleich!“

    Ich drehte mich um und ging doch erst einmal in mein Zimmer. Schon als kleines Kind hörte ich immer wieder Stimmen. Doch nie so klar wie heute. Ich tat es wegen der ganzen Aufregung als Einbildung ab und dachte an Walter und Thea.

    Zwei Welten würden sich heute begegnen. Die alte, trostlose und harte Welt vergangener Tage. Und das blühende Heute und morgen.

    Walter und Thea, kamen aus diesem alten Leben und ich würde nie vergessen, was diese beiden für mich taten. Und Mutter? Sie wurde immer mehr zu meinem Engel.

    In diesem Moment musste ich wieder an Frau Köhler denken. Sie war auch ein Lichtblick in diesem trostlosen alten Leben.

    Hallo mein kleiner Sonnenschein am Morgen.“

    Was sie sich wohl zu sagen hatten. Mutter und meine beiden Freunde? Und warum rief Mutter sie an? Mutter die so hart erschien, aber so etwas feines zartes, niemanden-verletzen-können, an sich hatte.

    Die wie ich mir sicher war ein tiefes Wissen über viele Zusammenhänge in dieser Welt hatte.

    Es klopfte leise und Anne trat ein.

    Johannes mein Junge. Du kannst langsam herunterkommen. Ist alles in Ordnung bei dir?“ Ich nickte kurz und ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte mir. Zwei Stunden waren vergangen. Wo immer ich auch mit meinen Gedanken war, es waren zwei Stunden vergangen. In den Garten konnte ich ja auch erst später gehen.

    Also zog ich mir frische Sachen an, wusch mir das Gesicht und kämmte meine Haare bevor ich runterging. Haare kämmen! Auch so eine neue Angewohnheit.

    Ich war so aufgeregt Walter und Thea hier wiederzusehen. Sie waren immer so gut zu mir. Sie sorgten immer dafür, das mein kleines Licht der Hoffnung immer in mir leuchtete. Irgendwie war es auch ihr Verdienst das ich jetzt hier war. Ich kam vor Aufregung kaum die Treppe herunter.

    Kapitel 5. / 5

    Herr Woitzek der Schustergeselle.

    Um nicht doch noch zu stolpern ging ich die restlichen Stufen betont langsam. Unten am Fuß der Treppe angekommen, konnte ich die Stimmen von Mutter und meinen Freunden aus dem Salon hören. Ich blieb einen Moment stehen. Nicht um zu lauschen, sondern weil das alles so verwirrend für mich war. Dann setzte ich mich auf die unterste Stufe und hörte weiter die Stimmen aus dem Salon, ohne ihre Worte wahrzunehmen. Ich war das Kind das sich am Klang der Stimmen erfreut, weil sie da waren. Eines bemerkte ich aber schnell. Sie kannten sich schon. Denn ihr Gespräch hatte eine große Tiefe und Vertrautheit. Einen Satz von Walter vergesse ich nicht mehr.

    Wir leben nur um der Vollendung unserer Seelen willen, und wir müssen dieses Ziel unverrückbar in uns verankern. Dann wird uns eine nie gekannte Gelassenheit zuteil. Einer Gelassenheit die uns durch alle Stürme und Schwierigkeiten trägt. Unserem Ziel entgegen. So wirst auch du dein Ziel erreichen.“

    Mutter antwortete.

    Ja Walter. Wie immer findest du die angemessenen Worte.“ Sie kannten sich!

    Zugegebenermaßen war ich damals noch sehr jung. Aber mein Leben lang sah ich Walter und Thea nur bei ihnen Zuhause, an ihrem Tagungsort. Ich kannte es nicht anders. Das war meine Welt. Ihre Welt kannte ich nicht.

    Besuche im Heim waren nur von Verwandten erlaubt, nicht von Freunden oder Bekannten. Die wenigsten von uns besaßen aber irgendwelche Verwandte. Daher fanden jedwede Besuche dieser Art eher selten statt. Deswegen musste ich immer erst den ganzen langen Weg bei Wind und Wetter, vom Heim zu ihnen laufen. Auf dem Hinweg meist bergan. Immer in dem Bewusstsein es gegen den Willen der Katholischen Brüder in dem Heim zu machen. Oft kam ich mir vor wie ein Verbrecher. Denn um unnötigen Diskussionen und spöttischen Bemerkungen aus dem Weg zu gehen, log ich meist wohin ich wollte. Ich musste ja auch immer damit rechnen das sie es mir verboten. Walter und Thea waren so etwas wie meine Insel. War ich bei ihnen, wollte niemand etwas von mir. Immer empfingen sie mich freundlich und mit warmen Worten der Zuneigung die ich damals so bitter nötig hatte.

    Und nun waren sie hier. In meinem neuen Zuhause. Nun waren sie hier bei mir zu Besuch. Wie ich da so starr vor Aufregung saß, hatte ich das sichere Gefühl, das ein erster Teil meiner Wanderung beendet war. Das jetzt ein neuer Abschnitt meiner Lebenswanderung begann. Die Zeiten des einsamen Waisenjungen waren vorbei, Ein Waisenjunge blieb ich immer. Aber ich war nicht mehr allein und einsam. Würde es nie wieder sein. In einem Moment hatte das Leben, die alte Welt, das alte Leben verschluckt. Auf damals für mich unbegreifliche Weise, veränderte sich mein Leben. Meine Sicht auf viele Dinge veränderte sich.

    Viele der Gedanken die ich hier niederschreibe viele der Erkenntnisse kamen erst später. Doch im Kern, war es das was ich fühlte, was ich wahrnahm.

    Tief in meinen Gedanken versunken, bemerkte ich nicht das Anne aus der Küche kam und sich hinter mich stellte. Sanft legte sie ihre Hand auf meine Schulter und sagte. „Du kannst ruhig hineingehen Johannes. Sie warten nur auf dich“

    Ich nickte und ging in den Salon.

    Mutter, Thea und Walter saßen am Tisch und drehten sich zu mir als ich eintrat. Verlegen blieb ich einen Moment in der Tür stehen. Es war Walter der die Starre löste aufstand und die Arme weit ausbreitete.

    Johannes! Junge! Was für ein großes Glück für dich!“ Da viel auch von mir die Starre und ich lief zu ihm und in seine Arme. Dann umarmte ich Thea, die ebenfalls aufstand.

    Ich habe es dir doch gesagt Johannes.“ sagte sie. „Alles wird sich finden und es wird gut für dich. Und dank Fräulein von Alverdissen, ist es jetzt auch genau so gekommen. Ach mein Junge. Ich freue mich so sehr für dich. Und schau nur wie gut du aussiehst! Deine Haare, und diese schönen Sachen die du anhast!“

    Ein kurzer Blick zu Mutter und ich sah das sie lächelte sah sogar so etwas wie ein feuchtes schimmern in den Augen.

    Ach Frau Winkler. Es ist mir doch ein reines Vergnügen. Johannes ist ein so lieber Junge und er hat so oft und gut von ihnen geredet. So und jetzt setzen wir uns doch alle mal hin, und sprechen über alles. Warum sie Thea jetzt siezte verstand ich nicht, war mir aber auch egal.

    So saßen wir noch einige Zeit zusammen und redeten. Ich über all die wundervollen Dinge die ich hier hatte und erlebte und wie dankbar ich war. Walter und Thea vor allem darüber wie sie mich fanden und was für ein kleiner Schatz ich immer war. Sie hatten auch einige Fotos dabei, die mich als Säugling zeigten. Mutter darüber was für eine Bereicherung ich in diesem Haus wäre. Es war ein Gespräch voller Freundlichkeiten und einfach nur nett.

    Kaffee und Kuchen und mein Kakao schmeckten gut. Und nachdem ich versprach das ich die beiden schnell besuchen würde verabschiedeten sie sich wieder.

    Walter nahm meine rechte Hand in seine beiden. Sah mir in die Augen, und sagte noch.

    Nun mein Junge. Jetzt kannst du aus deinem Leben all das machen, wovon du immer geträumt hast.“ Dann waren sie wieder fort.

    Mutter tätschelte kurz meine Wange und sagte.

    Ja Johannes. Ich kann wirklich verstehen, das diese beiden Menschen dir so wichtig sind. Sie sind wirklich wundervoll. Ihr Einfluss auf dich ist deutlich zu erkennen.

    So mein Junge. Ich habe jetzt einigen Papierkram zu erledigen. Du kannst machen was du möchtest. Schau dich hier, oder draußen ordentlich um. Erkunde dein Heim. Wenn etwas ist frag Anton oder Anne. Wir sehen uns dann zum Abendessen.“

    Danke Mutter. Ich werde mich draußen umsehen.“ „Viel Spaß!“ sagte sie und verschwand in ihrem Büro.

    Ich stand noch einen Moment unschlüssig herum. Erst wollte ich fragen woher sie sich kannten. Doch ich ließ es. Es war nicht so wichtig für mich. Anne kam um aufzuräumen was ich zum Anlass nahm um nach draußen zu gehen. Den Dachboden würde ich später erforschen.

    Draußen im Garten traf ich Anton der in seinem blauen Kittel die Rosen schnitt und den ich fragte wie weit es zu den Wackelsteinen wäre.

    Zu Fuß oder mit dem Rad zu weit.“ sagte er. „Aber wenn du dorthin möchtest dann sag dem Fräulein Bescheid, sie hat sicher nichts dagegen wenn ich dich dort hinbringe.“

    Ich bedankte mich und wusste ich würde sie bei nächster Gelegenheit danach fragen.

    Es war ein schöner Spätsommernachmittag und ich lief etwas unschlüssig auf dem weitläufigen sehr gepflegten parkähnlichen Gelände hin und her. Für den Moment gab es nichts neues zu entdecken. Ich setzte mich auf eine Gusseiserne Bank in die Sonne. Baumelte mit den Beinen, freute mich einfach darüber was war und was noch alles kommen würde. Ich sah immer wieder zu dem großen Haus, fand das Fenster zu meinem Zimmer und sah den Turm daneben an. „Meinen Turm“. Irgendwie war das alles so unglaublich. Der Besuch beruhigte mich sehr. Etwas aus meinem früheren Leben war mit meinem neuen Leben verknüpft worden. Ich verband so etwas aus diesem alten Leben in das neue, und das war sehr schön.

    So verbrachte ich mit hin und herlaufen und hier und da sitzen und den Zaun abgehen, auf den einen oder anderen Baum klettern und so weiter und so fort, den Nachmittag. Dann irgendwann, ging ich auf mein Zimmer. Dort blieb ich auch bis zum Abendbrot.

    Am nächsten Tag dann, gingen wir in die Kirche und ich würde das Gespräch meines Lebens führen. danach änderte sich alles.

 

Kapitel 5./6

Herr Woitzek der Schustergeselle, und wie die Dinge sich immer mehr klären.

Der Rest des Samstags verlief ruhig. Abends lag ich zum zweiten mal in meinem Bett. Die Vertrautheit in meinem neuen Heim wurde immer größer.

Ich verstand und erkannte;

Dies war ab jetzt mein neues Leben! Durch diese neue Erfahrung erwachte ein neuer Johannes in mir und er begann sich zu regen und zu sehen und zu hören. Was Morgenrot dazu sagen würde, ich war gespannt. Draußen im Garten stand ein riesengroßer Fliederbusch. Und durch das offene Fenster drang der süßliche Geruch von diesem in mein Zimmer.

Ich Atmete tief durch und füllte die Lunge in meiner Brust mit diesem herrlichen Duft. Ich war kein Heimkind mehr! Dieser neue Johannes sagte in mir, das ich ab sofort nie wieder meinen Blick unterwürfig anderen gegenüber senken würde. Respekt und Demut ja, aber immer im Sinne von gleichgestellten. So schlief ich mit einem seligen Lächeln schließlich ein. Morgens machten wir uns gemeinsam auf zum Gottesdienst im Ort. In dem feinen Sonntagsanzug kam ich mir vor wie mein eigener Bestatter, sagte aber nichts.

In der Kirche hatten die von Alverdissens eine eigene Bank gleich rechts vorne vor dem Altar unter den Aposteln. Von der ganzen Gemeinde beobachtet nahmen wir Platz und folgten dann dem Gottesdienst.

Wieder draußen vor der Kirche, wurde Mutter in verschiedene Gespräche verwickelt in denen immer wieder von der Neugierde getriebene fragten wer ich den sei und wo ich herkäme. Freundlich nickend, wandten sie sich mir dann zu und sagten. „Der junge Herr von Alverdissen. Gott segne sie!“

Mir wurde das immer unangenehmer und mit der Erlaubnis von Mutter ich zog mich zu einem der Seiteneingänge zurück. Dort wurde ich dann von dem Schustergesellen Herrn Woitzeck abgefangen und in einen kleinen muffigen Hauswirtschaftsraum gezogen. Wieder erschien es so, als ober dort wartete. Noch bevor ich nach Mai Ahnelfeld Ausschau halten konnte, folgte ich ihm trotz eines tiefen Wiederstrebens in mir. Meine eigene Wissbegierde war einfach zu groß.

In dem Raum stand ein grober Holztisch auf dem eine verrußte Öllampe stand, und zwei Stühle auf die wir uns setzten. An den Wänden standen Regale voller Kisten und alles war voller Spinnweben die sich in den Luftzügen bewegten.

Der jungngngne Herrrr vonAlverdisngngn….. oder solllte ichchcsagen gengngn Morrrgngenrothh?“

Sie kennen mich?“ sagte ich ehrlich überrascht.

Aufff ein Wort, sie habengn doch etwass Zeitchch?“

Ich nickte. Wo sollte ich auch hin?

Oooooohh ja! Ja, ja, ich kennne daasssss, ich gngn kennn ddddasssss..Kinngn…“

Das Kinderheim?“ „Jjjaa. Geennnau.“

Mit ihm zu sprechen war zunächst etwas anstrengend. Immer wieder zuckte und ruckte sein Kopf und wenn er sich in sein Gesicht griff wurde es auch nicht besser. Doch nach und nach beruhigte er sich und man konnte fast normal mit ihm sprechen. Deutlich spürte ich das ich es war, der ihn verlegen machte, nicht die Geschichte die er zu erzählen hatte. Wenn ich das Wort an ihn richtete, wurde er nervös.

Ich kann das Gespräch nicht in allen Einzelheiten wiedergeben. Beschränke mich auf die einfachsten Unterbrechungen. Nicht alle …gngngn…, und ssss, chchc.

Als Schuster war er sehr gut. Da musste er ja auch nicht reden.

Die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl er sah mich als gleichaltrig an. Vergaß das ich ja noch ein Knabe war. Siezte mich. Sah in mir einen Erwachsenen, was mich sehr verwirrte.

Ssssie llleben bbei derr Herrin? J ja,ja?“

Ja Herr Woitzek.“ mir wurde es immer mulmiger und ich überlegte ob ich nicht besser bei Mutter geblieben wäre.

Kennen sie den die Geschchcichchtee?“

Die Geschichte? Von wem?“

Von den Alverdissense, ja? Ja?“

Nein. Nein Herr Woitzek. Die kenne nicht. Waren sie denn auch in dem Heim?“

Bei dieser Frage zuckte er zusammen und sah sich erschrocken um.

Nnnnich darrüber rrereden der jjunge Herr. Nnnein neeiein!“

Nicht über das Heim reden?“

Nein. Ssonst kommen sie doch mit den Feuerstäben und hallltenn sie an mmeinenn Koopfgngn!!!“ Dabei hielt er beide Hände Kopfschüttelnd an seine Schläfen.“

Das war es dann. Er meinte die Elektroden.

Ist gut!“ sagte ich beruhigend. Denn er regte sich sehr auf. „Wir reden nicht darüber und es wird niemand kommen.“

Gngn gut! Sssehr gut. Ja, ja dass isst gngut. Schlimme Zeit damals. Böse Menschen. Sehr böse. Trugen immer Uniformen. Böse Menschengngn böösee. Wie damals, gn ja,ja damals. Sie he, he, he, sie kennen gn das Wappen der Alverdissense? “

Das mit dem Mönch?“ fragte ich.

Mönch? Hagnhaha.. jjjja Mönch. Keinnngn Mönch. Nnneinn neiemgmnch Mönch.

Mmmcarcus issstn seinnname ha. Mmmmaarrcuss ch.Jajaja!“

Was sagen sie?“

Wie gesagt schien er immer wieder zu vergessen, das ich doch erst noch ein halbwüchsiger Junge war. Machte immer wieder zweideutige, schlüpfrige Andeutungen. Und je länger wir sprachen, hatte ich immer mehr das Gefühl, das ich mit einer Sache konfrontiert wurde, die mein Verstehen weit überstieg, aber mir trotzdem seltsam vertraut erschien.

Ich werde es ihnen erzählen Herr von Alverdissen. Alles, werde es dem jungen Herren erzählen. Hab es noch niemandem erzählt!“

Was jetzt folgte, was er zu erzählen hatte, war so unglaublich das ich es zunächst kaum glauben wollte. Ohne jede Zuckungen erzählte der Schustergeselle die Geschichte der Katharosa Theodora von Alverdissen und Marcus Christianus. Die eine Liebschaft miteinander hatten, aus der das Geschlecht der von Alverdissen entstehen sollte. Denn aus ihren Lenden entsprang nach einer Leidenschaftlichen Nacht der Erstgeborene von Alverdissen. Adono Diederich mit Namen. Der eigentliche Begründer der von Alverdissen. Deswegen sah man auf dem Wappen keinen Mönch, sondern einen Druiden. Was allerdings so nicht zu erkennen war. Woher das dieser eigenartige hässliche Mann wusste?

Er war, so behauptete er zumindest, einer der Nachfahren der Hebamme, die Adono, Diederich auf auf die Welt brachte.

Offiziell wurde dieser Junge als der Sohn des damaligen Ritter Hermann, Phillip von Alverdissen deklariert. Hermann tat sich in einer Schlacht des Fürstenhauses gegen aufständische Räuberbanden im Raum Bückeburg – Stadthagen wegen Tapferkeit gegen den Feind hervor und wurde deswegen zum Ritter geschlagen. Mit ihm war das damalige Fräulein, eine Ur- Ur-Ahnin von Mutter, offiziell liiert. Dem Ritter war dieses Kind recht. Denn er selber war unfruchtbar. Somit wäre sein hart erkämpfter Adelstitel wieder verloren gewesen.

Wilde Zeiten waren das damals. So war der Fortbestand des neuen Hauses von Alverdissen gesichert. Nur wissen durfte das keiner. Herr Woitzek belauschte aber als kleiner Junge, damals ebenfalls ein Waisenkind, ein Gespräch des damaligen Abtes und der Großmutter des Fräuleins. So landete er im Waisenhaus, wurde „behandelt“ und war fortan der Dorfnarr, den keiner mehr ernst nahm. Ich tat es. Ich nahm ihn sehr ernst sogar. Was für eine Scheußlichkeit für einen unschuldigen kleinen Jungen? Was musste dieser alte Mann als Kind alles mitmachen?

Doch was wiederum sollte ich jetzt tun?

Wenn ich mir das jammervolle Schicksal diese armen alten Schustergesellen vergegenwärtigte. Diese Dunkelheit die seine Seele verschlingen mochte, mir aber trotzdem sein ganzes Wesen ansah, das trotz allem einer gewissen gespenstischen Komik nicht entband, dann wurde mir das Herz sehr schwer. Der, der am wenigsten dafür konnte was geschah. Der das damaligen leicht frivolen Fräulein nicht kannte, litt am meisten. Denn das war noch nicht alles, es ging noch weiter. Ihr Verrat noch tiefer. Als sie ihr Ziel erreichte, brachte sie Marcus Christianus auf den Scheiterhaufen. Wenn das alles stimmte, dann wusste ich warum Mutter so auf ihn reagierte. Aber dann wusste sie darüber sicher auch Bescheid. War das dann alles in seiner Abscheulichkeit wirklich war? Oh ja, es war!

Es gab Momente in diesem Gespräch, da übertrug sich der Wahn des alten Schustergesellen so intensiv auf mich, das ich mich trotz meines zarten Kindesalters fühlte wie ein Greis. Dann lastete meine doch eigentlich unbeschwerliche Kindlichkeit schwer. Ich wusste einfach das er die Wahrheit sprach. Durch das Buch in meinem Turm! Ich hatte es noch lange nicht zu Ende gelesen. Doch deckten sich zu viele Details mit seinen Schilderungen. Nun wusste ich, wer es geschrieben hatte!

Katharosa Theodora! Die Urahnin Mutters.

Er nahm mir untertänigst das Versprechen ab, nicht mit meiner Mutter über das soeben gehörte zu sprechen. Doch dieses, das war mir sofort klar, würde ich nicht halten können. Und wenn ich ihn so ansah, dann hatte ich das Gefühl das ihm dies ebenfalls von vornherein klar war.

Warum aber erzählte er mir diese unglaubliche Geschichte? Diese Frage stellte ich ihm auch sogleich.

In dem Jungenenchchenherrrren lebth das Lichtchgngn.“

Der Herr Woitzek wurde immer erregter und bekam jetzt hektische Flecken im Gesicht.

Welches Licht denn?“

Das Licht das den Tod besiegt! Sie können diesen Weg gehen, und wieder zurück!“

Ich war zwölf, fast dreizehn!! Was geschah hier?

Johannes? Johannes! Wo bist du?“

Mutter. Sie suchte nach mir. Froh diesem Gespräch jetzt entfliehen zu können ging ich nach draußen. Herr Woitzek blieb sichtlich enttäuscht zurück. Ich war mir sicher das dies nicht das letzte Gespräch zwischen uns bleiben sollte. Doch würden zum nächsten Gespräch Jahre vergehen. Auch weil der Schustergeselle mir und ich ihm lange aus dem Weg ging.

Als ich zu Mutter ging sah sie mich prüfend an.

Alles in Ordnung mit dir?“ „Alles in Ordnung!“ Antwortete ich, nicht ganz wahrheitsgemäß.

Einstweilen gingen wir in Ruhe nach Hause und Mutter lobte mich dafür, das ich alles richtig gemacht hätte.

Überhaupt geschah in den nächsten zwei, drei Jahren wenig. Keine weiteren Geheimnisvollen Funde oder Träume, keine Gespräche.

Ich las das Tagebuch, in dem alles fast genau so stand, wie Herr Woitzek es beschrieb. Und das sie ihn wirklich liebte. Doch diese Liebe war unmöglich. Es waren einfach andere Zeiten. Und eine Liebe zwischen dem Druiden Marcus Christianus und ihr, einer Adligen, war vollkommen unmöglich. Waren doch alle Druiden immer in Gefahr der Inquisition anheim zu fallen. Und mit ihm alle die ihm nahe standen. Doch ihren Andeutungen zufolge gab es da noch jemanden der ihr sehr nahe stand. Aber ohne das sie ihn liebte. Doch dort stand nichts von einem Verrat. So offen und ehrlich wie sie schrieb, hätte es, wenn es diesen Verrat gab, dort gestanden.

Über die Zeit wusste ich Mutter immer besser zu nehmen. Doch sie wusste auf jeden Fall nichts von diesem Buch. Noch ein Geheimnis. Wo aber kam es dann her? Keiner wusste etwas darüber!

Zu ihrer Ahnin fragte ich sie nicht, noch nicht. Es wollte sich einfach nicht die richtige Gelegenheit ergeben.

Was blieb waren nur meine von Wissensdurst getriebenen Nachforschungen. Doch übertrieb ich es auch nicht mit meiner Suche. Es hielt mich wohl auch die Sorge zurück, nicht zu viel finden und erfahren zu wollen. Denn ich war den von Alverdissen sehr dankbar für alles und wollte dies nicht mit meiner Neugierde und meinem Misstrauen „besudeln“. Außerdem war es doch schon so lange her. Keiner der heute lebte hatte etwas damit zu tun! Aber solch ein echtes Geheimnis? Dazu das Tagebuch! Und das in meinem Alter vor meiner Nase? Der mysteriöse gute Freund des Marcus Christianus auf dem in diesem Buch immer wieder hingewiesen wurde. Sein Freund M. Oder unser Freund M….. Es gab Andeutungen über seine Familie, aber keine Namen. Sicher wollte sie ihn so damals schützen, falls diese Buch gefunden worden wäre und in die falschen Hände geriet. Diesen Freund fand ich nirgendwo.

Nun gut. Ich wurde in der neuen Schule eingeschult. Und alles bekam eine neue Routine.

Die Klasse in die ich kam war in Ordnung. Nur das Mai Ahnefeld in einer anderen war störte. Mutter war dafür bekannt das sie Jugendlichen und Kindern eine neue Chance gab. Das sie mich an Kindes statt aufnahm, ließ mich in meinem Ansehen nur noch steigen. Und dank meiner neuen Gesellschaftlichen Position ließen mich auch alle in Ruhe. Ich selber nahm diese neue Position auch schnell an. Wurde sogar ein guter Schüler. Vor allem im Geschichts- oder Heimatunterricht. Nicht das ich mir etwas einbildetet oder so. Aber ich wurde mir durchaus bewusst wer meine Mutter war.

Mit Mai Ahnefeld kam ich auch nicht weiter. Walter und Thea und auch alle anderen beantworteten meine Fragen zu den Alverdissens merkwürdig zugeknöpft. Mutter wagte ich nicht zu fragen, was sicher am einfachsten gewesen wäre. Lediglich in der Bibliothek fand ich dazu Informationen. Diese waren allerdings eher allgemeiner Art. Und auch die Besuche im Extertal brachten nichts. Marcus Christianus ward von mir einstweilen nicht mehr gesehen.

Ja und der Dachboden? Er brachte auch keine neuen Erkenntnisse. Allerdings hätte ich auch mit meiner ganzen Klasse Jahre dort oben verbringen können. Immer mehr begann ich zu zweifeln, ob ich den Druiden wirklich jemals sah. Doch dieser eine Satz des Schustergesellen verfolgte mich.

Das Licht das den Tod besiegt! Sie können diesen Weg gehen, und wieder zurück! Denn das Licht leuchtet ihnen.“

Walter wollte ich zunächst nicht mehr fragen und beschloss daher zu warten.

Kapitel 6./0

Marcus Christianus

Nach dem Gespräch mit Herrn Woitzek dachte ich eine Zeit lang die Ereignisse würden sich überschlagen, doch geschah vorerst nichts. Der Heimweg an diesem denkwürdigen Sonntag war sehr still. Mutter fragte nichts und sagte nichts. Ich ebenso. Im nach hinein betrachtet war das sehr befremdend. Andererseits war ich froh nicht reden zu müssen. Mein Kopf wäre auch zu voll gewesen. Mutter sprach nie über diesen Moment. Doch ich war mir sicher das sie wusste mit wem ich in der Kammer sprach.

Die Dinge die ich über Marcus und Katharosa, Theodora und die Alverdissens erfuhr schwelten in meinem Inneren weiter und lagen wie ein feiner Nebel über allem. Immer wieder fühlte ich die Anwesenheit dieser beiden. Stellte mir vor wie sie hier lebten. Wenn ich die alte Straße entlangging dachte ich an sie, wie sie diesen Weg vor vielen Jahren auch schon gingen. Ihre Füße berührten den gleichen Boden, den auch ich jetzt berührte. Als Kind fand ich es traurig das von diesen Begebenheiten nichts blieb außer bewegter Luft. Wer weiß wer hier schon entlangging. Ich sah in meiner Vorstellung, ganze Heerscharen hier entlangwandert. Seit den Dinosauriern. Was, fragte ich mich, war es denn dann was blieb.

Ich stellte mir vor, wie sie ihre heimlich Liebe versuchten zu leben. Eine sehr romantische Sicht meinerseits. Später wurde mir klar, das nichts an dieser „Romanze“ romantisch war.

Oft drehte ich mich um, plötzlich fühlend das ich beobachtet würde. Nie sah ich jemanden. Aber seit damals fühle ich mich nie mehr wirklich allein.

Aus den Augenwinkeln glaubte ich immer wieder Menschen in altertümlichen Kleidern zu sehen. Sah ich jedoch in deren Richtung, waren sie verschwunden. Ich hatte eben eine sehr ausgeprägte Fantasie.

Jedes mal wenn ich Herrn Woitzek im Ort begegneten drehte ich mich schnell weg, wechselte die Straßenseite, vermied jeden Kontakt. Mutter entging dies nicht. Stirnrunzelnd sah sie mich an, sagte aber nichts.

Einmal sprach ich später dann noch mit Walter. Wir beide kamen überein, das mir meine Fantasie einen Strich spielte. Es war eben doch sehr viel auf mich eingestürzt. Mir entgingen die besorgten Blicke die er mit Thea austauschte nicht. Mit der Zeit aber wurden diese „Anwandelungen“ von mir immer weniger. Aus heutiger Sicht wäre man sicher mit mir zu einem Kinderpsychologen gegangen. Aber damals…..

Neben einiger öffentlichen Veranstaltungen zu denen mich Mutter mitnahm geschah nicht viel. Die Einweihung eines Kindergartens, ein großes Straßenfest und ein Geburtstag, oder so ähnlich. Meist wurde mir keine große Beachtung geschenkt.Das einzig wirklich aufregende für mich war meine Einschulung. Vor allem weil ich mich vom ersten Moment an als vollkommen akzeptiert und gleichberechtigt fühlte. Auch meine Kleidung unterschied sich nicht. Da war ich eben doch ein normaler zwölfjähriger.

Unser Klassenlehrer Herr Vogt war ein sehr freundlicher Mann und so fühlte ich mich wohl und ging gerne dorthin.

Mai ging leider in die Parallelklasse.

Es spielte sich alles ein. Die Tage bekamen ihren immer wiederkehrenden Rhythmus. Unter der Woche aufstehen und zur Schule mit anschließendem Hausaufgaben machen. Nachmittags hatte ich frei, oder half Anton, ebenso wie an den Samstagen. In meiner Freizeit versuchte ich vorsichtig ohne großen Erfolg an weitere Informationen zu bekommen Wenn Mutter da war, machten wir lange ausgedehnte Spaziergänge durch das Weserbergland in denen sie mich über die allgemeine Geschichte rund um diese Gegend informierte. Den Adel hier und so weiter. Aber auch das alles, sehr allgemein gehalten.

Einmal sprach ich sie noch auf unser Gespräch über das Beten an. Es war seit ich bei ihr war sicher schon ein Jahr vergangen und wir sprachen öfter über dieses Thema. Doch ihr war nicht entgangen wie ernst und gedankenversunken ich manchmal war. Sicher wusste sie nicht warum, doch da sie es respektierte und sich sicher war das ich ihr den Grund dafür sicher sagen würde zog sie vorerst ihre eigenen Schlüsse und sagte deswegen:

Johannes, nimm das Leben und was in diesem geschieht nicht zu wichtig und achte mehr auf deine Träume. Sie sagen dir viel über das Leben. So wird sich alles besser um dich stellen und klarer werden. Es gibt keinen leeren Raum. Alles um uns spricht zu uns. In unseren Gebeten können wir uns diesem zuwenden und uns öffnen. Durch unsere Gebete können wir besser zuhören. Wie man ein richtiges Gebet hält, weißt du ja. Du darfst aber deine Worte nie nur dem vergänglichen Teil der Natur zuwenden.“

. Weiterführende Gespräche fanden vorerst nicht statt. So vergingen die nächsten Jahre und ich hatte viel Zeit über diese Worte nachzudenken und sie zu vertiefen. Die Geschichte um ihre Ahnin und den Druiden entschwand mir nach und nach und wurde wie zu einem Traum. Auch auf die dezenteste Frage, hielt Mutter sich diesbezüglich bedeckt.

Bis zu meinem 15. Geburtstag. An diesem saß ich wieder einmal in meinem Turm und ließ meine Gedanken frei. Eine liebgewonnene Gewohnheit. Die Gäste waren wieder fort. Walter und Thea, ein paar meiner Klassenkameraden. Ja und Mai. Mein Leben war wirklich vollkommen verändert.

Gleich heute morgen fuhr ich mit Anton wieder einmal zu den Wackelsteinen. Er begleitete mich überall hin und wir redeten über die rätselhaften Geschichten die sich um diesen Ort rankten. Die Schwalben waren auf der Jagd, und weiße Wolkenfetzen zogen über den blauen Sommerhimmel. Es war so ein anderer Besuch wie mein letzter, als ich noch im Waisenhaus lebte. Ob das Stück von mir hier immer noch herumlungerte? Ein Rätsel konnte auch Anton mir nicht erklären. Wie diese Steine überhaupt dorthin kamen, wo sie jetzt lagen. Dort auf diesen Felsspitzen.

So liefen wir gemächlichen Schrittes hin und her ohne etwas besonderes zu erleben. Ich ging sogar in die kleine Höhle in der ich Marcus zuerst traf. Eine freudige Spannung nahm von mir Besitz. Aber es passierte nichts.

Dann fuhren wir zurück. Als wir zurückkamen waren die Gäste schon da.

Ich war mir heute so sehr sicher Marcus Christianus zu treffen und war enttäuscht, trotz des schönen Geburtstages. Denn es passierte nichts. Auch Walter sagte, das ich mir das alles damals sicher nur einbildete. Ich war in einer sehr schwierigen Situation und mein Geist suchte nach einem Ausweg, sagte er. Einen Ausflucht aus all der damaligen Traurigkeit. Da spielt einem die Fantasie schon mal einen Streich. Auch wenn es sich plausibel anhörte, wusste ich das es so nicht stimmte. Und ich konnte mich nicht des Eindruckes erwehren, das Walter seinen eigenen Worten auch nicht so recht folgen wollte. Ich wusste jedenfalls, da war mehr. Und zu gegebener Zeit würde ich ihn wiedersehen. Auch wenn ich nicht weiter darüber sprach, vergaß ich das Gespräch mit dem Schustergesellen nicht.

Ich hatte das Gefühl das ich in dem Moment als ich das Tagebuch in dem Turm aufschlug und sah und zu lesen begann, einen Schuldschein unterschrieb. Mir war nur nicht ganz klar wem gegenüber. Aber dieses Buch war zu mir gekommen, weil noch etwas unerledigt war. Marcus, Theodora oder Herrn Woitzek? Oder gab es da noch jemanden? Oder war es nur die übersteigerte Fantasie eines Jungen der unbedingt etwas erleben wollte? Nein! Etwas war unerledigt!

Jemand, oder etwas wollte aus der vergangenen Zeit nach draußen. Hatte noch etwas zu sagen, wollte sich mitteilen! Nur wer, oder was? Und vor allem was hatte ich damit zu tun. Ich befand mich auf einer Straße die ich nicht kannte. Kam mir vor, als ob dies der Weg von etwas anderem wäre.

Ich weiß heute das es nicht um irgendwelche Geister oder arme Seelen ging. Und auch damals hatte ich nicht einen Moment das Gefühl von wandernden Seelen. Es war mehr ein freiwerden gebundener Kräfte. Kräfte die durch die Vergänglichkeit der Körper, in die sie eingeschlossenen waren, durch mich nun zu ihrer Vollendung kommen würden. So als ob ich der Wipfel wäre, der den Ast erweiternd vollendet. Das unerledigte der Leichname der Vergangenheit. Deren Seelen längst im Meer des Universums aufgegangen waren.

Wellen die von einem Stein verursacht, sich in einem See noch lange ausbreiteten, obwohl der Stein längst am Grunde liegt!

Ich würde die Zellen zur Vollendung bringen. Das Erbe dieser Sterbestunden antreten. Ein Erbe das ich damals noch nicht verstand.

Ich war jetzt ein Junge. Damals als alles begann noch ein Kind. Doch ich verstand nicht was es war was mich mit diesem jemand, oder etwas verband?

Heute sage ich; es war meine Aufgabe. Mag sein, das dies die Form der Unsterblichkeit ist, die uns Menschen zu eigen ist.

Ich saß, als ich so nachdachte, weit weg von den Gedanken die ich gerade aufgeschrieben habe, in dem Sessel, in meinen kindlichen Gedanken versunken. Mir immer wieder die Frage stellend, was ich den wohl falsch gemacht hätte das Marcus Christianus sich nicht mehr sehen ließ. Das Buch auf meinem Schoß, die Hände gefaltet und hatte plötzlich seit langem wieder einen meiner Tagträume. Nachdem was Mutter sagte, ließ ich ihn freudig zu!

Ich stand auf einer staubigen Straße im gleißenden Sonnenlicht, welches mich von hinten anstrahlte.

Mein Schatten lag unförmig auf den großen blanken Pflastersteinen vor mir. Die Füße viel zu dick, band er mich an den Boden. In der Ferne in der wabernden Luft, zog eine Gruppe Soldaten vorbei. Ihnen voran ein Gruppe von vier Priestern. Davor ein schwerer Wagen aus Holz, mit Gittern vor den Fenstern. Auch auf diesem saßen Priester. Inquisitoren.

Woher ich das wusste konnte ich nicht sagen.

Große buntschillernde Insekten surrten und brummten an mir vorüber . Das trockene Gras raschelte im Wind.

Was muss nur geschehen das sie mit diesem Wahnsinn aufhören?“ Sagte Marcus Christianus neben mir.

Ich weiß es nicht!“ antwortete ich. „Doch du solltest leiser sprechen mein Freund. „Diese Priester haben überall Ohren und Augen.“ Ich hörte diese Stimme, wusste das ich es war in diesem Traum der Sprach, doch wer war ich?

Warum verstehen sie nicht, das wir nur leben um die Vollendung unserer Seelen willen. Um zu handeln als seien wir unsterblich. Nicht um des Dinges Willen in unseren Händen, oder um des Rechtes willen. Wer dieses Ziel nicht verliert versteht, das auch der Tod nur eine kurze Rast bedeutet. Warum also laden sie diese elende Schuld auf ihre Schultern?“ nach einer kurzen Pause sagte er. „Sie ist in Erwartung.“

Wie bitte was?“

Sie ist in Erwartung.“

Dann musst du schnellstens weg von hier.“ Ich wusste sofort das es um die junge Adelige ging. Das Fräulein Alverdissen.

Aber wohin?“

Egal, nur weg. Alle wissen das sie oft bei dir war, und dich um Hilfe bat. So, oder so, es ist für sie Hexenwerk. Denn eine Adelige kann man nur mit Hexenwerk verführen. Und einer der nicht kann, kann auf einmal wieder? Zauberei! Wenn du weg bist, dann werden sie es nicht wagen den Ritter anzuzweifeln!“

Du hast recht! Denn ich habe noch etwas zu tun. Meine Zeit wird kommen, doch jetzt noch nicht!“

Wir müssen mit den Meistern reden!“

Dann erwachte ich wieder! Ich wusste das es Marcus Christians war mit dem ich sprach. Doch wer war ich in diesem Traum?

Und wieder überstieg das gesagte bei weitem meinen kindlich- jugendlichen Horizont. Doch ich nahm es wie es war.

Irgendwann würde ich es verstehen.

Was mich sehr viel mehr beschäftigte war etwas anderes. Es war so real! Ich konnte noch die trockene warme Luft in meinen Lungen spüren.

Kapitel 6./1

Marcus Christianus

Marcus Christianus war wieder da!

Meine Freude überwog zunächst meine Verwunderung. Der Tagtraum gerade war so sehr real! Doch worüber wollte oder sollte ich mich denn noch wundern? Jetzt jedenfalls musste ich mich bewegen, einfach bewegen. Ich war so voller Gefühle, ich musste mich bewegen. Was war das für ein Ort an dem ich gerade war. War das die Ewigkeit in der er wartete um zu mir zu sprechen? Ging man im Traum an einen solchen Ort? Ein Ort zwischen jetzt und der Unendlichkeit? Ich wusste es nicht und ich weiß es immer noch nicht!

Heute weiß ich nur eins.; Wer in der Unendlichkeit die Ewigkeit sucht und nicht das Ende, für den ist beides das gleiche. War ich ein Wanderer zwischen den Zeiten und Welten? War das, dass Licht von dem der Schustergeselle sprach? Bedeutete das alles, das ich das Schicksal lebendig begrabener teilen sollte um ihre Kraft zu befreien? Ich weiß es nicht. Und das war auch nicht das was mich damals bewegte.

Marcus Christianus war wieder da! Und im Moment zählte für mich nur das. Er würde mir helfen in dieses Dunkel Licht zu bringen.

Licht!?

Während ich damals so hin und her lief, stellte ich mir nur die Frage warum. Warum jetzt! So wie, auf dem Bergrücken! Oder sollte ich wieder etwas ganz bestimmtes tun?

Ich entschloss mich nach unten zu gehen. Ich musste mich bewegen, atmen. Anne war schon fertig und alles wieder ordentlich, als ich in den Salon kam. Auf dem Weg nach unten, als ich mich umsah, sah ich alles wie durch eine Lupe. Die Maserung auf der Marmortreppe und dem Geländer. Die Holzrahmen und die alte Farbe auf diesen. Selbst die Pinselstriche auf den Ölgemälden. Eine Fliege an der Wand und das Muster der Tapete. Oder die Blume in der Vase die auf dem kleinen Tisch der auf dem mittleren Treppenabsatz stand. Alles schien irgendwie hervorzustechen, besonders zu strahlen. Dann betrat ich den Salon. Ich war im Salon selten allein. Die allermeiste Zeit hielt sich Mutter in diesem auf. Doch wenn nicht, kam ich gerne her genau um alleine zu sein. Schlich im stillen, manchmal auch abends im dunkeln, wenn dann alles irgendwie anders aussah, hierher und atmete, sah, horchte. Dieser große hohe Raum, mit dem großen Kronleuchter und dem riesigen Kamin. Dieses gewaltige Aquariusbild. Hier konnte ich zur Ruhe kommen. Wenn ich etwas benennen sollte was dem Begriff Geborgenheit am nächsten kam, hätte ich damals diesen Raum genannt. Vor meinem Zimmer oder irgendeinem anderen Ort! Hier fühlte ich mich geborgen!

Erst heute viel mir auf, das entgegen der sonstigen Gewohnheit anderer, kein Portrait eines Ahnen hier hing. Nicht hier und nicht im ganzen Haus, Bis auf eine Ausnahme, die aber keinem der normalen Portraits glich. Bei den anderen Adeligen bei denen wir schon zu Besuch waren hingegen, hingen diese überall herum. Irgendwelche Bilder, zu allermeist Männer, mit gewaltigen Bärten in wichtiger stolzer Pose. Vor einem gewaltigen Hintergrund, zum Beispiel einer Schlacht, oder einem Schloß, in ihrer jeweiligen Galauniform oder sogar in Rüstungen. Frauen in schönen Kleidern, mit aufwendigen Frisuren. Als ich Mutter dahingehend ansprach warum das so war sagte sie das die meisten Bilder gestellt waren, die Gesichter und die Figur geschönt, die Hintergründe erfunden und auch die Uniformen oder Kleidung oft verbessert. „Alles Lüge!“ sagte sie.

Hier im Haus hing natürlich der Aquarius, ansonsten nur Stilleben, oder Landschaftsgemälde.

Nur ein Bild zeigte ein Gesicht. Es handelte sich um einen alten bärtigen Mann, der in Denker -Pose vor dem großen zweiflügeligen Fenster saß, welches im Salon auf der Seite zum Park zeigte. Hinter ihm durch das Fenster scheinend, der in seinem Farbenspiel wohl beeindruckendste Sonnenuntergang den ich bis zum heutigen Tag je sah. Mutter meinte es sei der Bruder eines ihrer Urgroßväter. Warum er gezeichnet wurde und wie alt genau es war wusste sie nicht. Doch sie fand es auf dem Dachboden, und so schön, das sie es aufhängen ließ. Es hing neben der Tür zu dem Flur der an der Küche vorbei zu Werkstatt führte.

Auch dieses Bild zog mich immer magisch an, denn aus irgendeinem völlig verworrenen Grund hoffte ich einen Hinweis auf diesem zu finden. Vielleicht weil es wohl möglich das einzige aus der Zeit war die mich interessierte. Ein Bild das hier in diesem Haus gefertigt wurde. Jedes mal wenn ich an ihm vorbei ging, sah ich mir jedes Detail genau an. Hoffte etwas übersehen zu haben. Aber ich fand natürlich nichts. Die Mauer die das Grundstück umgab war schon da. Doch das Eiserne Tor fehlte und die Bäume waren auch viel kleiner.

Anne werkelte in der Küche. Doch ich wollte mit niemandem sprechen und blieb in dem Salon.

Warum verstehen sie nicht, das wir nur leben um die Vollendung unserer Seelen willen.“

Ob alle15 jährige sich mit solchen Gedanken beschäftigten wusste ich nicht. Über so etwas sprach ich mit denen nicht.

Ich stand vor dem Bild des Aquarius und mir schoss dieser Gedanke durch den Kopf.

Als Mutter nach Hause kam und plötzlich in der Tür stand.

Hallo mein Kind.“ sagte sie. „Ein beeindruckendes Bild, eines beeindruckenden Künstlers. Einer der diesen Namen, Künstler, verdient. Ein Künstler der in seinem Geist dem magischen den Vorrang gab gegenüber dem realistischen.“ Als ich mich umdrehte ließ ich meine Augen durch den Salon streifen. Sah in meiner Fantasie für einen kurzen Moment Generationen von Alverdissens hier sitzen und stehen.

Guten Tag Mutter. Wohnen unsere Vorfahren schon immer hier in diesem Haus?“ fragte ich und erschrak im selben Moment vor meiner eigenen Frage. Denn auf diesen Gedanken war ich bis jetzt noch nie gekommen.

Ja! Die von Alverdissen´s wohnen schon immer hier, in diesem Haus. Es ist unser Stammsitz. Was ist los mein Junge?“

Mutter, ich habe nicht darüber gesprochen.“ So schien es, das jetzt der Moment gekommen war. „Ich habe über die Alverdissens viel gehört. Im Druidental. Vor allem über eine.“ so nannte ich das Tal immer. Mutter verstand genau.

Von dem Schustergesellen?“ Stumm und verlegen nickte ich.Den Blick aber immer aufrecht.

Dieser wirre, verstörte Mann hat also mit dir gesprochen. Nun gut.“ Mutter ging zu ihrem Sessel und klingelte bevor sie sich setzte nach Anne. „Komm und setz dich.“ sagte sie entspannter als ich es erwartete. Sie trug eines ihrer leichten Sommerkostüme und schien vom Einkaufen zu kommen. Mutter ließ es sich nicht nehmen, einige Einkäufe selber zu erledigen. Vor allem bei gutem Wetter ging sie gerne in die Stadt. Erleichtert über ihre Reaktion setzte ich mich und wartete. Nachdem Anne ihr den Tee und mir etwas süßen Sprudel brachte waren wir wieder alleine.

Und Johannes? Wie war den dein Geburtstag bis jetzt?“

Einfach super Mutter.“

Geschenke machten wir uns in all den Jahren keine. Ich wollte nichts, da ich alles schon geschenkt bekam was ich mir wünschte. Ein Zuhause und eine Familie.

Mutter wollte nichts da sie alles schon besaß. Daran hielten wir uns all die Jahre.

Bis auf ein paar Kleinigkeiten schenkten mir auch die anderen nichts. Aber das war ja auch nicht nötig.

Nun? Was wird denn erzählt?“

Na diese Geschichte mit der adeligen und dem Druiden.“ sagte ich. „Das war doch eine unserer Ahnen, oder?“

Das unserer kam mir wie von selbst über die Lippen.

Ja, das war eine der Ahnen.“ sagte sie und atmete laut ein und aus

Du warst heute wieder in dem Tal?“

Wieder nickte ich stumm. Dann erzählte Anton ihr doch nicht alles.

Ich kenne deine Geschichte Johannes. Der Dekan hat sie mir erzählt. Auch die von deiner, nennen wir es Begegnung dort.“

Bitte entschuldige. Ich wollte nicht respektlos sein.“

Johannes, es ist gut. Dein junges Blut muss viele Fragen stellen. Das steht dir zu!“ fast klang sie dabei fröhlich als das sagte. „Hast du denn dort alles gefunden was du suchtest?“

Ich verstehe nicht Mutter.“ „Na ihn!“ „Ihn?“ „Johannes, bitte.“ Natürlich, sie kannte IHN natürlich.

Nein. Ich habe dort heute nichts gefunden.“Das heute nichts überhörte sie geflissentlich.

-Luke Elljot-

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Über Luke Elljot - Autor

Bei Beginn des Blogs 2015 war ich um jetzt genau zu sein 53. Ich möchte so über meine persönlichen guten Erfahrungen auf dem Gebiet der Gedankenkraft informieren. Inclusive den natürlichen Rückschlägen. Dazu habe ich auch ein Buch geschrieben: Lutz Jacobs, Gesundheit und Spiritualität. ISBN: 978-3 8442-3669-9 erhältlich beim epubli Verlag. http://www.epubli.de
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3 Antworten zu Morgenrot – Vorwort 1 © by Luke Elljot

  1. Gustav Meyerink ist auch mein „Mentor“ Wollte ihn aber nich kopieren. Danke! Vielen Dank.

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  2. Ich hatte seinen Namen vollig vergessen. Danke!

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